Wirtschaft
25.11.2014

"Regionalität ist ein Etikettenschwindel"

Die Botschaft hält nicht, was sie verspricht, kritisiert Bio-Pionier Werner Lampert.

KURIER: Bauernvertreter rufen dazu auf, regionale Lebensmittel zu kaufen. Ein guter Ansatz?

Werner Lampert: Die Agrarpolitiker bekommen es mit der Angst zu tun. Zuerst treibt man die Landwirtschaft in den gut bewirtschaftbaren Lagen in die Leistungssteigerung um sie für die globalen Märkte fit zu machen. Dann fallen global die Preise und man entdeckt plötzlich wieder den heimischen Kunden. An ihrer Stelle hätte ich schlaflose Nächte.

Wovor sollen sie Angst haben?

Da rennt etwas völlig aus dem Ruder. Zuerst haben sie die Bauern völlig losgelöst von den Konsumentenwünschen in eine industrialisierte Landwirtschaft getrieben und jetzt sprechen sie von Regionalität. Das ist ja Konsumententäuschung, ein Etikettenschwindel. Mais und Soja werden aus der ganzen Welt angekarrt, die Düngemittel kommen aus der Petroindustrie. Nur so kann die industrielle Landwirtschaft überhaupt am Leben gehalten werden. Was soll denn daran noch regional sein?

Die Arbeitsplätze, betonen Landwirtschaftsvertreter ...

Der Bauer ist vielleicht noch Österreicher. Das System ist hochgradig ineffizient, anonymisiert und global.

Vom Output her werden Ihnen jetzt viele widersprechen ...

Das sind diejenigen, die die Umweltzerstörung nicht mitrechnen. Die Wiesen sind überdüngt, das Wasser verschmutzt. Die Kosten dafür trägt die Gesellschaft. Aber wenn kein Geld mehr da ist? Die Schulen, die Unis, das Sozialsystem – alles geht zu Grunde. Aber die Landwirtschaft bekommt weiterhin sehr hohe Zuwendungen. Da muss ich kein Prophet sein, um zu wissen, dass sich das nicht mehr lange ausgeht.

Wie schaut dann die Zukunft der Landwirtschaft aus?

Der ehemalige EU-Agrarkommissar Ciolos hatte die Absicht, die Landwirtschaft zu ökologisieren. Er wollte beispielsweise Mengenbeschränkungen beim Pestizideinsatz. Den Bauernvertretern ist es aber gelungen, in der neuen EU-Förderperiode alle Nachhaltigkeitsansätze wegzuverhandeln. Alle, die machtorientierte Politik machen, sind für Leistungssteigerung, standortunabhängige Landwirtschaft, mit einem Wort, für die ihrer Methode nach industrialisierten Landwirtschaft.

Aber auch die Bauern, oder?

Die Bauern waren in den vergangenen 200 Jahren nie so abhängig wie heute – von der Petroindustrie, von den Spekulanten, den Kreditzinsen. Sie können in diesem System nicht mehr agieren, kennen nur eine Parole: Leistungssteigerung, Leistungssteigerung, Leistungssteigerung.

Was ist die Alternative? In Schönheit sterben?

Mit den Hochertragsgebieten in Deutschland, Holland oder Dänemark können wir ohnehin nicht mithalten. Wir müssen in die Qualität gehen, weg von der industrialisierten Landwirtschaft. Hin zu Bio. Ich fürchte aber, dass in Österreich keine neuen Biobauern mehr dazukommen werden.

Weil es sich nicht rentiert?

Weil zuletzt viele auf eine Hochleistungslandwirtschaft umgestellt haben. Von Melkrobotern über Pestizide bis zum neuen Stall. Das war teuer, gleichzeitig war klar, dass der Milchpreis sinkt. Wir sind mit am falschen Weg. Die Bauern sind in einem Abhängigkeitsgeflecht gefangen, können nicht frei entscheiden, brauchen immer mehr Leistung. Vielleicht könnten heute noch ein paar Bauern aussteigen, in 5 Jahren sind es sicher um einige weniger.

Bauern stöhnen unter dem Milchpreisverfall. Zu Recht?

Die Preise für Milch werden in China gemacht. Hat Australien viel Regen und damit Milch, sinkt in Europa der Preis auf ein Niveau, bei dem wir nicht mitspielen können. In Deutschland rechnen sie kommenden Sommer mit einem Milchpreis von 25 Cent – wir sind bei mehr als 30 Cent. Wir müssen auf Qualität setzen.

Konsumenten greifen oft zu billigen Produkten. Wie sollen Österreichs kleinstrukturierte Betriebe da überleben?

Wir müssen über Qualität eines regionalen Lebensmittels reden. Nur von gesunden Böden, gesunden Tieren kommen gesunde, hochwertige Lebensmittel.

Werner Lampert: Lebensmittelexperte

Der gebürtige Vorarlberger (68) entwickelte mit Ja!Natürlich ( Rewe) und Zurück zum Ursprung (Hofer) zwei der erfolgreichsten Bio-Marken Europas. Mit seiner Werner Lampert BeratungsGmbH beschäftigt er sich mit der nachhaltigen und transparenten Nahrungsmittelproduktion.