Wirtschaft
26.12.2017

Wie ein Ökonom den Klimawandel bekämpfen will

WU-Volkswirt Klaus Gugler hat erforscht, wie die Instrumente im Kampf gegen den Klimawandel wirken. Er würde vieles anders machen.

Irgendwas stimmt nicht. Fast alle Politiker bekennen sich öffentlich zum Kampf gegen den Klimawandel. Seit Jahren wird die Energiewende versprochen. Die Wissenschaft hält den Klimaschutz für eines der wichtigsten Themen, das die menschliche Zukunft bestimmt. Und trotzdem wächst der weltweite Ausstoß von klimaschädlichen Emissionen weiter.

“Das Optimum wäre eine Internalisierung der negativen externen Effekte”, sagt Klaus Gugler. An seiner Wortwahl merkt man vielleicht: Gugler ist Wissenschaftler. Aber er forscht nicht zu den Ursachen des Klimawandels, sondern ist Volkswirt an der Wirtschaftsuni Wien. Sein Gebiet ist die "Regulierungsökonomie". Also hat der Mittvierziger sich in den vergangen Jahren die Regulierungen angesehen, die uns vor den schwersten sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Verwerfungen schützen sollen, die der Klimawandel mit sich bringen würde.

Folgt man den geduldigen Ausführungen des Universitätsprofessors, ist sein Urteil nicht milde: Der heutige Emissionshandel, die Förderpolitik, die technologische Forschung - nichts davon genügt, um die Erderwärmung auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu beschränken.

Stichwort: Pariser Klimaabkommen

2015 einigten sich die Staaten dieser Welt fast vollständig darauf, die Erderwärmung durch den menschengemachten Klimawandel möglichst auf 1,5, zumindest aber auf 2°C zu begrenzen. Mittlerweile sind alle Staaten beigetreten, nur die USA haben ihren Austritt unter Donald Trump angekündigt.

Was aber geht schief? Dabei kommt man wieder zu Guglers eingangs erwähnten Satz. Der besagt nämlich, dass die Folgekosten des Klimawandels (“externe negative Effekte”) derzeit einfach nicht genug in den Preisen des Wirtschaftssystems berücksichtigt (“internalisiert”) sind. Für ihn gibt es viele Gründe für diese Situation.

Der erste ist wohl die menschliche Natur. Die Staaten dieser Welt müssten mehr oder weniger lückenlos miteinander kooperieren, um den Klimawandel erfolgreich zu bekämpfen. Alle stünden am Ende am besten da, würde sich die Erde nicht erwärmen. (“Na gut, Russland vielleicht nicht”, scherzt Gugler.) Wenn aber alle anderen die Mühen auf sich nehmen, gibt es für einzelne Staaten einen Anreiz, nichts zu tun - und trotzdem zu profitieren. Halten sich jedoch zu viele nicht daran, kollabiert die Kooperation (siehe “Gefangenendilemma”.)

Trumps angekündigter Ausstieg aus dem Abkommen sei "ein klassischer Zusammenbruch dieses Kooperationsmodells", sagt Gugler. Und ohnehin sind nicht alle Staaten beim Klimaschutz gleich engagiert. Aus Egoismus, Unfähigkeit oder Ignoranz gegenüber dem Problem, aber auch, weil es für ärmere wirtschaftlich einfach schwieriger ist. Oft wird auch debattiert, ob es gerecht ist, wenn aktuelle Industriestaaten ihre Gesellschaft mit CO2-Ausstößen entwickeln durften, heute Entwicklungs- und Schwellenländer aber nicht. Aufgrund dieser schwierigen Ausgangslage ist das global gültige Pariser Klimaabkommen eine so erstaunliche und lange erarbeitete Leistung, obwohl es absolut nicht perfekt ist.

Stichwort: Emissionshandel

Beim Handel mit Emissions-Zertifikaten wird der Ausstoß von Treibhausgasen (möglichst weltweit) auf eine gewisse Menge beschränkt. Alle teilnehmenden Staaten bekommen dann ein Kontingent an Zertifikaten und können dieses entweder selbst erfüllen oder damit handeln.

Schon seit seinem Vorgänger-Abkommen - dem Kyoto-Protokoll von 1997 - gibt es erste Versuche, Treibhausgase durch den Handel von Zertifikaten zu verringern. Noch nehmen bei weitem nicht alle Staaten daran Teil, die EU hat sich dem Instrument aber verschrieben. Und auch hier läuft einiges falsch.

Aktuell kostet eine Tonne CO2 zwischen fünf und sieben Euro. Viel zu wenig. Manche Forscher meinen, es müssten 80 Euro sein, Gugler geht von mindestens 40 bis 50 Euro aus. Doch es gebe eine “Überallokation”, also zu viele Zertifikate zu erwerben. Die zu großen Kontingente drücken die Preise. Gugler führt sie auf politisches Lobbying zurück: “Die handelnden Personen, die jetzt die Gewinne einstreifen, sind nicht die, die dann die Kosten tragen”. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, drohen sie wieder am Steuerzahler hängen zu bleiben.

Stichwort: CO2

Das Gas Kohlendioxyd (CO2) ist nicht das schädlichste, aber das häufigste menschlich verursachte Treibhausgas und deshalb ein Hauptverursacher des menschengemachten Klimawandels. Andere Gase werden in der Debatte oft in die Wirkung von CO2 umgerechnet (“CO2-Äquivalent”). Eine Flugreise von Wien nach London und zurück verursacht etwa eine halbe Tonne pro Person in der Economy Class. Um eine Tonne CO2 innerhalb eines Jahres auszugleichen, benötigt es die Arbeit von etwa 5000 Quadratmeter Wald. Ein CO2-aufkommensneutrales Leben zu erreichen nennt man "Dekarbonisierung".

Gugler sagt, man müsste das Angebot an Zertifikaten reduzieren - konstant und konsequent. Durch eine vernünftige Verknappung, die nicht zu Abwanderungen von Betrieben in nicht vom Handel erfasste Regionen führt (“Leakage”), würden die Preise steigen. Und irgendwann (besser bald als später) würden sie einen Punkt erreichen, der dann auch Verhaltensänderungen bewirkt: Investitionen in neue Technologien, Effizienz, saubere Energie.

Bei der Energiegewinnung macht die Politik für Gugler einen weiteren Fehler. Sie versuche konkrete Technologien zu fördern, schüttet also zum Beispiel Geld für die Wind- oder Solarenergie aus. Das sei zuallererst kontraproduktiv, denn es fördere etwas, das man eigentlich möglichst vermeiden wolle: Den Stromverbrauch an sich. Zudem seien die Ergebnisse nicht befriedigend.

Teure Energieförderung

Der Weg sei extrem teuer: Eine Tonne im Emissionshandel kostet 5 Euro. Eine eingesparte Tonne CO2 kostet in Österreich mit der gegenwärtigen Förderung bei Biomasse hingegen bis zu über 300 Euro. Wind- und Wasserkraft sind günstiger, kommen aber auch auf bis zu fast 150 Euro. (Quelle: Ökostrombericht 2017)

Außerdem könne diese Form der Förderung derzeit gar nicht genügen. Denn die Technologie sei noch nicht entdeckt, die uns die “Dekarbonisierung” ermöglichen wird. “Der Staat kann nicht wissen, welche Technologie uns in 20 Jahren retten wird”, sagt Gugler. Stattdessen müsste er das Ziel vorgeben. Und dann solle er mehr in Forschung und Entwicklung investieren. Dafür würde Gugler die Mittel aus dem Emissionshandel verwenden. Und die aus einer zweiten Maßnahme, mit der man schließlich auch die noch nicht erfassten Lebensbereiche in das Treibhausgas-Regime integrieren könnte: einer CO2-Steuer.

Stichwort: CO2-Steuer

Wie der Emissionshandel setzt auch die CO2-Steuer einen Preis für Treibhausgas-Emissionen fest. Es gibt unterschiedliche Modelle, die entweder die Produktion oder (ähnlich einer Mehrwertsteuer) den Konsum besteuern. Rechnet man die Kosten mit dem Emissionenhandel auf, würde die Steuer eine Art Mindestpreis festlegen.

Die Besteuerung solle jetzt eingeführt werden (Schweden macht das als Vorbild bereits seit 1991 und konnte seine Emissionen immerhin reduzieren) und in einem langfristigen, zuverlässigen Rahmen anwachsen. Wenn Firmen grob wüssten, was eine Tonne CO2 in zehn oder 20 Jahren kostet, könnten sie sich darauf einstellen, Investitionen durchrechnen und tätigen. Damit könne man - besonders in Kombination mit dem Emissionshandel - tatsächlich die Anreize schaffen, die den Markt entfesseln. Gugler fordert, man müsse auf Friedrich Hayek vertrauen. Dieser hätte gezeigt: “Märkte sind sehr effiziente, dezentrale Informationsbeschaffer. Sie sind ein Entdeckungsverfahren”.

Sozial abfedern

Eine CO2-Steuer würde erneuerbare im Verhältnis zu fossilen Energieträgern billiger machen. Und sie würde auch andere absurde Situationen lösen. Derzeit sei Energie aus Gas etwa teurer als aus Kohle, obwohl es weniger schädlich für das Klima ist. Koste eine Tonne CO2 zirka 20 Euro, würde sich das Preisverhältnis umdrehen. Mit den Einnahmen könne man nicht nur die Forschung intensivieren, sondern auch soziale Folgen durch die Kostensteigerungen abfedern oder etwa die Lohnnebenkosten senken.

Wenn alles gut geht, kann man sich damit den Staat aber nicht langfristig finanzieren. "Am Ende würde man damit nichts einnehmen”, sagt Gugler. Denn wo kein CO2 mehr produziert würde, könne man auch nichts besteuern. Das Problem ist aber eher nachrangig, denn: “Davon sind wir weit entfernt.”