In Rattendorf im Gailtal (Kärnten) brach nach heftigen Regenfällen ein Damm.

© APA/PRIVAT/UNBEKANNT

Wirtschaft
12/13/2018

Wenn die Natur verrückt spielt

Hohe Schäden: Eine Online-Plattform gibt Überblick über die Gefahren für jede beliebige Adresse in Österreich.

von Christine Klafl

15. September, kurz vor Mitternacht. Südlich von Neulengbach beginnt die Erde zu beben. Für Niederösterreich und Wien wird es das schwerste, bisher bekannte Erdbeben. Geschehen ist dies vor 428 Jahren. Würde eine derartige Katastrophe heute passieren, würden die Schäden allein in Wien mehr als zehn Milliarden Euro ausmachen, sagt Othmar Ederer, Chef des Versicherungsverbandes.

Klimawandel

Aktuell viel größere Sorgen haben die Experten allerdings angesichts des Klimawandels und den damit einher gehenden extremen Wetterereignissen. Eines von vielen Beispielen: Anfang November rauschten innerhalb von nur drei Tagen 550 Liter an Regenmassen pro Quadratmeter vom Himmel. „Das ist etwas mehr als ein Drittel eines gesamten Normaljahres“, so Michael Staudinger, Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).

Hochwasserrisiko

Was vielen Häuslbauern vielleicht gar nicht so bewusst ist: „Nach Tschechien hat Österreich das größte Hochwasserrisiko in Europa“, sagt Franz Prettenthaler, Leiter des Zentrums für Klima, Energie und Gesellschaft am Joanneum Research. Er beziffert den Wert der Gebäude, die im Bereich eines Jahrhundert-Hochwassers stehen, mit 150 Milliarden Euro. Aufgrund des Klimawandels werden solche Hochwasser aber deutlich öfter auftreten als alle hundert Jahre. Wissenschaftler Prettenthaler: „Wir haben als Volkswirtschaft ein großes Risiko. Das ist nur unzureichend versichert. Hier braucht es zusätzliche Lösungen.“

500 bis 600 Millionen

Der Versicherungsverband schätzt die Schäden, die durch Naturkatastrophen in Österreich heuer (außerhalb der Landwirtschaft) verursacht wurden, auf 500 bis 600 Millionen Euro, nur etwas mehr als die Hälfte davon war versichert. Es hätte auch ein Vielfaches sein können, wären große Flüsse über die Ufer getreten – was heuer nicht der Fall war.

Das Problem: Wer in Wassernähe gebaut hat, kann sich die Prämien kaum leisten. Wer in ungefährdeten Gebieten wohnt, will natürlich nicht mitzahlen. „Es wird nicht anders gehen, als gemeinsam mit der Politik Lösungen zu finden. Marktwirtschaftlich wird das nicht gehen“, ist VVO-Chef Ederer überzeugt.

200.000 Gebäude bedroht

Im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus ist man sich des Problems sehr wohl bewusst. Das Ministerium investiere jährlich 100 Millionen Euro in den Hochwasserschutz, sagt Sektionschef Günter Liebel. Außerdem will man erreichen, dass das Bewusstsein für Naturkatastrophen gesteigert wird. In Österreich seien 200.000 Gebäuden von Hochwasser bedroht, Sturmschäden könnten noch viel mehr treffen.

Persönlicher Überblick

Damit sich die Bevölkerung einen Überblick verschaffen kann, welche Naturgefahren am Wohnort vorhanden oder gar besonders groß sind, wurde im Nachhaltigkeits-Ministerium mit Unterstützung des VVO als digitales Angebot der „HORA-Pass“ entwickelt (www.hora.gv.at). Für jede beliebige Adresse in Österreich können per Mausklick die persönliche Gefährdung durch verschiedene Naturgefahren und die erwartete Intensität abgerufen werden – vom Hochwasser über Stürme, Blitz und Hagel bis zur Schneelast. Dazu gibt es Tipps zur Verbesserung der Eigenvorsorge.

Die Extreme werden häufiger, die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft heftiger, sind die Experten überzeugt. 2018 wird als das wärmste oder zweitwärmste Jahr in die Geschichte eingehen.