Wirtschaft
02.10.2018

TU-Professor: Nachrüstung von älteren Diesel-Pkw ist Nonsens

SCR-Katalysatoren können Stickoxide stark reduzieren, sind aber für Nachrüstung im Stadtverkehr keine Allheillösung.

Die deutsche Bundesregierung bastelt in Sachen Abgasskandal bei Dieselfahrzeugen an einem politischen Kompromiss, um Fahrverbote in den wichtigsten deutschen Großstädten aufgrund der Luftverschmutzung zu vermeiden. Zwei Varianten sind: Hardware-Nachrüstungen mit SCR-Katalysatoren (Harnstoff-Wasser-Lösungen) bei betroffenen Dieselautos und der Umtausch älterer Diesel (Euro 4, Euro 5) in Neufahrzeuge mit dem modernsten Abgasstandard Euro 6d.

 

„Technisch ist eine Nachrüstung möglich, aber wirtschaftlich bei Fahrzeugen mit der Abgasnorm Euro 4 und Euro 5 eigentlich ein Nonsens“, sagt Fahrzeug-Experte Bernhard Geringer von der Technischen Universität (TU) Wien, zum KURIER. Bei älteren Fahrzeugen würden die Einbaukosten (bis zu 3000 Euro) annähernd so hoch sein wie der eigentliche Zeitwert des Fahrzeuges. Das mache wirtschaftlich keinen Sinn.

Dazu kommt, dass eine Hardware-Nachrüstung mit einem Harnstoff-Katalysator im Überlandverkehr die Stickoxide um 50 bis 70 Prozent verringern kann, aber auf Kurzstrecken im Stadtverkehr eher nicht. „Bei einem Stop-and-go-Verkehr in der Stadt werden sie kaum eine Wirkung erzielen“, sagt Geringer. Um die Stickoxide mittels einer Harnstoff-Wasser-Lösung in Stickstoff und Wasser chemisch zu konvertieren, wird eine Temperatur zwischen 160 und 190 Grad Celsius benötigt. Im städtischen Kurzstreckenverkehr werden diese Temperaturen in der Regel nicht erreicht.

Und je weiter weg ein SCR-Katalysator vom Motor verbaut ist, desto schneller kühlen die Abgase ab.

Dazu kommt, dass bisher kein Hersteller die Garantie oder Haftung für diese Nachrüst-Bausätze übernehmen will. Doch bei zu niedrigen Temperaturen kann sich die Harnstoff-Lösung, auch AdBlue genannt, in den Katalysatoren in kristalliner Form ablagern. Erst bei Temperaturen höher als 250 Grad Celsius löst sich diese Ablagerung wieder auf.

„Wenn man aber in der Stadt damit herumfährt, kann es sein, dass diese Nachrüstlösung gar nicht mehr funktioniert, weil sie dafür nicht ausgelegt ist“, sagt der TU-Professor. Die Technische Universität führt zu diesem Phänomen wissenschaftliche Untersuchungen durch, weil das Adblue-Ablagerungsproblem bereits bei Lkw als Problem erkannt wurde.

Nicht problemfrei

„Das SCR-System ist gut und es kann bis zu 90 Prozent Konvertierung erreichen, nur muss man es richtig machen“, sagt Geringer zum KURIER.

Tatsächlich hat der deutsche Autofahrerklub ADAC einen VW-Passat mit einem SCR-Kat nachgerüstet und dabei eine Stickoxid-Reduktion erzielt. Dazu wurde der dafür nötige AdBlue-Tank im Bauraum des Reserverads untergebracht. Die für die Dosierung und Heizung des Katalysators nötige Energie wurde dabei von der Lichtmaschine zugeliefert. Dieser Energiebedarf führte aber zu einem Treibstoff-Mehrverbrauch von fünf Prozent beim Testfahrzeug.

Doch es gibt ein weiteres Problem. „Eine Überdosierung von AdBlue kann für einen erhöhten Ausstoß von Ammoniak sorgen“, heißt es dazu vom ADAC. Ammoniak ist ein Luftschadstoff, der großteils durch die landwirtschaftlichen Tierhaltung verursacht wird und in der Luft mit anderen Gasen reagiert.

Daraus wird sekundärer Feinstaub. Experten fordern daher, ältere Dieselautos durch moderne Neufahrzeuge zu ersetzen. Dafür sollen in Deutschland Umtauschprämien gewährt werden.