Wirtschaft
12.05.2018

Vorsicht vor dem „Drachen“: China ist schlauer

Engagement in Südosteuropa.Kurzatmige EU-Politiker versus China, das in Jahrzehnten denkt und plant

„Das Problem ist nicht, dass China eine langfristige Strategie für Europa hat. Das Problem ist, dass Europa keine Strategie hat.“ Das kritisierte einst der deutsche Ex-Außenminister Sigmar Gabriel. Und die Diskutanten einer Veranstaltung von Erste Group und Landesverteidigungsakademie stimmten uneingeschränkt zu. Thema: „Der Drache ante portas. Pekings Initiative in Südosteuropa und die Antwort der EU.“

Expansionslust

China sei schlauer, war das Fazit. Es denke zumindest in Jahrzehnten, wenn nicht sogar in Jahrhunderten, während westliche Staaten höchstens kurzatmige Pläne für eine Legislaturperiode hätten, sagte Walter Feichtinger von der Landesverteidigungsakademie. Etwas Vergleichbares wie das Seidenstraßenprojekt gebe es auf der ganzen Welt nicht.

Die chinesischen Expansionsgelüste sind seiner Meinung nach auch militärisch von Bedeutung, weil sich die USA ja zunehmend von ihrer Rolle als Weltpolizei verabschieden. In Europa habe China aber eher wirtschaftliche denn militärische Interessen, ergänzte Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group. Von diesen Investitionen profitieren etliche Länder – etwa Griechenland, wo China den Hafen Piräus kaufte.

Doch ohne Risiko ist diese seit Jahren zu beobachtende chinesische „Einkaufstour“ nicht: Ganze Firmen werden übernommen, deren technisches Know-how möglicherweise aus Europa abgezogen wird. Und es werden großzügige Kredite an Länder vergeben, die diese vielleicht nie zurückzahlen können. Dadurch entstehen neue Abhängigkeiten, wie bereits der Internationale Währungsfonds kritisiert hat.

Peking nutze die innere Uneinigkeit der EU, um im östlichen Europa Fuß zu fassen und Macht auszuüben: Auch darüber waren sich alle Diskutanten einig. Doch die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und China finden nicht wirklich auf Augenhöhe statt: China schützt seinen Markt mit Zöllen und unterstützt seinen Warenverkehr mit staatlichen Subventionen. Und wenn es in Infrastruktur in anderen Ländern (sehr oft auch in afrikanischen) investiert, dann werken dort chinesische und nicht heimische Arbeiter. Der volkswirtschaftliche Nutzen sei daher oft fraglich, so Predrag Jurekovic, Experte für Südosteuropa und Konfliktanalyse.

Profit für Österreich

Wie könnte Österreich profitieren, das seit Jahren Wirtschaftsdelegationen nach Peking schickt? Indem es sich zum Beispiel zum Umschlagbahnhof der Seidenstraße, zum „Logistik-Hub“, mache, meinte Ingo Mayr-Knoch von WebuildEurope, einer NGO, die wirtschaftliche Analysen für die EU erarbeitet. Nachteil: noch mehr Verkehr in Österreich. In manchen Technologien – bei Zügen oder Windkraft – habe China die EU längst unbemerkt überholt, gab Mayr-Knoch zu bedenken.

An diesem Punkt schaltete sich Ex-Vizekanzler Erhard Busek vom Publikum aus ein. Er gilt als Mitteleuropa-Vordenker der ersten Stunde: Europa habe nie eine strategische Sicht auf den Balkan gehabt. Es habe „Substanz“ aus diesen Ländern rausgenommen, indem die Gebildeteren nach Westeuropa abgezogen seien. Dass osteuropäische Länder lieber mit China wirtschaftliche Beziehungen eingehen, wundert Busek gar nicht: „China geht’s rein um das Geschäft, während Europa immer auch noch mit einem moralischen Impetus daherkommt und von oben herab verhandelt.“

Aufbruchstimmung

Doch bei aller Kritik: Im Riesenreich herrsche unglaubliche Aufbruchstimmung, junge Studenten seien gebildet, sprachgewandt und auslandserfahren, sagte Feichtinger. Österreich habe ein „Super-Image“ in China: Das reiche von Mozart bis Sound of music.

Fazit: China sei mit Vorsicht zu behandeln, doch es schade auch nicht, wenn die Europäer „chinesischer“ werden, sprich: strategischer und geeinter handeln, optimistischer in die Zukunft blicken. Plus: Es sei längst an der Zeit, dass man an österreichischen Schulen Chinesisch lerne.