WIFO, Karl Aiginger

© Deutsch Gerhard

Wirtschaftsforscher
08/01/2013

Studiengebühren ja, aber gestaffelt

WIFO-Chef Karl Aiginger fordert radikale Änderungen im Bildungs- und Gesundheitssystem.

von Christine Klafl

Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, fordert Schulautonomie, Änderungen im Gesundheitssystem und mehr Fantasie in der Gewerbeordnung.

KURIER: Sie sagen immer, das Allerwichtigste ist die Ausbildung. Gehen die Verhandlungen zum Lehrerdienstrecht in die richtige Richtung?

Karl Aiginger: In die Richtung schon, aber man sollte nicht über die Zeit der Lehrer in der Klasse reden, sondern über Gesamtarbeitsverträge. In zehn Jahren wird es die 50-Minuten-Stunde ohnehin nicht mehr geben. Es wird viel mehr Gruppen, Projekte und Projekttage geben.

Was würden Sie im Bereich Schule ändern?

Schulen sollten einen Betrag pro Schüler erhalten und selbst entscheiden können, wofür sie Geld ausgeben. Das heißt Schulautonomie gegen Planwirtschaft. Kern des finnischen Erfolgs bei den PISA-Tests ist die autonome Schule. Innerhalb der Schule gibt es Leistungsdifferenzierung, jeder hat eine Begabung. Damit steigt die gesamte Qualifizierung.

Wäre Autonomie nicht teurer?

Nein, autonome Systeme sind immer effizienter und billiger. Sie sind die überlegenen Systeme, wenn es exakte Zielvorgaben gibt. Im Fall Schule heißt das: exakte Bildungsziele, die streng kontrolliert werden müssen. Von den Schulen würde ich verlangen, dass sie ihre PISA-Ergebnisse im Vergleich mit den fünf umliegenden Schulen an der Tür aushängen. Das fördert den Wettbewerb.

Betriebe, die Lehrlinge aufnehmen, klagen über den schlechten Bildungsstand der Schulabgänger ...

Dass 25 Prozent der 15-Jährigen nicht lesen können, ist ein Skandal. Da muss dringend etwas gemacht werden, egal wie. Und wenn es Quizsendungen oder Apps sind. Auch bei der Lehre sehe ich Fehlentwicklungen.

Unser duales System der Lehre wird doch immer so gelobt ...

Es gibt noch immer viel zu viele, die in einzelne Lehrberufe drängen, beispielsweise Friseurinnen. Da muss viel mehr informiert werden. Und da müssten die jungen Leute, bevor sie die Lehrstelle antreten, unterschreiben, dass sie wissen, dass sie voraussichtlich keinen Job bekommen werden.

Wie stehen Sie zu Studiengebühren?

Ich würde sie gestaffelt einführen. Je geringer die Arbeitsplatzchancen bald nach Studiumabschluss sind, desto höher sollte die Studiengebühr sein.

Wo muss sich Österreich noch neu erfinden?

Zum Beispiel beim Gesundheitssystem. Wir brauchen ein System, das auf Prävention setzt. Das beginnt schon in der Schule.

Mit einer tägliche Turnstunde?

Warum nicht? Es kann doch nicht sein, dass wir in Europa die dicksten Kinder und die meisten Raucher unter den Jugendlichen haben.

Müssen wir dann höhere Krankenkassenbeiträge zahlen, wenn mehr Geld für Prävention ausgegeben wird?

Ich bin für ein Bonus-Malus-System. Wer raucht, soll mehr zahlen, wer gesund lebt und Sport treibt, weniger. Insgesamt würde sich das System dadurch verbilligen.

Würden sich durch die höhere Lebenserwartung nicht aber die Pensionssysteme erheblich verteuern?

Das Pensionsantrittsalter muss automatisch mit der Lebenserwartung erhöht werden. Der Vorgang, dass wir älter werden, ist ja unveränderbar. Eine Formel ist da die bessere Entscheidung.

Früher die Pension antreten geht dann gar nicht mehr?

Doch, aber es muss ein System mit starken Zu- und Abschlägen geben. Bei niedrigen Pensionen würde ich aber keine Abschläge machen. Früher oder später wird das gesetzliche Pensionsalter 67 sein müssen. Zuerst als Möglichkeit, bis dahin zu arbeiten, später als Pflicht.

Zum Thema Steuern: Wo sind Änderungen nötig?

Wir haben insgesamt eine zu hohe Abgabenquote, die vierthöchste in Europa. Wir setzen das Geld aber nicht primär für Verbesserungen im Bereich Bildung und Umwelt ein, was wir aber tun sollten. Der Faktor Arbeit ist zu hoch besteuert, das muss geändert werden. Dafür sollte es höhere Steuern auf Tabak, Alkohol und Umweltemissionen geben.

Sind Sie für Reichensteuern?

Eine höhere Grundsteuer wäre jedenfalls sinnvoll. Ich persönlich zahle mehr für Kanalgebühren und den ORF als für die Grundsteuer, das ist absurd. Es muss nicht sein, dass es die Bauern trifft. In den USA werden viele Häuser und Wohnungen vermietet, damit der Besitzer die Grundsteuer zahlen kann. Bei uns steht viel Wohnraum leer, das ist gesellschaftlich völliger Unsinn.

Was ist mit den öffentlichen Ausgaben?

Bei allen Bürokratieausgaben würde ich eine Kürzung um 30 Prozent ansetzen, bis bewiesen ist, dass die Kürzung zu hoch ist.

Müssen mehr Gemeinden zusammengelegt werden?

Das muss nicht sein, aber man muss mehr Aufgaben zusammenlegen. Warum soll es nicht ein gemeinsames Müllsammeln von fünf oder mehr Gemeinden geben?

Sie fordern ein Umdenken in der Gewerbeordnung. Wo kann man da ansetzen?

Es muss viel mehr Fantasie für Kombinationen geben, die auch am Sonntag offen haben. Zum Beispiel ein Greißler mit Café und Trafik, der mit einem Zulieferdienst verbunden ist. Es muss überhaupt viel mehr Kombinationen geben können. Es kann doch nicht sinnvoll sein, dass innerhalb kürzester Zeit ein Auto mit der Zeitung, eines mit einem Packerl und eines mit Tiefkühlkost zu mir kommt.

Wo sehen Sie Österreich in ein paar Jahren?

Als drittreichstes Land Europas müssen wir überall spitze sein. 2030 können wir unter den Topländern Europas sein. Wenn ich träume, sind wir ganz oben. Und zwar nicht nur bei der Wirtschaftsleistung, sondern auch in der Bildung, bei der Umwelt, bei der Gesundheit. Österreich muss sich eine Vision geben, wo es 2030 in einer globalisierten Welt steht.

Alle Interviews zur Serie "Was braucht Österreich? Aufträge an die Politik" finden Sie HIER.

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