Wirtschaft
25.04.2018

Wie Bosch den Diesel retten will

Technologischer Durchbruch? Neue Motorkonfiguration soll Stickoxidausstoß massiv reduzieren

Die Innenstadt von Stuttgart: Pkw-Kolonnen prägen das Bild, auch abseits von Stoßzeiten. Entsprechend schlecht ist die Luft, die Messstelle „Am Neckartor“, wo sich täglich 70.000 Fahrzeuge vorbeistauen, weist für das Vorjahr bei den Stickoxiden (NOx) den nach München zweithöchstenWert Deutschlands aus. Es drohen nun Strafzahlungen und Fahrverbote für ältere Dieselautos, die die Hauptschuld an den schlechten Werten tragen sollen. Am Neckartor führt auch die Teststrecke von 20 Golf GTI vorbei, die mit Bosch-Logo versehen sind und eine Messbox am Auspuff befestigt haben. Die auffälligen Autos sind seit geraumer Zeit unterwegs, um zu beweisen, dass hohe NOx-Werte beim Diesel kein Muss sind.

Der in Stuttgart beheimatete Technologiekonzern Bosch – selbst als Zulieferer in den Dieselskandal verwickelt – will an der Antriebsart festhalten, viel mehr noch, er ist fast dazu gezwungen. Schließlich arbeiten mehr als 20.000 Mitarbeiter in der Dieselsparte. Entsprechend groß ist der Umsatzanteil. Daher hat Bosch einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in die Hand genommen und in den vergangenen zwei Jahren mit rund 100 Technikern an einem neuen Dieselmotor gearbeitet. „Die Ergebnisse können sich messen lassen“, so Vorstandschef Volkmar Denner, gestern, Mittwoch, anlässlich der Bilanzpräsentation. „Das Stickoxid-Problem ist lösbar.“

Teststrecke

Konkret stößt der Golf auf der gesamten Teststrecke (die auch über Bundesstraßen und Autobahnen führt) unabhängig von Fahrstil und Außentemperatur im Durchschnitt nur 13 Milligramm NOx/km aus – rund ein Zehntel des ab 2020 geltenden Grenzwertes. In der Stadt alleine sind es 43 mg/km. Um das zu erreichen, wurden u.a. Einspritzsystem, Software und Partikelfilter verbessert. Keine weiteren Hardwarekomponenten seien notwendig. Details werden heute, Donnerstag, am Motorensymposium in Wien vorgestellt.

Laut Rolf Bulander, zuständiger Vorstand für Mobile Solutions, kostet die Modifizierung unter 100 Euro je Motor und ist sofort einsatzbereit – jedoch mit großen Einschränkungen. Der neue Motor kann weder in kleinere Autos unterhalb der Golfklasse eingebaut werden, noch eignet er sich zum Nachrüsten älterer Diesel. Und auch bei neuen Autos muss es erst eine technische Zertifizierung geben – ein langwieriger Prozess.

Kohlendioxid

Dass es den Diesel weiter brauche, zeigen laut Denner auch die -Emissionen von Neuwagen. Erstmals seit Jahren gab es 2017 einen Anstieg um 0,4 auf 118,5 Gramm/km je Flotte. Ab 2021 dürfen es nur 95 Gramm sein. ist de facto ein reines Benziner-Problem und wird durch den nun stärkeren Verkauf von ebendiesen verschärft.

Zum Dieselskandal gab sich Denner zugeknöpft. „Wir kooperieren in vollem Umfang mit den Behören, halten aber auch engen Kontakt zu unseren Kunden.“ Wie der Spiegel am Wochenende berichtete, belegen interne eMails und Protokolle, dass sich Bosch-Manager mit Kollegen deutscher Autobauer detailliert über Manipulationsfunktionen der Motorensoftware ausgetauscht haben. Bosch habe somit eine weitaus aktivere Rolle in dem Skandal gespielt, als bisher angenommen. Acht Mitarbeiter stehen im Visier der Staatsanwaltschaft. Spekuliert wird, dass Bosch gerne die Rolle des Kronzeugen in der Affäre einnehmen wolle, um so möglichst unbeschadet aus dem Skandal zu kommen.

Cashcow Fahrzeugtechnik

Der Umsatz von Bosch legte 2017 um 6,8 Prozent auf 78 Milliarden € zu. Die Sparte Mobile Solutions trug 61 Prozent dazu bei, gefolgt von Konsumgütern (24 Prozent). Das operative Ergebnis stieg um 17 Prozent auf 5,3 Milliarden €.

Bosch will als Zulieferer für E-Autos Marktführer werden. 2017 wurden hier vier Milliarden € umgesetzt. Für Dieselskandal und Kartellverfahren wurden 1,2 Milliarden € zurückgelegt. „Erhebliche Risiken“ sieht Bosch wegen möglicher Handelskriege.

Hinweis: Der KURIER war auf Einladung von Bosch in Stuttgart.