Wirtschaft 28.02.2015

"MH 17" - Der Abschuss des OMV-Chefs

Gerhard Roiss räumte das Feld. © Bild: APA/HANS KLAUS TECHT

Gerhard Roiss wurde mit anonymen Vorwürfen und hochnotpeinlichen Untersuchungen zum vorzeitigen Abgang gezwungen. Die Anschuldigungen erwiesen sich jetzt als völlig haltlos.

Kein Abgang eines heimischen Spitzenmanagers sorgte in der Öffentlichkeit für derartige Aufregung wie der vorzeitige Abschied von OMV-Chef Gerhard Roiss. Jetzt, vier Monate nach seinem Abschuss, lichten sich die Nebel, warum der Boss von Österreichs bedeutendstem Unternehmen seinem Rücktritt (mit Ende Juni 2015) zustimmte. Der CEO des Öl- und Gaskonzerns wurde das Opfer eines üblen Spiels und ganz gezielt demontiert. Indem er massiv unter Druck gesetzt und mit Vorwürfen bedroht wurde, die sich als völlig haltlos erwiesen.

Als Regisseur fungierte Rudolf Kemler, glückloser und ebenfalls mit vorzeitigem Ablaufdatum versehener Vorstand der Noch-Staatsholding ÖIAG in seiner Rolle als Aufsichtsratspräsident der OMV. Assistiert vermutlich von einem Belegschaftsvertreter. Kemler soll es trotz Dementi selbst auf den zuletzt mit 3,2 Millionen Jahresgage dotierten Job abgesehen haben. Die Betriebsräte wiederum wollten Roiss wegen seines autoritären Führungsstils absägen. Und der OMV-Großaktionär IPIC (24,9 Prozent), der Staatsfonds von Abu Dhabi, hatte nichts dagegen, den für die Araber unbequemen Roiss loszuwerden.

Im vorigen Sommer ersuchte Kemler den OMV-Chef um ein Gespräch. Die Unterhaltung verlief für Roiss ziemlich unerfreulich. Ist nicht gerade angenehm für einen Manager, wenn ihm sein Aufsichtsratsvorsitzender aus heiterem Himmel erklärt, es liege etwas gegen ihn vor und mit einem Papier wachelt. Das er dem Manager zwecks gezielter Verunsicherung vorerst nicht aushändigt.

Das zweiseitige Schriftstück mit dem Titel "Sachverhaltswürdigung" liegt dem KURIER vor. Namen werden nicht genannt, aber jedem Kenner der Branche ist sofort klar, dass die Petrom und der Lobbyist Alfons Mensdorff-Pouilly gemeint sind. 2004 blätterte die OMV für 51 Prozent des rumänischen Öl- und Gaskonzerns 1,5 Milliarden Euro hin.

Drei Beratungs- und Lobbyingunternehmen sollen mehr als eine Million Euro bekommen haben. Ohne Dokumentation der Leistung, ohne Erfolgskriterien, die Verträge laienhaft etc. Wüssten Polizei oder Staatsanwaltschaft davon, würde sofort ermittelt (siehe Faksimile unten). Akribisch wird der Tatbestand der Untreue beschrieben.

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Unterzeichnet ist das Papier, dessen Verfasser Insider-Informationen aus der OMV sowie juristische Kenntnisse haben muss, mit MH 17. Klingt bedrohlich. MH 17 war die Flugnummer jener Malaysian-Boeing, die am 17. Juli 2014 über der Ukraine abgeschossen wurde. Ein wenig dezenter Hinweis, dass Roiss abgeschossen werden sollte.

Die Staatsanwaltschaft hatte die Causa allerdings schon 2012 eingestellt, auch die interne Revision fand keine Anhaltspunkte. Die Verträge hatte Roiss-Vorgänger Wolfgang Ruttenstorfer ausverhandelt, Roiss war damals sein Vize.

Schachmatt: Roiss (Mitte). Kemler (l.), Al Hashimi
© Bild: /hschalk
Trotzdem glaubte Kemler, endlich die "Smoking Gun" gegen Roiss zu haben. Das Präsidium des OMV-Aufsichtsrates leitete ein Untersuchungsverfahren ein. Neben Kemler sitzen dortMurtadha Al Hashimi, Finanzvorstand der IPIC, und Wolfgang C. Berndt, ein Freund des langjährigen ehemaligen ÖIAG-Aufsichtsratschefs Peter Mitterbauer.

Intern und extern wurde hochnotpeinlich geprüft. Der internen Revision, die weisungsfrei gestellt wurde und nur dem Aufsichtsrat verpflichtet war, wurden die Wirtschaftsprüfer BDO und KPMG zur Seite gestellt.

Nach außen hin spitzte sich der Schlagabtausch um Roiss zu. Mitte Oktober gab der genervte OMV-Chef nach und bot seinen Abgang an. Kurz darauf war auch Kemlers Ablöse beschlossene Sache. Kemler sorgte wenige Tage später für Rätselraten, als er die Vertragsauflösung von Roiss vor Journalisten kryptisch mit einem "wichtigen Grund im Aktienrecht" erklärte. Seine Antwort auf die Frage, ob die Öffentlichkeit die wahren Gründe für den Roiss-Abgang also noch gar nicht kenne: "So können Sie das nennen".

Zu diesem Zeitpunkt kannte Roiss zwar ungefähr die Vorwürfe, nicht aber das Papier. Und Kemler hatte noch lange kein Ergebnis der Überprüfungen in der Hand. Das Gutachten wurde nämlich erst im Februar fertiggestellt. Und ist ein Persilschein für Roiss. Dem OMV-Chef wird bescheinigt, keine Verfehlungen irgendwelcher Art begangen zu haben.

Weder Roiss noch OMV waren zu einer Stellungnahme bereit. "Dem Aufsichtsrat wurden schwerwiegende Vorwürfe zugetragen, daher wurde umgehend eine Prüfung durch Rechts- und Forensik-Experten eingeleitet. Die Vorwürfe haben sich nicht bestätigt", lässt Kemler dem KURIER ausrichten. Der Aufsichtsrat sei verpflichtet gewesen, zu handeln. Das stimmt grundsätzlich. Untersuchungen aber als Druckmittel gegen einen unliebsamen Manager einzusetzen, noch bevor das Ergebnis vorliegt, könnte vielleicht die Staatsanwaltschaft interessieren.

Die Abu Dhabis machten sich nicht die Finger schmutzig und schauten der fragwürdigen Aktion gelassen erste Reihe fußfrei zu. Ihnen kann es nur recht sein, wenn Roiss geht. Sie würden sich gerne den Chemiekonzern Borealis zur Gänze einverleiben. Der Kunststoffhersteller gehört zu 64 Prozent der IPIC, 36 Prozent hält die OMV. Bei den Stimmrechten sind beide Eigentümer aber gleichberechtigt.

Roiss jedoch, der mit der IPIC ursprünglich gut konnte, stemmt sich seit Längerem gegen die Wünsche der Mitaktionäre. 2012 ging Roiss aus dem Borealis-Aufsichtsrat, dessen Spitze IPIC-Chef Khadem Al Qubaisi höchstpersönlich übernahm. Die Borealis ist eine der Cash-Cows der OMV und fährt mehr als 400 Millionen Gewinn ein. Roiss war in den 90er-Jahren als Geschäftsführer maßgeblich am Aufbau der Borealis beteiligt.

Zwar entscheidet der OMV-Chef nicht alleine über einen Verkauf der Borealis-Anteile, doch ein williger CEO würde die Sache für die Abu Dhabis wesentlich erleichtern. Hoch interessant, was IPIC-Finanzchef Al Hashimi im Dezember in Wien zum Kapitel Borealis sagte: "Für eine Transaktion braucht es einen glücklichen Verkäufer und einen glücklichen Käufer". Tja, ein glücklicher Verkäufer wäre Roiss mit Sicherheit nicht gewesen.

Lesen Sie am Montag, wie es bei der OMV weitergeht.

Der Roiss-Abgang muss aufgekärt werden

Man muss den Artikel von Andrea Hodoschek mehrmals lesen und kann es trotzdem kaum glauben: ÖIAG-Chef Rudolf Kemler, der Verwalter der österreichischen Staatsbeteiligungen, hat auf Grund eines anonymen Schreibens den Ruf der OMV und ihres Generaldirektors gefährdet. Das Schreiben wurde mit MH 17 unterfertigt, das ist die Flugnummer der Malaysian Airlines, die über der Ukraine von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde. Der Text enthält viel Wissen über die OMV. Und Vorwürfe, die eigentlich dem früheren OMV-Chef Ruttenstorfer galten und längst untersucht waren. Es war nichts dran. Das muss Kemler gewusst haben. Trotzdem hat er versucht, Roiss unter Druck zu setzen, der schließlich zustimmte, mit vollen Bezügen zu gehen. Warum muss ein Manager gehen, dem nichts vorzuwerfen ist? Warum wurden derartige Methoden angewandt und wer bezahlt für den Schaden?

Das muss jetzt aufgeklärt werden. Es ging ganz klar um Interessen des OMV-Miteigentümers Abu Dhabi. Und offensichtlich auch um russische Interessen. Aber wer hat an das Interesse Österreichs gedacht? Gerhard Roiss offensichtlich, denn er weigerte sich, die OMV-Tochter Borealis zu verkaufen. Kemler hat ihn dabei nicht unterstützt. Warum nicht? Und in wessen Interesse hat er gehandelt? Brigitte Ederer, die früher im ÖIAG-Aufsichtsrat saß, meinte im Herbst vieldeutig, Roiss sei wohl jemandem im Weg gestanden. Da ist jetzt viel aufzuklären.

Erstellt am 28.02.2015