Streit unter den Scheichs: Die Emirate wollen am Golf eigene Wege gehen

Mit dem Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC könnten die Öl- und Spritpreise wieder sinken. Im Moment ist wegen der blockierten Straße von Hormus keine Entspannung in Sicht.
FILE PHOTO: COP29 climate summit in Baku

Die Nachricht schlug am Dienstag ein wie eine Bombe. Mitten in der Iran-Krise, die laut Experten dazu angetan ist, in eine globale Energiekrise wie zuletzt in den 1970er-Jahren zu münden, treten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus der OPEC und OPEC+ (inkl. Russland) aus – und zwar schon am 1. Mai. Sofort wurden in aller Welt verschiedenste Szenarien debattiert, was dieser Schritt der Scheichs aus Abu Dhabi für den Ölmarkt, die hohen Spritpreise von Europa bis in die USA und die Machtverhältnisse in der Golfregion bedeuten könnte. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen.

Weshalb setzen die Emirate diesen Schritt?

Die Vergeltungsangriffe des Iran haben auch Dubai und Abu Dhabi gegolten. In Dubai wurde der Tourismus getroffen, in Abu Dhabi, das 95 Prozent des Öls der Emirate hat, brannten Anlagen der staatlichen Ölgesellschaft ADNOC. Die Emirate gelten als das Wirtschaftszentrum am Golf und fühlten sich von den Nachbarn im Stich gelassen.

Wie hat sich seit der Ankündigung der VAE aus der OPEC auszutreten der Ölpreis entwickelt? 

Am Mittwoch sind die Ölpreise weiter recht deutlich um mehr als fünf Prozent gestiegen. Rund 117 US-Dollar kostet aktuell ein Fass (159 Liter) der in Europa maßgeblichen Rohölsorte Brent. Vor dem Angriff auf den Iran Ende Februar lag der Preis bei 70 bis 75 Dollar je Fass.

Sollte der Ölpreis nicht sinken, wenn die VAE unabhängiger sind und an- kündigen, mehr Öl zu fördern?

Die Erwartung, dass die Öl- und Spritpreise rasch sinken werden, weil die Emirate künftig mehr Öl auf den Weltmarkt liefern wollen, wird sich wohl erst mittel- bis langfristig erfüllen. Entscheidend ist nämlich, dass zuvor die doppelt blockierte Straße von Hormus wieder für den Transport von Rohöl in alle Welt geöffnet wird. Rund 20 Prozent des global gehandelten Rohöls wird in Friedenszeiten durch dieses Nadelöhr zwischen Oman und Iran transportiert. WIFO-Experte Josef Baumgartner sagt: „Kurzfristig wird der Austritt aus der OPEC einen sehr geringen Effekt haben. Weil die Abu Dhabis können ihr Öl momentan nicht verkaufen. Sie müssen auf Lager produzieren und die Lager sind auch schon voll.“

Warum treten die Emirate ausgerechnet jetzt aus der OPEC aus? Ist das nicht ein denkbar schlechter Zeitpunkt? Nein, im Gegenteil. Die Abu Dhabis nutzen die aktuell hohen Preissprünge am Markt und das politische Chaos am Golf und sorgen nicht für weitere Verwerfungen. Sie hoffen, nach der Öffnung der Straße von Hormus mit höheren Fördermengen auf den Weltmarkt kommen zu können – ohne langwierige Debatten in der OPEC unter der Dominanz von Saudi Arabien.

Statt wie 2025 rund 3,4 Mio. Barrel pro Tag zu produzieren, sollen es 2027 fünf Millionen sein. Das sind viele Milliarden mehr an Staatseinnahmen, die Abu Dhabi in die Neuaufstellung seiner Wirtschaft investieren will (KI, Erneuerbare Energie etc.)

Auf die Frage, ob sich sein Land mit Riad abgestimmt habe, erklärte VAE-Energieminister Suhail Mohamed al-Masrui, das Thema sei mit keinem anderen Staat besprochen worden. „Dies ist eine politische Entscheidung, die nach einer genauen Prüfung der aktuellen und künftigen Förderpolitik getroffen wurde“, sagte der Minister.

Kann das Kalkül Abu Dha- bis aufgehen, als Gewin- ner aus der Krise zu kommen? WIFO-Experte Baumgartner ist skeptisch. Die Ölpreise könnten auch stärker fallen als gewünscht und Abu Dhabi am Ende als Verlierer dastehen. Ein Beispiel: 2020 wollten die Saudis die Förderungen für höhere Preise drosseln, setzten sich aber nicht gegen Russland durch. So wurde die Förderung der OPEC+ erhöht, gleichzeitig kam es zur Corona-Pandemie und damit zu einem drastischen Preisverfall auf bis zu 20 Dollar pro Fass. Die maßgebliche US-Sorte WTI hatte für einen Tag lang sogar einen negativen Preis.

Erleben wir den Anfang vom Ende der OPEC?

Russland oder Kasachstan denken nicht an einen Austritt aus der OPEC+. Andere Länder halten sich bedeckt. Eine Schwächung der OPEC stellt der Austritt der VAE auf jeden Fall dar, repräsentieren ihre Fördermengen doch 16 Prozent der Gesamtmenge.

Wie kam es zum Zerwürfnis zwischen den VAE und Saudi-Arabien?

Die Rivalität ist nicht neu, etwa im Tourismus oder bei der Ölförderung, wo die Saudis in der OPEC den Ton angeben. Zuletzt ist das Verhältnis aber merklich abgekühlt. Beide unterstützen in den Bürgerkriegen im Jemen und im Sudan unterschiedliche Kräfte. Die VAE nahmen 2020 unter Vermittlung der USA offizielle Beziehungen zu Israel auf (Abraham-Abkommen), eine saudische Annäherung scheiterte mit dem Ausbruch des Gazakriegs. Im Iran-Krieg drängen die wirtschaftlich stärker betroffenen VAE auf gemeinsame Gegenangriffe, das saudische Königshaus weigert sich. Auch der Vermittlerstaat Pakistan sorgt für Spannungen: Die VAE kritisieren diesen als zu Iran-freundlich, Saudi-Arabien rückte zuletzt näher an Pakistan.

Was haben die USA damit zu tun?

Die USA fördern seit den 2010er-Jahren stetig mehr Öl und sind inzwischen zum größten Ölproduzenten der Welt aufgestiegen. Als Nicht-OPEC-Mitglied stören sie sich deshalb am großen Einfluss, den die Gruppe auf die Ölpreise nehmen kann. Donald Trump kritisiert die OPEC seit Jahren als „Kartell“ und fordert, dass sie die Ölfördermenge erhöht, damit die Benzinpreise auch für US-Bürger sinken – ein wichtiges politisches Thema, gerade so kurz vor der nahenden Zwischenwahl im November. Die der Trump-Familie ohnehin nahestehende Herrscherfamilie der VAE erhofft sich mit dem OPEC-Austritt also auch eine noch stärkere Bindung an die USA.

Gibt es einen Bezug zu Österreich?

Einen indirekten: Neben der Republik Österreich sind die Abu Dhabis zweitgrößter Aktionär und wichtigster Partner der OMV. Vor kurzem wurde zwischen OMV und der ADNOC, unter der Führung von Sultan Al Jaber, die Gründung des Chemieriesen Borouge Group International mit Sitz in Wien besiegelt. Sein Öl bezieht Österreich aber vor allem aus Kasachstan. Es kommt per Pipeline aus Triest ins Land.

Kommentare