Wirtschaft
16.03.2018

Toys’R’Us hat in den USA ausgespielt

Alle US-Filialen müssen schließen, in Europa geht es vorerst weiter. Käufer werden gesucht.

In der Washingtoner Szene-Kneipe "Madam's Organ" im Stadtteil Adams Morgan herrschte gestern jedenfalls unter den älteren Gäste trübe Stimmung. An gleicher Stelle – 2461 18th St. NW – hatte der Weltkriegsveteran Charles Lazarus vor 70 Jahren mit einem Geschäft für Baby-Möbel den Grundstein für das weltgrößte Spielzeugwaren-Imperium Toys’R’Us gelegt, das zuletzt mit 1500 Filialen und rund 65.000 Mitarbeitern regelmäßig Kinderherzen höher schlagen ließ. Dieses Spiel ist nun vorbei.

Milliardenschulden, die erdrückende Konkurrenz des Online-Riesen Amazon und verändertes Spielverhalten von Kindern haben der Kette den Garaus gemacht. Die landesweit 735 Filialen werden geschlossen. Geschäftsführer David Brandon teilte mit, dass auch ausländische Töchter verkauft oder geschlossen werden.

Österreich

In Österreich startete Toys’R’Us 1992. Was mit den mittlerweile 15 Standorten und 350 Mitarbeitern passiert, ist noch unklar. Im Vorjahr erzielten sie fünf Millionen Euro Gewinn. Offiziell bleiben die Filialen und Onlineshops im deutschsprachigen Raum weiterhin geöffnet.

Der Niedergang des US-Riesen war mindestens seit 2013 zu beobachten. Damals wies das Unternehmen zum letzten Mal Gewinn aus. Um zu sparen, schloss Toys’R’Us in der Folge seinen berühmten Laden an der New Yorker Fifth Avenue. Wenig später wurde auch das 18 Meter hohe Riesenrad im rund um die Uhr piependen und leuchtenden Edel-Geschäft am Times Square aufgegeben, das regelmäßig Touristen aus aller Welt anzog.

Hohe Schulden

Um sich wettbewerbsfähig zu trimmen und Schulden in Höhe von fünf Milliarden Dollar abzutragen, meldete Toys’R’Us im vergangenen September in den USA Gläubigerschutz an und entschied sich dazu, 180 der rund 900 US-Filialen schrittweise zu schließen.

Weil das Weihnachtsgeschäft, in dem der Konzern sonst rund 40 Prozent seines zuletzt knapp elf Milliarden Dollar umfassenden Jahresumsatzes macht, "mehr als katastrophal" ausfiel, wurde der Druck so stark, dass Brandon erneut handeln musste. "Es ist ein sehr trauriger Tag", sagte er in einer Telefonkonferenz zu seinen Mitarbeitern.

Wie viele andere stationäre Händler leidet Toys’R’Us an der Verdrängungskraft von Online-Händlern wie Amazon, die Alltagswaren jeder Art einfacher zum Kunden bringen. Toys’R’Us hatte diese Entwicklung verschlafen. Der Online-Auftritt des Spielwarenunternehmens wirkte lange Zeit altbacken.

Kaufpreis

Dazu kam, dass im Jahr 2005 der Immobilienkonzern Vornado Realty Trust und die Finanzinvestoren Bain Capital und KKR die Kette übernommen und einen großen Teil des Kaufpreises in Höhe von 6,6 Mrd. Dollar auf Toys’R’Us als Schulden abgewälzt hatten. Alle Versuche, sich aus dieser Klemme zu befreien, scheiterten bisher.

Toys’R’Us nimmt damit das gleiche Schicksal, das der Konzern am Anfang seiner Geschichte mit viel Finanzpower und rasantem Wachstum anderen Branchen-Teilnehmern beschert hatte. Nach der Eröffnung des ersten echten Spielwarengeschäfts 1957 und dem Gang an die Börse rund 20 Jahre später hatte Toys’R’Us in den USA durch die akribische Marktbeobachtung sämtliche kleineren Ketten verdrängt. Erst in den 90er-Jahren bekam das Unternehmen Druck durch Discounter wie Wal-Mart und Target, die ebenfalls Spielsachen zu günstigen Preisen anboten.

Unklar ist, wie sich das Ende von Toys’R’Us auf Spielwarenhersteller auswirkt. Auf die Kette entfallen bis zu zehn Prozent ihrer Umsätze.