© Kurier/Juerg Christandl

Bauindustrie
07/01/2021

Strauss: Wir haben in der Auslastung und im Auftragsbestand ein All-time-high

Porr-Chef Karl-Heinz Strauss über die Herausforderungen in der Pandemie, den Impffortschritt, den Boom am Bau und seine Abneigung gegen illegale Preisabsprachen und Korruption

von Kid Möchel

KURIER: Kürzlich ist in Leoben ein Bauarbeiter einem Hitzschlag erlegen. Es gibt diese Hitzefrei-Regelung, ab 32,5 Grad im Schatten ist hitzefrei. Wie streng nimmt die Porr diese Regelung?

Karl-Heinz Strauss: Wir haben als 150-jähriger Konzern eine große Tradition und schauen auf unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Unser Motto ist: We care for you. Und es ist jedem Bauleiter und jedem Projektleiter selbstverständlich ein großes Anliegen, dass seine Leute geschützt sind. Wir stellen Wasser, Sonnenschutz und Sonnenbrillen zur Verfügung. Und natürlich, wenn so Riesen-Temperatur sind, werden dort Auszeiten genommen.

KURIER: Wie gut hat die Porr bisher die Pandemie gemeistert? Was klappte besonders gut und was weniger?

Karl-Heinz Strauss: Also was weniger gut geklappt hat, war am Anfang der Shutdown der Baustellen. Hier war die Kommunikation zwischen Wirtschaft und Politik anfangs nicht optimal miteinander abgestimmt. Wir hatten 80 Prozent der Baustellen für einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen geschlossen. Wir konnten dann mit den Sozialpartnern gemeinsam eine Lösung finden, wie man sicher auf Baustellen miteinander umgeht. Das hat wirklich gut funktioniert. Was auch sehr gut funktioniert hat in den letzten eineinhalb Jahren war das Testen und Impfen innerhalb der Porr.

Testen Sie sehr viel?

Wir haben schon im Oktober, November begonnen, auf allen Baustellen europaweit zu testen. Wir haben allein in Österreich in den letzten Monaten zirka 7.000 bis 7.500 Kollegen und Kolleginnen wöchentlich getestet. Es hat in der Porr kaum große Cluster gegeben, aber Einzelfälle. Leider haben wir auch Todesfälle zu beklagen. Ein großes Dankeschön an die Regierung, die uns vor Kurzem Impfstoff gegeben hat. Und wir haben per Stand heute über 8.000 Mitarbeiter der Porr auf den Baustellen schon geimpft und nächste Woche haben alle Geimpften den zweiten Stich.

Mitarbeiter wurden auch in anderen Ländern geimpft?

Im Februar wurden alle Kollegen und Kolleginnen in Serbien geimpft. Auch in Rumänien wurden im April und Mai schon alle geimpft. Wir haben das selbst über unsere bestehende Antigentest-Logistik nahtlos gemacht.

Haben Sie in der Pandemie in Sachen Digitalisierung etwas weitergebracht?

Die Porr war bei der Digitalisierung immer schon weit voraus. Wir hatten ja vor zwei Jahren einen Cyber-Angriff, wo wir gesehen haben, wie anfällig man sein kann. Damals haben wir die großen Schutzmaßnahmen und den Fernzugriff auf die Computer auf neue Beine gestellt. Und das hat sich in der Pandemie bewährt. Das heißt, wir haben von heute auf morgen ohne Hürden im Homeoffice gearbeitet.

Werden Sie Homeoffice beibehalten?

Ich war sowieso jeden Tag im Büro, denn der Kapitän gehört auf die Brücke. Die Porr hat seit dreieinhalb Jahren Homeoffice eingeführt, also ein Tag pro Woche wurde vereinbart. Wenn die Krise wirklich etwas Positives hat, ist zu erkennen, was man wirklich braucht und was nicht. Ist wirklich jede Dienstreise notwendig? Sind all die Sachaufwendungen notwendig? Da wird auch nichts mehr so sein, wie es vorher war. Das heißt, die Dienstreisen werden sicher halbiert werden, für Besprechungen eine Stunde wohin fahren oder wohin fliegen, das hört sich auf.

Die Porr hat das erste Quartal 2021 solide gemeistert, aber im zweiten Quartal sind Baumaterialien wie Holz, Stahl und Dämmstoffe deutlich teurer geworden.

Es ist eine nicht ganz unerwartete Situation, dass es Verknappungen und Preissteigerungen gibt. Durch Covid hatte die gesamte Industrie, ob bei Stahl oder Zement, die Kapazitäten auf 60, 70 Prozent zurückgefahren. Und man war dann überrascht, wie stark die Nachfrage wieder angelaufen ist. Das Thema hat sich eben schneller entwickelt, als man die Kapazitäten nach oben gefahren hat. Es hat je nach Material und Beschaffenheit diverse Preissteigerungen gegeben. Die Porr hat 2021 nahezu überall vorgesorgt und sehr viel eingekauft gehabt. Es trifft uns nicht so stark. Die Preissteigerungen werden voraussichtlich das ganze Jahr 2021 anhalten.

Wie laufen die Geschäfte derzeit?

Wir haben in der Auslastung und im Auftragsbestand ein All-time-high. Wir arbeiten mit voller Kapazität. Durch die Pandemie ist es generell zu Verschiebungen von Projekten gekommen. Hotelprojekte, die noch nicht begonnen wurden, wurden auf später verschoben. Hotel-Projekte, die bereits im Bau waren, wurden alle fertiggestellt oder sind im Fertigstellen. Der Wohnbau boomt, der Verkehr boomt, die Infrastruktur – es boomt eigentlich alles in allen Märkten. Jedes Land hat versucht, ein Förderungsprogramm zu starten. Sehr loben muss man die Regierung für den Investitionsfreibetrag, weil mit einem relativ überschaubaren Betrag von 1,7 Milliarden Euro doch Investitionen von 16, 17 Milliarden Euro ausgelöst wurden.

Sie wollen künftig nachhaltiger bauen. Was ist darunter zu verstehen?

Die Porr hat im Thema Nachhaltigkeit schon immer Großes geleistet und will Themen wie Umwelt, Soziales und Governance noch weitertreiben. Bleiben wir beim Thema Recycling. Wir haben in Österreich 17 Recyclingstellen. Da haben wir vergangenes Jahr 1,7 Millionen Tonnen Abbruchmaterial, Beton, Asphalt, Holz gesammelt und weiterverwendet. Wir versuchen unsere Gebäude möglichst klimaneutral zu machen. Dazu gehören begrünte Gebäude- und Lagerflächen, Photovoltaik und Energieeffizienz. Wir haben vor Jahren unsere Initiative Bee@Porr entwickelt. Wir sponsern Bienen, und Bienenstöcke und unsere PorrianerInnen kümmern sich darum. Sie können 80 Prozent vom Honig behalten, 20 Prozent kommt in die Zentrale.

Wie nachhaltig sind die Baustoffe?

Die Bauindustrie ist abhängig von den Baustoffproduzenten. Wir setzen verstärkt beim Einkauf auf nachhaltige und vor allem kohlenstoffneutrale Materialien. Beim Beton ist es so, dass wir abhängig vom Zement sind. Ohne Zement gibt’s keinen Beton. Da hängen wir von den Anstrengungen der Zementindustrie ab, die auch bekundet, bis 2030 wesentliche Nachhaltigkeitsthemen in Gang zu setzen.

Wie schaut die Zukunft des Bauens aus?

Die Zukunft des Bauens ist der Total-Unternehmer, also alles aus einer Hand, auf Basis des digitalen Standards Building Information Modeling (BIM). Das heißt Gebäudedatenmodellierung und digitaler Zwilling. Alle arbeiten mit den gleichen Zahlen und haben das gleiche Verständnis über die Planung.

Die Bauprozesse werden präziser?

Die Lean-Management-Methode bringt uns dazu, dass wir im Bauprozess viel präziser sind, weniger Abfälle und kaum Verschwendung haben; viel präziser sind in der Zusammenarbeit mit allen Partnern auf der Baustelle. In den nächsten Monaten wollen wir den ganzen Konzern dorthin umstellen, dass man durch dieses effizientere Miteinander, durch das effiziente Bauen, Schnittstellen vermeidet und Synergien optimal nutzt. Immer wieder gibt’s einen Strick, an dem ziehen alle, aber bei dem Lean-Modell ziehen alle in die gleiche Richtung. Und das Schöne ist dabei, dass alle die Änderungen mitkriegen. So haben wir ein Riesen-Bürohaus für BMW anstatt in 24 Monaten in 18 Monaten errichtet.

Seit 2017 ermitteln die Korruptionsstaatsanwaltschaft und die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) gegen die Porr wegen illegaler Preisabsprachen. Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Ich war immer gegen Absprachen und Korruption. Ich war persönlich sehr betroffen, dass diese Vorfälle tatsächlich stattgefunden haben. Und wir leugnen das gar nicht, sondern die Sachen sind passiert, regional, vereinzelt, aber auch leider nicht so kleine oder so wenige Fälle, sondern über eine gewisse Laufzeit hat sich hier einiges angesammelt. Wir haben intern sofort durch ein externes Büro die Situation analysieren lassen. Wir haben mit der BWB sehr konkret zusammengearbeitet. Das ist bis heute der Fall. Wir haben unsere Compliance-Systeme noch einmal nachgeschärft. Wir haben die Mitarbeiter seit 2017 massiv in Anti-Korruptions- und Compliance-Themen geschult.

Die Porr Goup

Gründung
Die börsennotierte Porr wurde 1869 gegründet und beschäftigt heute 19.033 Mitarbeiter

Kernaktionäre
53,7 Prozent der Aktien hält ein Syndikat aus der Strauss-Gruppe und der IGO Industries-Gruppe (Fam. Ortner), der Rest ist in Streubesitz

Sieben Heimmärkte
Der Konzern ist in den Kernmärkten in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Polen, Tschechien, in der Slowakei und in Rumänien tätig. In Norwegen, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten entwickelt man selektiv Projekte

Geschäftsjahr 2020
Im Vorjahr hat der Konzern rund 4,652 Milliarden Euro umgesetzt, die Produktionsleistung betrug 5,185 Milliarden Euro und das Ebitda 131 Millionen Euro

Geschäftsjahr 2021
Im ersten Quartal 2021 betrug der Auftragsbestand 7,92 Milliarden Euro und für das Gesamtjahr 2021 wird mit einer Produktionsleistung in Höhe von 5,3 bis 5,5 Milliarden Euro gerechnet

Strategie 2025
Ziel ist der Erhalt und der Ausbau der starken Marktposition in Europa. Die Eigenkapitalquote soll von 18 Prozent auf 20 bis 25 Prozent gesteigert werden.
Ab dem Jahr 2022 sollen in der Verwaltung 40 bis 50 Mio. Euro eingespart werden

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