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Wirtschaft
02/15/2020

Volkswagen gegen Tesla: Der Platzhirsch und sein Herausforderer

Der US-Elektroautobauer ist an der Börse schon deutlich mehr wert als der weitaus größere deutsche Konkurrent.

von Robert Kleedorfer

37,6 Milliarden Euro Jahresergebnis vor Steuern gegenüber 2,7 Milliarden Euro und 367.500 verkaufte Autos gegenüber fast elf Millionen. Eigentlich eine klare Sache, wer hier die Nummer eins ist. Oder auch nicht. Dass Börsianer manchmal (oder auch öfter) viel oder gar zu viel Hoffnung in ein Unternehmen interpretieren können, zeigt der Vergleich zwischen Volkswagen und Tesla.

Denn während der alteingesessene weltgrößte Autobauer den US-Konkurrenten Tesla bei den Kennzahlen weit hinter sich lässt, ist der junge, 2003 gegründete Elektroautobauer an der Börse um rund 47 Milliarden mehr wert.

Irrational? Vielleicht. Schließlich hat Tesla bereits mehr als sechs Milliarden Dollar Verlust angehäuft, ehe seit dem dritten Quartal des Vorjahres Gewinne geschrieben werden. Hinzu kamen Probleme mit einer stotternden Produktionsstart des neuen Model 3 und immer wieder Unfälle, bei dem das Auto nur schwer zu löschen war und dann als gefährlicher Sondermüll endete.

Alles egal. Richtig in Fahrt kam die Aktie seit dem dritten Quartal 2019. Der Kurs hat sich seit Herbst mehr als verdoppelt. Denn es gibt auch gute Gründe für das Papier. Firmenchef Elon Musk hat die Produktion nun im Griff, sie stieg vor allem dank des Model 3 um die Hälfte.

Neue Fabrik

Für heuer rechnet Tesla mit deutlich mehr als 500.000 Fahrzeug-Auslieferungen infolge des Hochfahrens der Model-3-Produktion in China und der Fertigung des neuen Model Y in den USA. Frank Schwope, Autoanalyst bei der Nord LB, erwartet heuer einen Gewinn bei Tesla von 400 Millionen und nächstes Jahr bereits von 1,1 Milliarden Euro. Eine soeben gestartete Kapitalerhöhung soll bis zu rund 2,3 Mrd. Dollar (2,11 Mrd. Euro) u.a. für die Expansion hereinbringen.

A new Tesla Model 3 is shown at a delivery center on the last day of the company's third quarter, in San Diego

So startete Tesla am Donnerstag mit der Abholzung von rund 155 Hektar Wald in Brandenburg. Ab 2021 sollen dort in einer neuen Fabrik Autos für Europa vom Band rollen. Umweltschützer wollen nun mit Eilanträgen die vorgezogene Rodung noch verhindern.

Schwopes Resümee: „Wenngleich Tesla den Turnaround geschafft haben könnte, sucht doch die Bewertung des Unternehmens ihresgleichen.“ Den aktuellen Kurs hält er für „übertrieben“.

Und bei Volkswagen?

Elektroautos sind hier noch ein Nischenprogramm. 140.000 Fahrzeuge waren es konzernweit, wobei hier auch Hybride mitgezählt werden. Heuer sollen es bis zu einer halben Million sein, wobei vor allem der neue id.3 helfen soll. Das Auto kostet je nach Förderung und Ausstattung rund 30.000 Euro, fast 40.000 Stück wurden bereits vorbestellt. Allein, ob es mit der versprochenen Auslieferung ab Sommer klappt, steht noch in den Sternen. Es gibt massive Software-Probleme.

Apropos Software. Im Auto der Zukunft ist diese das Um und Auf. Daher beschäftigt Tesla rund 3.000 ITler, beim ungleich größeren VW-Konzern sind es bisher nur 2.000. Viele Services und Applikationen werden zugeliefert. Im schlimmsten Fall werken Mitarbeiter der hauseigenen Töchter wie Audi an den selben Problemen. Um Doppelgleisigkeiten zu vermeiden, hat VW-Chef Herbert Diess den Aufbau einer übergreifenden Abteilung namens Car.Software.Org verkündet. Diese soll 5.000 Experten umfassen.

 

Der Start ist aber noch nicht geglückt. Denn Vorstand und Betriebsrat arbeiten noch an den rechtlichen Rahmenbedingungen für die Mitarbeiter. Old Economy eben versus Start-up-Denken im Silicon Valley.

Diess hat die Probleme bereits erkannt. „Wir werden wie ein Automobilunternehmen bewertet. Tesla wie ein Tech-Unternehmen.“ Dorthin will auch Diess. Die Zukunft liege im Umbau zu einem digitalen Tech-Konzern – „und nur da“. Zugleich warnt er: „Wenn wir in dem jetzigen Tempo weitermachen, wird es sehr eng“, und er erinnerte an das Schicksal von Nokia.

Entschädigung für Dieselfahrer

Neben dem Umbau in einen Technologiekonzern und den hohen Investitionen in alternative Antriebe kämpft Volkswagen noch immer mit Altlasten aus dem  2015 aufgepoppten Dieselskandal.  Allein in den USA hat Dieselgate Volkswagen einschließlich Strafen mehr als 25 Milliarden Euro gekostet. Schon immer haben Konsumentenschützer den Umstand bekrittelt, dass US-Kunden entschädigt wurden, während in vielen anderen Ländern der Gerichtsweg eingeschlagen werden musste. So auch in Deutschland.

830 Millionen EuroDoch gestern, Freitag, kam es zu einer überraschenden Wende. Trotz eines geplatzten Vergleichsverfahrens mit Verbraucherschützern will der Konzern bis Ende März 830 Millionen Euro unkompliziert an die Betroffenen auszahlen. „Das Musterfeststellungsverfahren ist vom Gesetzgeber so ausgestaltet, dass weitere Jahre vergehen, bis individuelle rechtskräftige Urteile gesprochen würden“, teilt VW als Begründung mit.

Kein Geld für Österreicher

„Diese jahrelangen Rechtsstreitigkeiten wären für die Kunden, die Justiz und das Unternehmen eine immense Belastung. Auch Volkswagen will keine weiteren hunderttausenden Einzelverfahren. Für die deutsche Justiz wäre dieser Kraftakt nicht zu meistern. Ein Vergleich in diesem Verfahren ist daher für alle die vernünftigste Lösung.“
Österreichische Betroffene schauen aber weiterhin durch die Finger. Diese Entscheidung habe mit Österreich nichts zu tun, heißt es.

Indes muss VW darauf achten, dass der Anteil der  hergestellten Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren weiter sinkt. Andernfalls drohen  schon ab nächstem Jahr hohe Strafzahlungen   wegen der Verfehlung der -Ziele (siehe Grafik). Davon sind so gut wie alle Hersteller in unterschiedlicher Höhe betroffen. Tesla als reiner E-Autoanbieter naturgemäß nicht. Ein weiterer Wettbewerbsvorteil für den US-Konkurrenten.

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