Hafen von Qingdao: Arbeiter mit Schutzmasken legen ein Containerschiff an die Leine

© REUTERS/CHINA DAILY

Frage und Antwort
03/02/2020

Unsichere Prognosen: Wenn das Virus will, steht alles still

Schock nach dramatischen OECD-Zahlen. Droht die nächste Krise? Oder ist alles halb so wild?

von Hermann Sileitsch-Parzer

Die Woche begann eigentlich gut: An den Börsen machte sich nach den Panikverkäufen der Vorwoche wieder etwas Optimismus breit. Die gute Laune währte aber nur kurz: Die Industriestaatenorganisation OECD erwies sich mit einer dramatisch klingenden Prognose als Spielverderber.

Welche Folgen wird das Coronavirus laut OECD für die Wirtschaft haben?

Ungewöhnlich ist, dass die Ökonomen in Paris zwei Szenarien durchgerechnet haben. Die wahrscheinlichere Variante (Grafik): Eine globale Verbreitung des Virus kann verhindert werden, der Ausbruch erreicht nicht dieselben Dimensionen wie in China. Weil die asiatische Supermacht aber so bedeutend ist, spürt die Folgen dennoch die ganze Welt. Das globale Wirtschaftswachstum fällt deshalb voraussichtlich um 0,5 Prozentpunkte geringer aus, als noch im November 2019 angenommen wurde.

Und das Krisenszenario?

Falls es zu einem „Dominoeffekt“ kommt und sich die Epidemie in ganz Asien, Europa und Amerika breit macht, würde die Wirtschaft stärker leiden. Es würden Arbeitskräfte ausfallen, Fabriken stillstehen, wegen der Unsicherheit würde kaum investiert und weniger Geld für Reisen oder Veranstaltungsbesuche ausgegeben. Die OECD erwartet dann die Halbierung der globalen Wachstumsaussichten 2020 auf 1,4 Prozent. Das hat viele Beobachter überrascht.

Richten die Vorsorgemaßnahmen nicht mehr Schaden an, als sie nutzen?

Die OECD-Berechnungen zeigen, dass es sinnvoll ist, die Verbreitung einzudämmen, auch wenn das kurzfristige Kosten verursacht. „Wir ersparen uns dadurch Ausfälle durch tatsächliche Erkrankungen“, sagt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV), zum KURIER.

Worauf muss sich Österreich einstellen?

Die Prognose von 1,1 Prozent Wirtschaftswachstum in Österreich für 2020 (mit Einbußen von 0,25 Prozentpunkten durch Corona), welche die Industriellenvereinigung (IV) berechnet hat, entspreche dem Basisszenario der OECD, sagt Helmenstein. Sollten der Handel und Tourismus in und mit Italien und Deutschland stärker und länger betroffen sein, wären die Folgen auch für Österreich gravierender.

Wie sieht das Krisenszenario für Österreich aus?

Seriös ließen sich die Folgen einer epidemischen Verbreitung jetzt noch nicht berechnen, so Helmenstein: Er will abwarten, bis in Österreichs Nachbarländern – so wie in China – ein Wendepunkt der Virenverbreitung absehbar ist. Schon jetzt sei klar, dass sich in Deutschland und Italien eine sogenannte technische Rezession (zwei Vierteljahre mit Minus hintereinander) kaum vermeiden lasse. In Österreich gebe es indes „genügend Auftriebskräfte“, um eine Rezession zu vermeiden: Das Geschäft mit Osteuropa und der starke Konsum federn das Risiko ab.

Wäre eine Reaktion der Notenbanken sinnvoll?

Corona ist aktuell nicht das einzige Risiko: In den Prognosen sind weder ein Chaos-Brexit, noch eine Flüchtlingskrise, eine Eskalation der Handelsstreitigkeiten oder eine Rückkehr einer Euro-Krise (Stichwort Italien) berücksichtigt. Deshalb gibt es Spekulationen, dass die weltweit größten Notenbanken eine gemeinsame Stützungsaktion ankündigen könnten, um die Nervosität zu verringern. Dagegen spricht: Das würde von vielen erst recht als ein Krisensignal wahrgenommen.

Was können die Regierungen unternehmen?

In einer komfortablen Lage sei jetzt, wer dank solider Finanzen Spielraum zum Reagieren hat, sagt Helmenstein. „Allein, dass Mittel vorhanden wären, wirkt bereits stabilisierend.“ In Deutschland und Österreich sei das der Fall – Italien hat diesen finanziellen Spielraum nicht und wird mit steigenden Zinsen für Neuschulden bestraft.

Läutet Corona das Ende der Globalisierung ein?

Nein, sagt Helmenstein. Dass viele Medikamente nur in China hergestellt werden, sei keine Folge der Globalisierung, sondern falsches Risikomanagement. Die größere Gefahr für den freien Handel gehe von Polit-Interventionen aus.

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