Wirtschaftskriminalität in 10 Jahren um 128 Prozent gestiegen
Am Oberlandesgericht Innsbruck wird ein prominenter Fall von Wirtschaftskriminalität verhandelt.
Zusammenfassung
- Wirtschaftskriminalität ist in den letzten zehn Jahren um 128 Prozent gestiegen, insbesondere bei schwerem Betrug und Veruntreuung.
- Hauptgründe für den Anstieg sind Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz, Internetbetrug und Auswirkungen der Corona-Pandemie.
- Die Baubranche ist besonders betroffen, und Experten raten Unternehmen zu mehr Wachsamkeit und schnellem Handeln bei Verdachtsfällen.
Schwerer Betrug, Veruntreuung, betrügerische Krida - bei Wirtschaftsdelikten hat es seit 2015 einen großen Anstieg gegeben. Die Zahl ist von 22.235 auf 50.641 im Jahr 2024 gestiegen, wie aus Statistiken des Bundeskriminalamts hervorgeht. Das entspricht einem Zuwachs von 128 Prozent und sei ein deutliches Alarmsignal, warnen Experten bei einer Pressekonferenz am Montag.
Schadensummen sind ebenfalls deutlich gestiegen
"Auch was die Schadensummen betrifft, gibt es eine extreme Entwicklung", sagt Martin Geyer, Sachverständiger für Wirtschaftskriminalität. "Im Fall Bank Burgenland im Jahr 2000 hat man noch gelaubt, 2,6 Milliarden Schilling würden nie wieder erreicht werden. Bei der Hypo Alpe Adria waren es 10 Milliarden Euro." Signa könnte sich auf 30 Milliarden Euro belaufen.
Größtes Plus bei schwerem Betrug
Bei schwerem Betrug hat es von 2015 bis 2024 einen Anstieg von 4.656 auf 10.947 Fälle gegeben. Bei Veruntreuung hat sich die Zahl von 2.019 auf knapp 4.000 Fälle fast verdoppelt. Bei Untreue sind es 21 Prozent Plus (307 auf 370 Fälle), bei betrügerischer Krida 36 Prozent (224 auf 305 Fälle). Durch Betrugsfälle würden seriöse Unternehmen aus dem Markt gedrängt und auch die Allgemeinheit werde geschädigt, etwa durch nicht bezahlte Lohnkosten und Sozialversicherungsbeiträge.
KI macht Internetbetrug einfacher
Die Gründe für den Anstieg der Wirtschaftskriminalität seien vielfältig. Internetbetrug sei durch die Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz einfacher geworden. Täter seien in eigens dafür geschaffenen Unternehmen - meistens in Ländern außerhalb der EU - tätig und versuchen, durch massenweise Kontaktversuche an Opfer zu gelangen. Der Anstieg in den vergangenen paar Jahren könnte auch auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sein, meint Geyer.
Corona-Hilfen haben Schaden verzögert
"Einige Unternehmen hatten schon vor der Krise Schulden bei der Finanz oder bei Krankenkassen. Dann haben sie staatliche Hilfen bekommen und sich eine Zeit lang drüber gerettet. Und jetzt entsteht erst Schaden." In vielen Fällen mache auch die Gelegenheit Diebe, meint Walter Strobl, Präsident des österreichischen Inkassoverbandes. "Manchmal sind Delikte nicht bewusst geplant, man rutscht in Grauzonen hinein."
Baubranche besonders anfällig für Kriminalität
Besonders anfällig für Wirtschaftskriminalität sei die Baubranche. Bei Ausschreibungen werden Preise gerne beschönigt, so Strobl. "Aber die Margen sind nicht exorbitant hoch, außer man trägt das Seinige dazu bei", sagt Geyer. Dann werden etwa Arbeiter nicht angemeldet und im Nachhhinein höhere Preise verlangt.
Wie schnell man als Unternehmer zum Opfer werden kann, schildert Malermeister Henryk Sojka. Er lernte vor zwei Jahren einen Immobilienunternehmer kennen, der in Österreich Projekte im Millionenbereich entwickelte. Er habe eine große Chance für sein Unternehmen gesehen, schildert Sojka. Mehr als 3.000 Mannstunden wurden erbracht, teilweise unter Einbeziehung von Subfirmen. Am Ende blieb er auf Rechnungen von 135.000 Euro sitzen, sein Unternehmen entging nur knapp der Pleite.
Nicht hoffen, handeln
"Eines der größten Probleme ist das Prinzip der Hoffnung", sagt Geyer. Bleiben Geschäftspartner bei Zahlungen im Verzug, hoffe man lange darauf, dass sich das Problem bald von selbst erledigen werde. Dabei gelte es aber schnell zu handeln, so Strobl. Inkassopartner würden gerne dabei helfen, Forderungen einzutreiben und Beweise zu sammeln, die eine Anzeige bei der Polizei erlauben. Die werde erst tätig, wenn ein nachweisbarer Schaden entstanden ist.
Polizei hilft erst, wenn man Delikt beweisen kann
Schon bei Verdacht auf Hilfe von der Polizei zu hoffen, sei falsch. Die personelle Ausstattung von Behörden lasse es oft nicht zu, Ermittlungen rasch einzuleiten. Vielen Unternehmen sei dies auch bewusst. Im Ausland ansässige Geschäftsführer seien etwa ein beliebter Trick, um sich Ermittlungen zu entziehen. Verantwortliche seien dabei einfach nicht greifbar, was die Angelegenheit in die Länge zieht.
Am wichtigsten sei, den "Hausverstand" einzuschalten und wachsam zu sein, rät Strobl. "Man muss ganz genau schauen, mit wem man sich umgibt." Eine Bonitätsprüfung sei etwa ein Mittel, um schnell herauszufinden, welche Zahlungsdisziplin ein Geschäftspartner üblicherweise an den Tag legt. Eine Portion Misstrauen sei auch hilfreich: "Manche Angebote klingen zu gut, um wahr zu sein."
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