Wirtschaft
19.05.2018

„Wir sind im Denken zu langsam“

Was Ex-RTL-Vorstand Andreas Rudas nach fast 20 Jahren Auslandsarbeit der heimischen Wirtschaft rät.

„Zwei wesentliche Attribute der modernen Welt fehlen bei uns komplett: Wettbewerb und Leistung“, kritisiert Andreas Rudas. Er ist seit fünf Monaten Österreich-Präsident von Arthur D. Little, eine der drei größten Beraterfirmen weltweit.

KURIER: Sie hatten nach Ihrem Engagement in ORF und SPÖ für RTL einen internationalen Management-Job. Was ist Ihre Aufgabe bei Arthur D. Little?

Andreas Rudas: Eine meiner Leibthemen ist: Wie kann man positiv auf den Wandlungsprozess durch die Digitalisierung reagieren? Die Medienwelt, aus der ich komme, war ja die erste Industrie, die Antworten auf diese Herausforderung finden musste.

Was raten Sie den Firmen?

Sie sollen die neuen Technologien nützen, um neue Produkte zu entwickeln, effizienteres Marketing zu betreiben, besser mit Kunden zu kommunizieren sowie innere Abläufe für Mitarbeiter zu vereinfachen. Digitalisierung ist eine große Chance, um Mehrwert zu schaffen.

Manchmal auch Bedrohung.

Der Zeitungs- und der Musikmarkt haben international die Digitalisierung zunächst nur als Marketing-Instrument, aber nicht als Geschäftsfeld betrachtet. Diesen Fehler hat das Fernsehen nicht gemacht, sondern sich mit Pay-TV ein zusätzliches riesiges Geschäftsfeld geschaffen. Entscheidend ist die Bereitschaft zur Veränderung. Jede neue Entwicklung bringt auch neue Berufsbilder mit sich.

Aber es mangelt an Fachkräften, vor allem Technikern.

Unser zentrales Problem ist die Bildung, das läuft seit 20 Jahren vollkommen in die falsche Richtung: Es wird zu wenig auf Naturwissenschaften und Leistung geachtet. Noch immer dominiert die Habsburger Bildungsphilosophie, wo es in erster Linie um die Formalqualifikation von Beamten und Militär ging. An Unis und Schulen haben wir quasi ein Fernstudium mit Anwesenheitspflicht: Lehrende geben Aufgaben auf, die zu Hause zu erledigen sind, und das wird dann abgeprüft. Studenten werden viel zu lange an den Unis gehalten, weil man sie nicht ausbildet und rausprüft. Das sind keine Qualitätsmerkmale einer guten Universität. Ich halte es auch für diskriminierend, dass ein Fachhochschulabsolvent neben seinen Magistertitel „FH“ schreiben muss, obwohl er in der Arbeitswelt vielleicht mehr leistet als so mancher Uni-Absolvent.

Ihre Partei, die SPÖ, war aber daran beteiligt, den Blick von der Leistungsorientierung abzuwenden.

Ich war immer ein Querdenker. Mir geht es ausschließlich um dieses Land. Ich liebe Österreich, das mir, einem 1957 aus Ungarn gekommenen Flüchtlingskind, eine riesige Chance gegeben hat. Ich möchte dem Land auch etwas zurückgeben – aber in der Wirtschaft und nicht in der Politik.

Wie blickt man auf Österreich, wenn man nach 20 Jahren Auslandsjob wieder zurückkehrt? Zu meiner Zeit in der Politik waren die großen Themen Arbeitszeitflexibilisierung, Sozialversicherungs- und Gewerbeordnungsreform. Erschreckenderweise hat man nach meiner Rückkehr über dasselbe geredet und außerdem den Hufschmied als geschütztes Gewerbe eingeführt. Das sagt doch alles.

Sie vermissen eine Öffnung des Landes?

Wir sind auch im Denken zu langsam, zu rückwärtsgewandt. Ich bin sehr geprägt durch Asien, wo wir mit RTL 18 Fernsehsender aufgebaut haben. Zwei wesentliche Attribute der modernen Welt fehlen bei uns komplett: Wettbewerb und Leistung.

Wie ist es dann möglich, dass wir dennoch so viele herausragende Firmen haben: von Doppelmayr bis Voest?

Die sind größtenteils international. Was ich aber in meiner Karriere gemerkt habe: Dass die Österreicher, die es schaffen, aus dem Land herauszukommen, weltweit besser sind als andere Manager. Die sind fleißiger und vor allem kreativer. Ich glaube, dass Österreich ein riesiges Potenzial an Menschen hat. Du musst das Land bei Bildung und Ausbildung entfesseln, sowie bei Bürokratie und Unterstützung von Unternehmen.

Entfesselung war einmal der Wahlspruch eines ÖVP-Chefs.

Ich bin nicht bereit, parteipolitisch zu denken.

Angesichts extrem aufstiegswilliger Länder wie China: Geht Europa in diesem Wettbewerb nicht sowieso baden?

Ich glaube, dass es Europa schafft. Wir sollten uns im Leistungsanspruch an Asien orientieren, aber ohne den Drill, der die Menschen zu Befehlsempfängern macht. Wir haben Kultur und Kreativität. Wenn dazu Leistungsbereitschaft, Fleiß und mehr Flexibilität dazukommt, dann ist Europa unschlagbar.

Aber wohl nur, wenn es geeint auftritt.

Auch der größte Euroskeptiker muss zugeben, dass sich die Welt bipolar entwickelt: Hier Amerika, da China. Dazu kommt noch: Diese beiden Länder werden irgendwann einmal nicht mehr von Regierungen, sondern von riesengroßen Konzernen geführt werden, wie Apple, Google, Facebook, Alibaba. Österreich aufzukaufen, kann sich Google aus der Portokassa leisten, glaube ich. Nur wenn sich Europa zusammenschließt, kann es Widerstand leisten. Ich hoffe, dass die wirtschaftliche Vernunft siegen wird – auch in den osteuropäischen Ländern.

Sie kennen Südafrika besonders gut, haben für RTL dort investiert. Manche sehen die Zukunft des Landes düster.

Es ist eines der schönsten und an Ressourcen reichsten Länder der Welt. Es gab eine verfehlte Politik, aber ich baue darauf, dass der neue Präsident, der aus der Wirtschaft kommt, das Land in die richtige Richtung führen wird. Seine ersten beiden Entscheidungen waren: Kampf der Korruption und Unterstützung bei Auslandsinvestitionen.

China reißt sich Afrika unter den Nagel und wird neue Kolonialmacht.

In Afrika tobt ein Konkurrenzkampf China gegen USA, und Europa schaut zu. Dabei hätten wir geografisch und historisch alle Chancen auf diesem Kontinent. Auch was die Flüchtlingsströme betrifft, ist Europa von der Krise des afrikanischen Kontinents unmittelbar betroffen. Für uns sind die jungen, mobilen Afrikaner ein Problem. Doch in Afrika würden sie gebraucht, um das Land aufzubauen.

Themenwechsel: Wie beurteilen Sie die Lage des ORF, für den Sie einst arbeiteten?

Ich glaube, es gibt eine Krise aller öffentlich-rechtlichen Sender, die zu wenig auf ihre Stärken schauen und zu wenig eigene Programme produzieren. Es muss mehr Geld ins Programm und weniger in die Struktur fließen. Der Job der Stunde ist Drehbuchautor. International wird Content gesucht.

Wie sehr beeinflusst die Politik den ORF und umgekehrt?

Natürlich spielt Politik immer eine Rolle. Aber ein Generaldirektor kann wirklich verändern – vor allem, wenn er auf seine Wiederwahl verzichtet.

Es gibt Kritik an der SPÖ. Hat die Partei den Wandel verschlafen?

In die Innenpolitik mische ich mich nicht ein. Die Linke ist weltweit in der Krise. Weil sie noch immer nicht die Wirtschaft als treibenden Faktor für Wohlstand und soziale Sicherheit sieht. Man diskutiert über Unternehmer, als wären sie Bösewichte. Ein Fehler ist auch, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, statt auf ihre elementaren Bedürfnisse zu achten: Sorge um körperliche und soziale Sicherheit zum Beispiel.

Hat diese Krise der Linke nicht auch mit der Migrationswelle zu tun?

Die Sozialdemokratie war immer für die Trennung von Staat und Religion, vehement für die Emanzipation der Frau und für umfassende Ausbildung. Das hat sie in Zusammenhang mit der Migration vergessen. Was dazu führt, dass man zuschaut, wie Frauen unterdrückt werden, ihnen Bildung verwehrt wird. Und man war kritisch gegenüber der katholischen Kirche, aber nicht anderen religiösen Dominanzen gegenüber.

 

Zur Person

Der Manager war bis Ende 2017 Berater und davor Vorstand in der RTL Group. Er  baute das Geschäft der Mediengruppe in Asien, Afrika und Osteuropa auf. Rudas (64) wuchs in Ungarn auf, die Familie flüchtete 1957 nach Österreich. Rudas startete seine Karriere in der SPÖ, wurde später ORF-Generalsekretär, danach SPÖ-Bundesgeschäftsführer (und „Spindoktor“) bei Viktor Klima. Von 2000 bis 2005 war er bei Magna tätig, danach wechselte er zur WAZ Mediengruppe, ab 2008 zu RTL.   2018 wurde er Österreich-Präsident des internationalen Beraterunternehmens Arthur D. Little . Außerdem ist er neuer Aufsichtsratschef der RTR. Die  Medienbehörde vergibt pro Jahr 33 Mio. Euro Rundfunkförderung.