Wirtschaft
06.02.2018

"Flash Crash": Warum die Börsen abstürzen

© Bild: AP

Angst vor steigenden Zinsen und der automatisierte Hochfrequenzhandel trugen zum Rekord-Kurssturz an US-Börsen bei. Auch der österreichische Leitindex ATX fällt um mehr als fünf Prozent.

  • Der Dow Jones fiel so stark wie selten zuvor an einem einzelnen Handelstag
  • Auch der japanische Nikkei und der ATX sind von Kursstürzen betroffen
  • Auslöser dürfte die Furcht der Anleger vor steigender Inflation und steigenden Zinsen sein
  • Hochfrequenzhandel mittels Algorithmen dürfte massiv zum Absturz beigetragen haben

Der Kurssturz gestern, Montag, an der Wall Street hat auch die Börsen in Asien und Europa nach unten mitgerissen. Der US-Leitindex Dow Jones sank am Montag um 1100 Punkte oder 4,6 Prozent, der japanische Nikkei ging ebenfalls um 1000 Punkte (fünf Prozent) nach unten und der deutsche Index Dax verlor zur Eröffnung am Dienstag 3,6 Prozent auf 12.235 Punkte. Das ist der größte Kurssturz seit eineinhalb Jahren.

„Von einer Panik sind die Anleger nicht weit entfernt“, sagte Marktanalyst Milan Cutkovic vom Brokerhaus AxiTrader laut der deutschen Nachrichtenagentur dpa. „Es stellt sich nun die Frage, ob das nur ein temporärer Stimmungswandel ist oder der Start einer größeren Korrektur.“

Die Angst vor schneller steigenden Zinsen hat am Dienstag zum Handelsstart für massive Abschläge an der Wiener Börse gesorgt. Gegen 9.15 Uhr rutschte der Leitindex ATX im Einklang mit dem europäischen Umfeld um 5,37 Prozent auf 3.318,70 Punkte ab, berichtet die Nachrichtenagentur APA. In Wien mussten FACC (minus 14,47 Prozent) und AMAG (minus 13,21 Prozent) deutlich Federn lassen. Unter den Index-Schwergewichten standen voestalpine mit minus 11,15 Prozent klar unter Druck, aber auch bei den beiden Ölwerten OMV (minus 8,21 Prozent) und Schoeller-Bleckmann (minus 8,24 Prozent) ging es rasant bergab.

Steigende Inflation, steigende Zinsen

Auslöser für den Kurssturz an den internationalen Finanzmärkten ist die Angst vor einer steigenden Inflation und damit vor schneller steigenden Zinsen. Zuletzt waren US-Aktien 2011 so stark unter Druck geraten.

„Das, was heute passiert, darf als Crash bezeichnet werden“, sagt Experte Thomas Altmann vom Investmenthaus QC Partners. Händler und Analysten tun sich zunächst schwer, die genauen Gründe für den Absturz zu benennen. „Viele Anleger sind in regelrechte Panik verfallen“, meint Altmann. Es handle sich um eine Flucht aus Aktien.

„Grund ist ein Mix aus zuvor überteuerten Kursen in den USA, einer zu großen Euphorie und plötzlich steigenden Zinsen“, sagt Daniel Saurenz vom Analysehaus Feingold Research. In Anlehnung an den „Black Monday“ genannten Börsen-Crash von 1987 - damals war der Dow Jones um 23 Prozent abgeschmiert - spricht Saurenz von einem „dunkelgrauen Montag“.

Bereits am Freitag hatte der US-Arbeitsmarktbericht die Stimmung der Anleger kippen lassen. Das trotz boomender Wirtschaft bisher verhaltene Lohnwachstum fiel stärker als erwartet aus, was einerseits schön für die Amerikaner ist, andererseits aber die Inflation in Gang bringen könnte.

Automatisierter Handel

Am 26. Mai 1896 debütiert der Dow Jones Industrial Average mit zwölf Mitgliedern... © Bild: AP/Mark Lennihan

Das würde die Notenbank zwingen, die Leitzinsen schneller als bisher geplant zu erhöhen, um die Preissteigerung zu dämpfen. Steigende Zinsen wiederum gefallen Investoren nicht - sie verteuern Geld und Kredite und hemmen so das Wachstum. Doch taugt diese „Zinsangst“ allein als Erklärung für den Absturz?

„Natürlich werden bei diesem Kollaps wieder viele Fragen zum automatisierten Handel aufgeworfen“, sagt Craig Erlam vom Online-Broker Oanda. Ein Großteil der Finanzmärkte ist inzwischen durch Computer-Programme gesteuert und quasi auf Autopilot. Werden bestimmte Kursmarken durchbrochen, werfen die „Algo-Trader“ (Algo steht für Algorithmus) weitere Papiere auf den Markt und verstärken so den Kursverfall. Das „Flash Crash“ genannte Phänomen sieht Erlam auch diesmal am Werk.

Kurz erklärt

Was versteht man unter Hochfrequenzhandel?

Hochfrequenzhandel, auf Englisch „High Frequency Trading“ (HFT), lebt davon, dass durch blitzschnelle Käufe und Verkäufe an der Börse minimalste Preisunterschiede ausgenutzt werden. Das erzeugt ein extrem hohes Volumen an Aufträgen im Vergleich zum herkömmlichen Handel. Dieser zielte noch darauf ab, Wertpapiere länger in den Depots zu halten.

Wie kann man sich HFT technisch vorstellen?

Finanzprodukte werden per Computer in Millisekunden elektronisch automatisiert angekauft und wieder abgestoßen. Anders gesagt: Hochkomplexe Computerprogramme analysieren und handeln vollautomatisch, diese Vorgänge geschehen mittels Algorithmen binnen Sekundenbruchteilen.

Ist HFT nun gut oder gefährlich?

Bricht Panik an den Märkten aus, kann der Hochfrequenzhandel außer Kontrolle geraten und Kursbewegungen kräftig beschleunigen, sehen Kritiker eine Gefahr. Befürworter des HFT halten entgegen, dass die computergestützte Handelsform die Liquidität erhöhe.

Ist die Korrektur mit dem Kurssturz abgeschlossen?

Die Finanzprofis halten sich bedeckt. „Die 'Risk-Off'-Stimmung könnte anhalten“, sagt Win Thin vom Geldhaus Brown Brothers Harriman. Fest steht: Präsident Trump würde die Angeberei über „seinen“ Aktien-Aufschwung dann schmerzhaft auf die Füße fallen. Denn er hat die steigenden Aktien bisher stets voll und ganz als sein eigenes Werk und als Gradmesser für seine politische Leistung verkauft.

Die Börsenkurse seien seine eigentlichen Meinungsumfragen, argumentierte er, der sich gerne als Macher der Wirtschaft, als Antreiber und Wegbereiter sehen würde. Tatsächlich konnte jeder, der unter Wirtschaft nicht nur die Eckkneipe nebenan versteht, sich an drei Fingern abzählen: Ein Präsident, der ein Jahr im Amt ist, kann solche Ausschläge nicht bewirkt haben.

Eine Steuerreform, die erst ein paar Wochen alt ist, kann die Werte der US-Unternehmen nicht wie von Zauberhand um acht Billionen Dollar (6,43 Billionen Euro) steigern. Dass Trump die Kursrally als persönliches Verdienst ansieht, könnte nun zum Bumerang werden. „Wenn Du den Anstieg für Dich reklamierst, gehört Dir auch der Fall“, schrieb Barack Obamas Berater Jay Carney am Montag auf Twitter. Zudem sei der Aktienmarkt ohnehin nicht mit demZustand der Wirtschaft gleichzusetzen. Deshalb sei in der vorigen Regierung auch nie mit den Aktienmärkten geprahlt worden, meint Carney.