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Verunreinigte Lebensmittel und Produktrückrufe: Die Unsicherheit isst mit

Gift in der Babymilch, Arsen im Reis, Schimmel im Ketchup: Fälle verunreinigter Nahrungsmittel beunruhigen Konsumenten und zeigen auf, wie verwundbar das System globaler Lieferketten ist.
Glass jars with different kinds of jam

Als Nina T. Ende Jänner ihr zehn Monate altes Baby ins Krankenhaus bringt, glaubt sie an einen hartnäckigen Magen-Darm-Infekt. Ihr Sohn erbricht schwallartig, hat Fieber, Durchfall und verweigert das Trinken. Erst später wird die Steirerin erfahren, dass die Ursache dafür der Inhalt seines Fläschchens ist.

Die Babymilch Aptamil war mit Cereulid kontaminiert – einem Gift, das von Bakterien gebildet wird. „Ich habe darauf vertraut, dass Babynahrung besonders genau kontrolliert wird und nichts Schädliches enthalten ist“, sagt Nina T. Vor allem, weil es eine der teuersten Marken sei, betont sie.

Der Babymilch-Skandal Anfang des Jahres reichte weit über Österreich hinaus und legt die Schwachstellen einer globalisierten Lebensmittelindustrie offen. Hunderte Produkte weltweit und von verschiedenen Herstellern waren betroffen. Als Quelle der Verunreinigung wurde das beigemengte Ara-Öl identifiziert – ein Rohstoff, der von einem einzigen Zulieferer stammt: Cabio Biotech aus Wuhan in China. Er versorgte Lebensmittelgiganten wie Nestlé und Danone.

Kaum eine Woche vergeht, ohne dass die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) vor Produkten warnt oder sie zurückruft. Listerien im Würstel. Allergene in der Tabascosoße. Metallteile in der Packerlsuppe. Laut aktuellem Lebensmittelsicherheitsbericht ist 1 von 200 Proben gesundheitsschädlich. Weitere 2,6 Prozent sind nicht für den menschlichen Verzehr geeignet – also nicht unbedingt gefährlich. Die meisten Verunreinigungen entstehen durch mikrobielle Kontaminationen, etwa mit Schimmelpilzen, Salmonellen oder Noroviren.

Die Verantwortung für die Sicherheit der Lebensmittel liege grundsätzlich beim Hersteller, sagt Indra Kley-Schöneich, Geschäftsführerin der Organisation Foodwatch. Fälle wie jener der verunreinigten Babymilch „lassen aber daran zweifeln, wie ernst diese Verantwortung genommen wird“, sagt sie. Zudem kritisiert sie im Gespräch mit dem KURIER, dass Konzerne bei Verstoß nicht sanktioniert würden.

Die Beschwerden der Konsumenten bei Foodwatch nehmen zu. Nicht nur, weil sie laut Kley-Schöneich durch verunreinigte Lebensmittel erkranken. Auch weil Meldungen über Produktrückrufe viele Verbraucher verunsichern würden.

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Indra Kley-Schöneich, Geschäftsführerin von Foodwatch

25.000 Proben pro Jahr

Was der Produzent nicht erfüllt, kann der Staat nicht kompensieren. Knapp 25.000 Lebensmittel haben AGES und die Untersuchungsstellen der Länder 2024 überprüft. Zum Vergleich: In einer großen Supermarkt-Filiale kann es bis über 40.000 Produkte geben. Lückenlose staatliche Kontrolle ist bei diesen Mengen Illusion.

Die AGES betont allerdings, dass die Auswahl der Proben statistisch gut abgesichert sei. Heißt: Dort, wo das Risiko höher ist, wird genauer kontrolliert – etwa bei tierischen Produkten. „Lebensmittel sind in Österreich sehr sicher“, sagt Florian Tschandl, Leiter des AGES-Instituts für Lebensmittelsicherheit Wien. Knapp 17 Prozent der Proben insgesamt werden beanstandet, „das ist ein sehr geringer Wert und international spitze“, sagt Tschandl. Die meisten Mängel sind falsche Kennzeichnungen und Irreführungen.

Wird eine Verunreinigung entdeckt, läuft beim Handel ein Standardprozedere an, heißt es bei Rewe und Spar: Eine Kassensperre wird eingerichtet, das Produkt aus den Regalen geräumt, ein Aushang zur Kundeninformation ausgehängt. Beide betonen, dass Rückrufe in den vergangenen Jahren nicht zugenommen hätten.

Diese Grafik zeigt die Beanstandungsquoten bei Lebensmittelkontrollen.

Stiller Rückruf

Nicht jeder Rückruf muss öffentlich kommuniziert werden. Nur bei gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln ist eine Warnung verpflichtend. Sind sie lediglich „für den menschlichen Verzehr ungeeignet“ – also etwa aufgrund von Fäulnis oder Fremdstoffen – können sie ohne Information aus den Regalen verschwinden.

Eine Praxis, die bei Foodwatch auf Kritik stößt. „Ein Produktrückruf hat nicht still zu erfolgen, wenn etwas enthalten ist, das nicht enthalten sein sollte“, sagt Indra Kley-Schöneich. Auch im Fall der belasteten Babymilch geschah laut Foodwatch zunächst genau das. Ende November habe es erste Hinweise auf Verunreinigungen mit dem Giftstoff Cereulid in einem niederländischen Werk von Nestlé gegeben. Am 5. Jänner informierte der Konzern die österreichische Öffentlichkeit. Doch bereits während der Weihnachtsfeiertage seien die Marken Beba und Alfamino aus dem Handel verschwunden. Ähnlich sei es auch bei Produkten von Danone gelaufen. Der Hintergrund: Die Verunreinigung wurde zunächst nicht als gesundheitsschädlich eingestuft, es fehlten offizielle Cereulid-Grenzwerte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa).

Die Lebensmittelkonzerne betonen auf KURIER-Anfrage, rasch und konsequent gehandelt zu haben. „Eltern, Kunden sowie Medien haben wir zeitgleich und transparent über verschiedene Kanäle informiert“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme von Danone. Entlang des Herstellungsprozesses führe man mehr als 1.000 Qualitätsprüfungen durch, von der Auswahl und Analyse der Rohstoffe über engmaschige Kontrollen während der Produktion bis hin zur finalen Prüfung der fertigen Babymilch.

Und den Angaben von Nestlé zufolge hätten interne Kontrollen das Toxin identifiziert, woraufhin Produktion und Vertrieb gestoppt, die Behörden informiert und betroffene Produkte zurückgerufen worden seien. „Nestlé war das erste Unternehmen, das das Problem erkannt und entsprechend gehandelt hat. Bis heute gibt es keine klinisch bestätigten Krankheitsfälle im Zusammenhang mit Nestlé-Säuglingsnahrung.“

Foodwatch hingegen spricht von rund 80 Fällen schwerer Magen-Darm-Erkrankungen in Zusammenhang mit der betroffenen Säuglingsnahrung in Österreich. Die Organisation hat Strafanzeige gegen die beiden Lebensmittelriesen erstattet, sieben Betroffene haben sich angeschlossen. Zentraler Vorwurf: Die öffentlichen Rückrufe seien zu spät erfolgt.

Nina T. überlegt noch, ob sie juristisch gegen Danone vorgeht. Derzeit belastet sie die Sorge, ob ihr Sohn bleibende Schäden davonträgt. Medizinische Abklärungen laufen, ein endgültiger Befund steht aus. Bis heute steht eine Packung der betroffenen Charge in ihrer Küche. Sie hat sie aufgehoben, um sie irgendwann analysieren zu lassen. „Ich will wissen, wie viel Cereulid genau darin enthalten war“, sagt sie. Ihr Vertrauen in die Marke ist jedenfalls weg. Sie hat auf eine andere Babymilch gewechselt.

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