Kenneth J. Arrow: "Wo es Glauben gibt, sind einige Dinge möglich",

© APA/HERBERT NEUBAUER

Vortrag
10/23/2013

Der Glaube kann Märkte versetzen

Kenneth Arrow in Wien: 93-jähriger Nobelpreisträger und Publikumsmagnet.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Er war der bis dato jüngste Wirtschaftsnobelpreisträger: Kenneth Arrow erhielt die Auszeichnung 1972 im (nach Nobelpreis-Maßstäben) zarten Alter von 50 Jahren. Heute ist er 93– und ein echter Publikumsmagnet: Mehrere hundert Zuhörer ließen den großen Kassensaal der Oesterreichischen Nationalbank am Dienstagnachmittag aus allen Nähten platzen. Wer zu spät zum Vortrag kam, musste mit der Videoübertragung im zweiten Veranstaltungssaal vorlieb nehmen.

Wifo-Chef Karl Aiginger, der Arrow nach Wien eingeladen hatte, würdigte den US-Ökonomen als einen der ganz Großen der Zunft. Und er verwies auf dessen fast schon seherische Begabung: 2003, also lange vor der Finanzkrise, hatte Arrow die großen Herausforderungen der Wirtschaftspolitik für die nächsten zehn Jahre treffend benannt: die Regulierung des instabilen und betrugsanfälligen Finanzsystems, den Klimawandel, die zunehmenden Einkommensunterschiede und die alterungsbedingt steigenden Gesundheitskosten.

„Wir würden in einer besseren Welt leben, wäre die Politik diesen Aufträgen gefolgt“, sagte Aiginger. „Leider kann ich keinen einzigen dieser Punkte von der Agenda nehmen“, bedauerte Arrow selbst. Im Gegenteil: Die Probleme hätten sich seither weiter verschärft. Im Finanzsektor gebe es große Widerstände gegen Veränderung. In seinem Vortrag spannte er einen weiten Bogen über das gesamte ökonomische Spektrum – von den Weizenpreisen bis zum Gesundheitssystem, von Wetterprognosen über die Pleite des Hedgefonds LTCM bis hin zu Erneuerbarer Energie. Überall findet er Belege für die These, dass die Märkte keinesfalls vollkommen, sondern unsicher und ständigen Veränderungen unterworfen sind.

Zirkelschluss

Werden komplexe Systeme auf einfache Modelle heruntergebrochen, können aber schon minimale Veränderungen gewaltige Ausschläge verursachen. Das stellt Ökonomen vor ein Dilemma: Einerseits sind Prognosen über die wirtschaftliche Entwicklung wichtig, weil davon Investitionsentscheidungen abhängen. Andererseits werden sie dadurch erschwert, dass Erwartungen stets auf anderen Erwartungen aufbauen und so ein Zirkelschluss entsteht. „Der Glaube spielt ein große Rolle“, schließt Arrow daraus.

Wifo-Chef Aiginger erlaubte sich einen Seitenhieb auf die sogenannte „Chicagoer Schule“. Diese hatte– simpel formuliert – postuliert, dass der Markt immer recht hat. „Alles, was uns die Chicagoer Schule über effiziente Märkte gesagt hat, war falsch. Allerdings war alles richtig, was sie uns über ineffiziente Regierungen gesagt hat.“ Das Nobelpreis-Komitee hielt sich heuer (wieder einmal) nobel aus dem Richtungsstreit heraus – es verlieh einem namhaften Exponenten (Eugene Fama) und Kritiker (Robert Shiller) dieser Denkrichtung gleichzeitig den Preis. Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny nannte Arrow einen der „einflussreichsten Ökonomen unserer Zeit“. Die Bandbreite seiner Arbeit zeichne ihn aus – und sei auch für Zentralbanker sehr bedeutend.

Kenneth Arrow ist unter anderem Mitglied im Forschungsbeirat des Projektes „WWW (Wealth, Welfare and Work) for Europe“, das von der EU-Kommission finanziert wird. Unter der Leitung des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) arbeiten dabei 32 Forschungseinrichtungen aus 12 Ländern daran, mögliche Grundlagen für ein gesünderes Wirtschaftssystem zu finden.

www.foreurope.eu

Bilder: Die Nobelpreisträger für Wirtschaft der vergangenen Jahre

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare