Giftstoff in Babynahrung: Foodwatch erstattet Anzeige gegen Großkonzerne
Die britische Gesundheitsbehörde hat bisher 36 Krankheitsmeldungen bei Kindern nach dem Konsum zurückgerufener Babynahrung registriert.
Im Skandal um mit dem Toxin Cereulid verunreinigte Babynahrung hat Foodwatch auch in Österreich am Freitag Strafanzeige gegen Nestlé und Danone erstattet. Nach Ansicht der Konsumentenschutzorganisation gebe es Hinweise darauf, dass beteiligte Konzerne eine öffentliche Bekanntgabe der kontaminierten Produkte verzögert haben könnten - und dadurch Säuglinge möglicherweise einem hohen Risiko ausgesetzt wurden. Sieben betroffene Familien haben sich der Anzeige angeschlossen.
Laut den jüngsten Zahlen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) mit Stand 12. März wurden den heimischen Behörden 14 Erkrankungsfälle durch das Toxin Cereulid gemeldet. Drei Fälle sind bestätigt, elf gelten als wahrscheinlich. Die betroffenen Kinder im Alter zwischen zwei Wochen und drei Jahren sind inzwischen alle wieder genesen.
Foodwatch Österreich sieht im Vorgehen der Babynahrung-Hersteller rechtliche Verstöße und fordert eine vollumfängliche juristische Aufarbeitung, hieß es in einer Aussendung am Freitag. Laut Foodwatch liegt nach geltender Rechtslage die Verantwortung für die Sicherheit unserer Lebensmittel bei den herstellenden Unternehmen. Kann diese nicht vollends gewährleistet werden, so muss der Hersteller die Behörden informieren und das Produkt umgehend vom Markt nehmen. Wenn Konsumentinnen und Konsumenten das betroffene Lebensmittel bereits gekauft haben könnten, müssen diese effektiv und umfassend informiert werden. Speziell wenn es um die Sicherheit von Säuglingen geht, gebe es keinen Verhandlungsspielraum. Genau hier sieht die Konsumentenschutzorganisation Klärungsbedarf.
Anzeige in Wien eingebracht
Foodwatch Österreich hat daher bei der Staatsanwaltschaft Wien Strafanzeige gegen Nestlé und Danone Österreich eingebracht. Gegenstand der Anzeige ist der Verdacht des Inverkehrbringens gesundheitsgefährdender Lebensmittel sowie der Verdacht der Körperverletzung durch Unterlassung. Ziel sei es, umfassende staatsanwaltschaftliche Ermittlungen einzuleiten und mögliche Verantwortlichkeiten lückenlos aufzuklären.
Für die Organisation ist die Strafanzeige ein erster Schritt. Weitere rechtliche Schritte in Bezug auf mögliche Schäden, die bei Betroffenen entstanden sind, werden derzeit geprüft. Bei den sieben Familien, die sich angeschlossen hatten, hatten die Kinder im Zusammenhang mit betroffenen Chargen Symptome entwickelt, sie mussten teilweise im Krankenhaus behandelt werden. Sie würden stellvertretend für zahlreiche Familien stehen, die sich bei Foodwatch gemeldet haben - zumindest 76 Kinder hatten konkrete Symptome gehabt. Laufend würden sich weitere betroffene Eltern melden. Viele von ihnen erwägen laut Foodwatch, sich möglichen juristischen Verfahren anzuschließen.
"Wir sprechen noch immer beinahe täglich mit aufgelösten Eltern. Die Wut und Verunsicherung sind verständlicherweise weiterhin groß. Solange dieser Fall nicht vollständig aufgeklärt ist und mögliche Konsequenzen gezogen werden, werden wir Seite an Seite mit den Betroffenen für Gerechtigkeit kämpfen. Ein solcher Skandal darf sich nicht wiederholen", bekräftigte Indra Kley-Schöneich, Leiterin von Foodwatch Österreich.
Rückrufe seit Dezember in mehr als 60 Ländern
Bereits Ende Jänner hatte Foodwatch in Frankreich, das besonders stark vom Babymilch-Skandal betroffen war, Strafanzeige eingebracht. Die Anzeige, die im Namen von acht Familien gestellt wurde, führte dazu, dass die Staatsanwaltschaft Paris umgehend Ermittlungen aufnahm.
Mehrere Hersteller, darunter europäische Großkonzerne wie Nestlé, Danone und Lactalis, haben seit Dezember in mehr als 60 Ländern weltweit Säuglingsnahrung zurückgerufen. Grund war die mögliche Verunreinigung der Produkte mit dem Giftstoff Cereulid, der Durchfall und Erbrechen verursachen kann. Hintergrund der bisherigen Rückrufe ist ein in den Milchpulvern als Zutat verwendetes und verschmutztes Öl eines Zulieferers aus China. Symptome treten innerhalb von sechs Stunden nach dem Konsum von Babymilchpulver auf. Bei anhaltenden oder schweren Symptomen sollen Eltern umgehend den Kinderarzt kontaktieren.
Neben Österreich haben auch Belgien, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Spanien und das Vereinigte Königreich Fälle gemeldet, die derzeit untersucht werden. Die gemeinsame Bewertung des Europäischen Zentrums für Seuchenkontrolle (ECDC) und der EFSA zeige, dass die meisten gemeldeten Fälle leichte gastrointestinale Symptome aufwiesen. Es wurden aber auch einige Krankenhausaufenthalte aufgrund von Dehydrierung gemeldet. Bereits Mitte Februar sahen die EU-Behörden die Vergiftungsgefahr für Kleinkinder insgesamt als größtenteils gebannt.
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