Wirtschaft
21.02.2018

"Wien benötigt einen Reform-Stadtrat"

Junge Wirtschaft-Obmann Jürgen Tarbauer kritisiert hohe Bürokratie und Verkehrspolitik.

Die Zahl der Unternehmensgründungen ist auch im Vorjahr österreichweit gestiegen. Wien bildet da keine Ausnahme. Mit 7773 Gründungen (ohne selbstständige Personenbetreuungen) betrug der Zuwachs 1,6 Prozent (Österreich-Durchschnitt 1,9 Prozent). "Und das trotz der Bürokratie in der Stadt", sagt Jürgen Tarbauer, Obmann der Jungen Wirtschaft Wien (JWW). "Ich bin mindestens einen Tag lang im Monat mit bürokratischen Angelegenheiten beschäftigt." So benötige ein Antrag zum Aufhängen eines Leuchtreklameschildes alles in allem vier Stunden. "Bis zur Genehmigung verstreicht dann ein halbes Jahr", ärgert sich Tarbauer.

Er wünscht sich analog zu Reformminister Josef Moser einen Reform-Stadtrat. "Wenn man sieht, dass es auf Bundesebene funktioniert, wird das auch auf die Bundesländer durchschlagen." Dem künftigen Bürgermeister Michael Ludwig traut er prinzipiell solche Reformen zu.

Verbesserungsbedarf

Die Standortpolitik Wiens hat laut Tarbauer Verbesserungsbedarf. Zwar würden Neuzugänge oder große Erweiterungen gefeiert, aber: "Einer kommt und 20 gehen." Er bewundert jeden Betrieb, der Wien nicht den Rücken kehrt. Als Beispiel nennt er die Firma Popcorner. Der seit 2011 tätige Produzent von Popcorn in diversen süßen Geschmacksrichtungen hat sein Lokal in der Naglergasse in der Wiener Innenstadt. Produziert werden dürfe aber nicht dort, da die Behörden dies wegen Kleinigkeiten nicht genehmigten. So werde die Ware daher täglich von Niederösterreich nach Wien gebracht. Inzwischen wurden aber entsprechende Unterlagenvorgelegt. Die Produktion soll Ende Februar/Anfang März in Wien Simmering beginnen.

Auch andere Betriebe wie die Wurstfirma Wiesbauer in Wien Inzersdorf oder der Spirituosenbetrieb Gautier Mückstein in Favoriten würden einfacher und günstiger in Niederösterreich produzieren, blieben aber Wien treu.

Bratislava

Dabei sei Niederösterreich gar nicht die Herausforderung, so Tarbauer, sondern das osteuropäische Umland. "Gibt es einmal eine Schwebebahn oder einen Hyperloop nach Bratislava, dann wird es noch einfacher zu pendeln."

Als großes Problem neben der Bürokratie sieht er die Verkehrspolitik in der Bundeshauptstadt. "Einen Radweg hat man schneller beschlossen als Maßnahmen für Betriebe. Aber Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, ein Radweg nicht."

Tarbauer kämpft dafür, die Anrainerparkplätze für Betriebe zu öffnen. Die Bezirke und ein Teil der Anrainer wehren sich aber dagegen. "Verkehrsstadträtin Vassilakou hat gewusst, dass sie die Bezirke nicht überstimmen kann." Die Anrainer kann er auch nicht verstehen. "Irgendwann braucht doch jeder einen Installateur. Wo soll der dann parken?"