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Wirtschaft
01/13/2020

Wenn der Nachbar den Strom liefert, wird's billiger

Die Energiemarktaufsicht plant eine deutliche Senkung der Netzgebühren für den lokalen Strombezug.

von Irmgard Kischko

Ein Hausbesitzer mit Solaranlage am Dach liefert den Strom an seine Nachbarn. Ein Verbraucher kauft seinen Strom beim Windkraftwerk nahe seiner Wohnung und ein Kleinbetrieb am Flussufer versorgt sich aus dem Kleinwasserkraftwerk. Österreichs Strommarkt wird zunehmend regional und kleinteiliger. Nicht mehr nur die großen Wasser- und Speicherkraftwerke sowie einige Gaskraftwerke beliefern die Haushalte mit Strom. Die Haushalte versorgen sich lokal selbst – und sie sehen nicht mehr ein, warum sie die hohen Kosten für das überregionale Stromnetz zahlen sollen.

Autonomie

 

"Tatsächlich ist der Autonomiegedanke in der Stromversorgung zunehmend populär", betont Wolfgang Urbantschitsch, Vorstand der Strommarktaufsicht E-Control, im Gespräch mit dem KURIER. Die E-Control arbeitet daher auch an einer Neugestaltung der Netztarife für lokale Energiegemeinschaften. "Das ist auch im Sinne der EU, die Energy Communities forcieren will, um den Umbau der Stromsysteme in Richtung Erneuerbare zu schaffen", sagt Urbantschitsch. Diese Energiegemeinschaften sollten daher in Zukunft bei Netztarifen bevorzugt werden. Die E-Control arbeitet derzeit Modelle dafür aus. Ganz so einfach, wie es manche Teilnehmer von Energy Communities gerne hätten, ist die Sache aber nicht.

Wer zahlt fürs Netz?

Gut zwei Milliarden Euro im Jahr kostet das Stromnetz – von den Höchstspannungsleitungen bis zu den Hauszuleitungen. Bezahlt wird das von den Stromkunden, und zwar über einen Netztarif je Kilowattstunde Verbrauch. Der Tarif hängt nicht von der Entfernung ab, über die der Strom zum Kunden transportiert wird.

Das geplante neue Modell sieht nun Vergünstigungen beim Netztarif für Nachbarschafts-Lieferungen von Strom vor. "Ortstarif für Netze" nennt das Urbantschitsch, angelehnt an den früheren Ortstarif beim Festnetz-Telefonieren. Theoretisch könnte man die lokalen Energy Communities von den Gebühren für Hochspannungsnetze befreien. "Dann müssten sie nur den halben Netztarif zahlen", sagt Urbantschitsch. "Aber wer kommt dann für die Netzkosten, die insgesamt ja unverändert bleiben, auf?", fügt er hinzu. Würden nämlich viele dieser lokalen Energiegemeinschaften entstehen und alle nur die Hälfte der Netztarife zahlen, müssten alle anderen Stromkunden viel höhere Netztarife übernehmen.

Faire Kostenverteilung

"Wir wollen ein Modell, das eine faire Kostenverteilung beinhaltet", betont der E-Control-Vorstand. Höchstens zehn bis 15 Prozent Nachlass beim Netztarif kann er sich vorstellen. Das könnte auch gerechtfertigt sein. Denn die lokalen Energiegemeinschaften würden durch ihren Stromaustausch das Übertragungsnetz entlasten und damit auch dessen Kosten drücken.

Neues Gesetz nötig

Noch aber ist es nicht so weit: Der nachbarschaftliche Strombezug ist derzeit nur in Mehrparteienhäusern mit einer gemeinsamen Solaranlage am Dach möglich.

Für den lokalen Stromtausch über Häusergrenzen hinweg mit vergünstigten Netztarifen sei ein neues Gesetz nötig, erklärt Urbantschitsch. Dieses hätte im Rahmen des Erneuerbaren Ausbaugesetzes eigentlich schon 2019 beschlossen werden sollen. Außerdem haben bei weitem nicht alle Stromkunden bereits einen digitalen Zähler. Dieser aber ist Voraussetzung für die Abrechnung der Netzkosten.

Ökostrom direkt vom Erzeuger

Als eine der Ersten, die die neuen Möglichkeiten im Nachbarschafts-Strommarkt nutzen wollen, ist die OurPower Energiegemeinschaft Ende vergangenen Jahres an den Start gegangen. Die Genossenschaft, an der unter anderem die Ökostrompioniere Ulfert Höhne und Peter Molnar federführend engagiert sind, muss sich vorläufig allerdings noch mit den "normalen Netzgebühren", die alle Stromkunden zu zahlen haben, abfinden.

Gut 400.000 Euro haben mittlerweile 230 Genossenschafter in OurPower einbezahlt, 600.000 Euro wollen die Betreiber der Plattform mittelfristig aufbringen. Den Genossenschaftern winkt eine Verzinsung von drei Prozent, sobald die OurPower in die Gewinnzone kommt – voraussichtlich in drei Jahren.

Vernetzung

Das Geschäftsmodell ist die Vernetzung von kleinen, lokalen Ökostromerzeugern mit Kunden. Über die Plattform können etwa Haushalte mit Solaranlagen, Betreiber von Kleinwasserkraftwerken oder Betreiber von Windkraft-Anlagen ihren Strom anbieten. Auf ebendieser Plattform können Kunden ihren Ökostromlieferanten buchen.

Nicht teurer

Interessant ist der Ökostrom via OurPower auch preislich. Mit acht Cent je Kilowattstunde (ohne Steuern und Netzgebühren) liegt die Plattform in etwa gleich auf mit dem Strompreis einer Reihe von Landesenergieversorgern.
Derzeit  bietet OurPower ein Einheitsstrompaket an: Es besteht aus 40 Prozent Sonnenenergie und je 30 Prozent Wind- und Kleinwasserkraftstrom. Diese Mischung ist notwendig, damit die Versorgungssicherheit garantiert werden kann.

Bald Wahlmöglichkeit

In zwei bis drei Monaten sollen Kunden dann wählen können, von welchen Fotovoltaikanlagen oder welchem Wind- und Kleinwasserkraftwerk sie den Strom kaufen können, kündigt Molnar an. Dann könne auch der Preis variieren. Denn  die Anbieter können einen Preis nennen, zu dem sie verkaufen wollen. Anders als beim Nachbarschafts-Strom, für den die E-Control niedrigere Netztarife plant, können Kunden von OurPower den Ökostrom auch in größerer Entfernung vom Erzeuger kaufen.

Beitrag zur Energiewende

Molnar ist überzeugt, dass Energiegemeinschaften wie OurPower einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende leisten werden. Denn der notwendige Ausbau der Erneuerbaren um 27 Terawattstunden bis 2030 sei sonst nicht machbar. Energiegemeinschaften könnten ein Drittel des Ausbaus stemmen.

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