Susanne Riess-Hahn: "Eigentum ist die beste Altersvorsorge"
Nach 23 Jahren an der Spitze des Wüstenrot-Finanzkonzerns nimmt Susanne Riess-Hahn nun Abschied. Im KURIER-Interview spricht sie über ihre Karriere abseits der Politik und ihre Zukunftspläne. Zu ihrer Rolle in der Causa Signa wollte sie keine Stellung nehmen.
KURIER: Was sind Ihre Pläne nach der Zeit bei Wüstenrot?
Susanne Riess-Hahn: Es gibt viele interessante Projekte, die ich unterstützen kann. Ich bin gerade als Sporthilfe-Präsidentin wiedergewählt worden und bleibe daher dem Profi- und Leistungssport stark verbunden. Ich werde auch mehr Zeit haben, Gut Aiderbichl zu unterstützen, wo ich seit über 20 Jahren tätig bin. Aber ich werde keine politische oder operative Funktion mehr erfüllen, auch nicht im ORF. Ich wurde auch nicht kontaktiert. Im Sommer werde ich probieren, nichts zu tun, mal schauen, ob ich das kann. Mir wird aber ganz sicher nicht langweilig, weil es gibt eine Vielzahl an Dingen, für die ich immer zu wenig Zeit gehabt habe. Ich werde sicher keinen Pensionsschock haben.
Was waren die Herausforderungen in ihrer beruflichen Karriere abseits der Politik?
Es hätte wahrscheinlich keiner gedacht, dass ich 23 Jahre bei Wüstenrot bleibe. Das ist im heutigen Wirtschaftsleben fast schon eine Ewigkeit. Die Finanzwirtschaft hat sich in dieser Zeit unfassbar stark verändert. Wir haben es geschafft, uns den Herausforderungen zu stellen und aus dem Unternehmen eine kapitalstarke Finanzgruppe und den einzigen Retail-Allfinanzdienstleister Österreichs zu formen. Die größte Zäsur war sicher die Finanzkrise, aber das hat die Branche und uns auch weitergebracht. Wir haben uns auf unser Kerngeschäft – Sparen, Vorsorgen, Finanzieren, Versichern – konzentriert und einen sehr erfolgreichen hybriden Vertrieb aufgebaut, bei dem der Kunde zu jedem Zeitpunkt frei zwischen persönlicher Beratung und digitalem Service wählen kann. Sie haben auch eine Bank gegründet.
Wie geht es dieser?
Wir haben vor Kurzem die Milliardengrenze bei den Einlagen geknackt. Das zeigt, dass es der richtige Schritt war. Es ist nicht so, dass das Land auf noch eine Bank gewartet hat, aber für uns war es die Abrundung unseres Geschäftsmodells. Wir hatten zuvor eine relativ hohe Kundenfluktuation, weil ihnen woanders auch Bausparen und Versicherung angeboten wurden und ein Konto dazu. Die Bank-Gründung war ein mutiger Schritt. Und es war wichtig, um uns in der Refinanzierung unabhängig von Partnern zu machen.
Zinsen und Prämien beim Bausparen sind seit Jahren sehr niedrig. Wie kann ihr Nachfolger unter diesen Voraussetzungen das Geschäft vorantreiben?
Kaum ein Geschäftsmodell ist so oft totgesagt worden. Das war schon vor 23 Jahren so.
Aber viele Menschen tendieren derzeit lieber zum relativ risikolosen Fondssparen, vor allem die, die gar nicht für ein Eigentumsobjekt ansparen.
Natürlich haben Kundinnen und Kunden heute viel mehr Möglichkeiten zur Veranlagung. Ich würde aber z. B. Fondssparen und Bausparen nicht als ein Entweder-oder sehen. Das Entscheidende ist ein Vorsorge-Mix aus verschiedenen Varianten, in dem neue Sparformen, Bausparen und auch Versicherungen auf individueller Ebene auf den Kunden abgestimmt werden.
Können sich Menschen heutzutage überhaupt das Bauen noch leisten?
Das ist vor allem für die junge Generation ein großes Thema, weil eine Kombination aus hohen Immobilienpreisen, gestiegenen Baupreisen und hohen Auflagen aufeinandertreffen. Ganz ohne Hilfe von Eltern oder Großeltern tun sie sich schwer, Eigentum zu schaffen. Das war früher nicht so. Das ist eine schwierige Situation, weil Eigentum ist die beste Altersvorsorge. Zugleich steigen die Mietpreise. Es wird dann schwierig, in der Pension den Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Eigentum ist ein ganz wichtiger Faktor, speziell was Wohnen betrifft. Ich wünschte, dass das in der Politik mehr Niederschlag fände. Wenn Politiker sagen, wozu Eigentum, Mieten ist eh super, dann ist das ein großer Irrglaube.
Warum?
Mietkosten steigen viel mehr als die laufenden Kosten für Eigentum. Wenn Menschen mit kleinerem Einkommen kein Eigentum schaffen können, stellt sich für sie die Frage, warum soll ich mich so anstrengen oder Vollzeit arbeiten, wenn ich mir eh nichts leisten kann.
Was kann man dagegen tun?
Ein einfacher Stellhebel wäre die Zweckwidmung der Wohnbauförderung, wie es im Regierungsprogramm vereinbart ist. Aber vor allem müssen wir die jüngere Generation dabei unterstützen, sich Eigentum leisten zu können – wie etwa mit Staffelraten. Umfragen zeigen, dass sich junge Menschen Wohneigentum wünschen, doch im internationalen Vergleich hinkt Österreich bei der Eigentumsquote stark hinterher. Wir haben zu wenige und zu teure Angebote. Zusätzlich würden die Anhebung der Bausparprämie auf 3-8 Prozent, die Anhebung der maximal prämienbegünstigten Sparleistung auf jährlich 1.800 Euro und die Erhöhung der Darlehenshöchstgrenze bei Bauspardarlehen auf 350.000 Euro Erleichterung bringen und die Bauwirtschaft ankurbeln.
Haben Sie den Eindruck, Staat und Behörden greifen zu viel ein?
Über die Jahrzehnte hat sich eine Art Patronanzsystem entwickelt. Es gibt viel zu wenig Deregulierung und einen überbordenden, nicht treffsicheren Sozialstaat, der suggeriert, man muss sich keine Sorgen machen, wir sind für Dich da, egal was passiert. Das ist ein sehr hehrer und lobenswerter Ansatz, der aber auf Dauer nicht durchsetzbar und finanzierbar ist.
Abschließende Frage: Sie gehen nun in Pension, wollen aber weiter aktiv bleiben. Das ist eher die Ausnahme. Woran liegt das?
Wir haben das Pensionssystem nie an die Demografie angepasst. Das ist das Grundproblem. Gott sei Dank werden die Menschen heute viel älter, aber dann kann man auch nicht mit 56 oder 58 in Pension gehen. Es gibt hervorragende Mehrsäulen-Pensionsmodelle oder Gleitzeitmodelle – wie z. B. in den skandinavischen Staaten. Aber das System schafft falsche Anreize, es liegt nicht an den Menschen.
Susanne Riess-Hahn
Die Oberösterreicherin ist studierte Juristin und war von 2000 bis 2003 Vizekanzlerin und Sportministerin in der ersten schwarz-blauen Bundesregierung. Danach wechselte sie zu Wüstenrot. Aus der FPÖ trat sie 2005 aus. 2022 heiratete sie den damaligen EU-Kommissar Johannes Hahn. Sie war auch im Aufsichtsrat der Pleite gegangenen Immogesellschaft Signa von René Benko.
Wüstenrot
Die Wüstenrot-Gruppe feierte 2025 ihr 100-Jahr-Jubiläum und schloss in einem schwierigen Marktumfeld deutlich schwächer ab als 2024. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis lag bei 63,2 Mio. Euro nach 97,7 Mio. im Jahr zuvor.
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