Die neue Anlage der voestalpine am Golf von Mexiko. Hier wird um 550 Millionen Euro bis Dezember eine Direktreduktionsanlage hochgezogen, für Hochöfen wäre noch Platz.

© ©voestalpine AG

Voest-Werk in Texas
04/25/2014

USA rollen der Industrie den roten Teppich aus

In den USA findet die voestalpine, was sie in Österreich vermisst und so investierten die Linzer auf einen Schlag so viel Geld außerhalb Europas, wie nie zuvor.

von Josef Siffert

Sogar fünf Mann des voestalpine Blasorchesters sind nach Corpus Christi gereist. Schließlich hatten die Linzer hier, in der Hafenstadt im Süden von Texas am Mittwoch guten Grund zu feiern, wurde doch die Baustelle zur größten Auslandsinvestition in der Geschichte des Unternehmens eröffnet. Und wie es sich für Ouvertüren in den USA gehört mit ordentlich Pomp. Zu volkstümlichen Klängen in rot-weiß-rot stellte die Navy JROTC, eine Jugendorganisation der bekannten Kriegsmarine, die Ehrengarde. Nationalhymnen erklangen, ein Gebet wurde gesprochen.

Auf dem ebenen, mit Gräsern bewachsenen Gelände direkt am Golf von Mexiko gelegen, griff voest-Konzernchef Wolfgang Eder am Mittwoch zum Spaten und eröffnete die Baustelle, auf der um 550 Millionen Euro bis Dezember 2015 eine sogenannte Direktreduktionsanlage von der voestalpine Texas LLC aufgezogen wird.

In weiter Ferne steht als nächster Nachbar einsam ein junges Aluminiumwerk. Blickt man hinaus aufs Meer sieht man Schiffe, Bohrinseln und eine Bohrinsel-Reparaturinsel gigantischen Ausmaßes. Und Möwen. In zehn Jahren wird von den weiten Feldern vor lauter Fabriken wohl nicht mehr viel zu sehen sein, denn die Gegend zieht Investoren an: Allein für die nächsten vier, fünf Jahre darf Texas mit zwölf bis 15 Milliarden Dollar an Investments rechnen.

Vom Import- zum Exporthafen

Der Südstaat hat vor allem der energieintensiven Industrie den roten Teppich ausgerollt. Energiesorgen konnte man in den USA vor ein paar Jahren begraben. Denn keine Stunde Autofahrt nördlich von Corpus Christi entfernt, erstreckt sich auf knapp 80 Kilometer Breite und rund 650 Kilometer Länge das sogenannte Eagle Ford Shale. Seit 2008 wurden in der dünn besiedelten Gegend rund 12.000 Bohranträge bewilligt - der Billigenergieboom ward eingeleitet. Hier wird ein Drittel der gesamten Öl- und Gasversorgung der USA via Fracking aus dem Boden geholt. Dadurch kostet Gas im Vergleich zu Europa nur ein Drittel oder gar ein Viertel. Wie sehr das die Gegend verändert hat, sieht man am Hafen. Im Jahr 2011 noch diente der Hafen von Corpus Christi, fünftgrößter der USA, als Importhafen für das für Produktionen benötigte Öl. Heute wird exportiert.

Die neuen voestalpine-Standorte in den USA

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"Der Gaspreis war der Hauptgrund, warum wir uns entschieden haben nach Texas zu gehen und nicht in Europa zu investieren", so Eder. Denn die Umwandlung von Eisenerz-Schwämmen (67% Eisengehalt) in sogenannte HBI-Pellets (91% Eisengehalt) wie sie ab Dezember 2015 laufen soll, braucht Erdgas. "Sehr, sehr viel Gas", so Eder.

Steuern, Infrastruktur

Auch abgesehen von billiger Energie bietet Texas für die Industrie ein attraktives Fundament. Die Steuerbelastung gehört zu den zehn niedrigsten unter den US-Bundesstaaten. So ist man der voestalpine auf zehn Jahren mit Steuererleichterungen von rund einem Viertel der gesamten Investitionssumme (550 Mio. Euro) entgegengekommen. Wie hoch die Erleichterungen ausfallen, wird von Fall zu Fall entschieden und hängt vom der Art und Höhe der Investition ab.

Zudem ist das Straßen- und Schienennetz das größte der USA, es gibt elf Tiefseehäfen, von denen übrigens auch die voest einen braucht.

Und es gebe eine Politik der "offenen Arme" wie sie von voest-Mitarbeitern gern genannt wird, die aktiv auf investitionswillige Unternehmen zugeht: Federführend verantwortlich dafür sind die Economic Developement Councils (EDC) - im Falle von Texas ist es organisatorisch dem Gouverneurs-Büro beigestellt. Kriegt ein EDC Wind, dass ein Investor ernsthaft auf Standortsuche ist, treten sie an diesen heran. "Das ist keinesfalls mit Lobbying zu verwechseln", so Matthias Pastl von der voest gegenüber dem KURIER. Pastl war seit der ersten Stunde im Jahr 2011 mit einem kleinen Team auf der Suche nach einem geeigneten Standort für die Anlage - "anfangs ganz simpel - über eine Suchmaschine". Nachdem alle potentiellen Küstenstädte ausgeforscht waren, wurden 17 Standorte weltweit genauer unter die Lupe genommen - auch in den USA, worauf man in Kontakt mit dem EDC kam, das weitere Vorschläge unterbreitete. Penible Auflistung über Infrastruktur, Logistik, Umweltauflagen, Steuerpolitik, etc. inklusive.

Zehn Monate Sonne

Letztlich im Rennen blieben Louisiana, Kanada und eben Texas. "Als wir gesehen haben, dass in Texas zehn Monate im Jahr die Sonne scheint, fiel die Wahl nicht schwer", scherzte der technischer Geschäftsführer der Texas LLC, Erich Pizzera bei seiner Rede.

Das zwei Quadratkilometer große Gelände ist vom Hafen Port of Corpus Christi geleast - auf 50 Jahre mit der Option auf zweimal 15 Jahre Verlängerung. Bebaut wird vorerst nur ein Viertel der Fläche. Platz für einen Hochofen bliebe also noch und wie Eder schon vor wenigen Tagen durchklingen hat lassen, müsse sich die voestalpine noch gut überlegen, ob sie am Standort Linz in neue Hochöfen investieren wolle oder eben woanders. Und die USA spielen für die voestalpine im Moment eine immer stärkere strategische Rolle: Von derzeit einer auf drei Milliarden Euro soll der Umsatz in Amerika bis ins Jahr 2020 klettern und den Anteil am Konzernumsatz von acht auf 15 Prozent steigern.

Detroit des Südens

Entsprechend wurde nicht nur in Texas investiert. In Cartersville, bei dessen Landschaft sich Wolfgang Eder an ein Dorf in den Voralpen erinnert fühlt, wurde am Dienstag eine neuer Produktionsstandort eröffnet - der 17. in den USA. Mit der Kraft von 50 Millionen Euro hat die voestalpine Automotive body parts Inc. ihre Internationalisierungsoffensive im Automotive-Bereich vorangetrieben.

Hier in der 16.000-Einwohner-Stadt und im angrenzenden Bartow County entsteht momentan das "Detroit des Südens" - die neue Zuglok in der Autoindustrie. "Wir folgen den Automobilherstellern, speziell aus Europa in die Zukunftsmärkte", so Eder bei der Eröffnung. Wichtige Kunden sitzen bereits wenige Autostunden entfernt vor Ort: Volkswagen in Tennessee, BMW in South Carolina und Daimler in Alabama.

Mittels langfristiger Verträge wurde die Kooperation mit den europäischen Autobauern in Papier gegossen, was die für die voest erfreuliche Folge hat, dass die Produktionsserie verkauft war, noch bevor die 1100-Tonnen Presse und ihre kleine 220 Tonnen-Schwester die ersten hochfesten Karosserieteile gefalzt, gebogen, gestanzt und ausgespuckt hatten. Darum wurde bei der Eröffnung des Werkes am Dienstag auch gleich die Erweiterung der Fabrik bekanntgegeben. 14 Millionen Euro steckt man in den Ausbau, der Mitte 2016 abgeschlossen sein sollte.

Bis 2020 sollen die gut 220 Mitarbeiter rund 100 Millionen Umsatz erwirtschaften. Danach werde man 200 Millionen Euro Umsatz anpeilen, vielleicht werde man auch noch 100 Mitarbeiter mehr einstellen, so Vorstand Herbert Eibensteiner, Leiter der Metal Forming Division der voestalpine.

Offene Arme, die Zweite

Auch hier waren sie wieder zu spüren, diese weit geöffneten Arme, mit denen ausländische Investoren willkommen geheißen werden, und diesmal reichten sie bis auf Gemeindeebene.

So statteten Vertreter aus Cartersville, kurz nachdem der Bau des Werkes fixiert wurde, der voest einen Besuch ab und fragten an, ob man in irgendeiner Form behilflich sein könne - etwa bei der Ausbildung qualifizierten Personals, denn man habe in Georgia diesbezüglich schon erste Ideen entwickelt. Daran anknüpfend wurde eine Art duales Ausbildungssystem - angelehnt an die Lehre in Österreich - ausgefeilt, der Schulplan modifiziert. Schüler der Highschool können nun im Rahmen des "working based learning" bei der voest angelernt werden und sollen so fachhandwerkliche Fähigkeiten von der Pike an vermittelt bekommen. Zwei Lehrlinge werden vorerst abwechselnd Schulbank drücken und Autoteile fertigen. Das Modell machte Schule und nun hat auch die in Cartersville ansässige Budweiser Brauerei ihre ersten zwei "Lehrlinge".

Der Autor war auf Einladung der voestalpine in den USA.

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