Stepic: "Unsicherheit ist größte Bedrohung"

Herbert Stepic , Chef der Raiffeisen Bank International, würde eine allgemeine Finanztransaktionssteuer der jetzigen Bankensteuer vorziehen.
Foto: Franz Gruber

Der Anleihenaufkauf durch die EZB sei die zentrale Maßnahme zur Beruhigung der Finanzmärkte, sagt der Raiffeisen-Boss.

Top-Banker Herbert Stepic, Chef der börsenotierten Raiffeisen Bank International, bleibt trotz aller Hiobsbotschaften von den Börsen und der Schuldenproblematik grundsätzlich optimistisch gestimmt. Der Trend in den Hauptmärkten zeige nach oben. Eine flächendeckende Finanztransaktionssteuer wäre ihm lieber als die jetzige Banken-Sondersteuer.

KURIER: Im Jahr 2010 und bis ins erste Halbjahr 2011 hinein war allseits vom Aufschwung die Rede. Jetzt soll die Krise, eine zweite Rezession wiederkommen. Kann das so schnell drehen?
Herbert Stepic: Wir sind derzeit in einem Szenario, wo ich Ja sagen müsste, auf Ihre Frage. Aber der derzeit wirre Zustand auf den internationalen Finanzmärkten wurde auch sehr stark herbei geredet. Wir sind in einer wirklich negativen Spirale der Meinungsbildung. Jede auch nur so kleine Negativmeldung wird als Bestätigung der negativen Grundauffassung gewertet. So wie im Aufschwung jede Meldung als positiv und Positiv-Bestätigung gesehen wird. Nur ist der Abschwung-Trend viel gefährlicher, wie wir erst am Montag an den Börsen erlebt haben.

Das heißt, Sie bleiben grundsätzlich optimistisch?

Ich will die Märkte nicht schönreden, aber in einer versuchten Objektivierung lässt sich sagen: Wir haben sehr gute Ergebnisse im ersten Quartal gehabt, in Österreich wie auch in Zentral- und Osteuropa, wo wir 80, 90 Prozent unseres Geschäftes machen. Wir haben in unseren Hauptmärkten auch eine Situation, wo der Trend weiter nach oben zeigt: Steigendes Wirtschaftswachstum, steigender Bedarf von privaten Haushalten, weiterhin Interesse an Investitionen in den GUS-Staaten. Anlass zur Sorgen geben die Peripheriestaaten im Euro-Raum. Das hat eine enorme Beunruhigung in sich.

Ein Peripherie-Land nach dem anderen musste unter den Euro-Rettungsschirm. Jetzt reden wir von Italien, Spanien, vielleicht sogar Frankreich. Wo ist da ein Ende in Sicht? Muss eines Tages ganz Europa unter den Rettungsschirm?
Nach jeder Sturmperiode tritt auch wieder eine Beruhigung ein. In diesem Ruhepol besinnt man sich wieder auf die Kernfaktoren der Wirtschaft und der Hinterfragung der
Wahrscheinlichkeit, ob Märkte wie Italien in Konkurs gehen können. Was wir derzeit erleben, ist ein Ausdruck der Unsicherheit eines immer größeren Teils der Bevölkerung mit der Ohnmacht der Entscheidungsträger. Diese reagieren nur noch auf Situationen, auf die sie offensichtlich nicht wirklich vorbereitet sind. Das führt zu der enormen Unsicherheit auf den Märkten und den bisher hohen Zinsaufschlägen etwa für Italien.

Muss also auch Italien unter den Rettungsschirm?
Ich glaube ganz eindeutig, dass Italien "too big to fail" ist. Ich sehe keinen Grund dafür, warum Italien fallen soll. Das Land lebt schon seit 30, 40 Jahren mit einem Verschuldungsgrad, der bei 120, 125 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt. Wieso soll das jetzt nicht mehr gehen? Da fehlt mir die Logik dafür. Italien kann nicht pleitegehen und es gibt auch keine Notwendigkeit, dass das Land unter den Euro-Rettungsschirm muss. Entscheidend ist wieder eine positive Stimmung zu schaffen. Und das hat die EZB mit dem Aufkauf großer Volumina von Staatsanleihen Italiens geschafft. Das ist der wesentliche Punkt.

Der EZB-Schritt, italienische Staatsanleihen aufzukaufen, ist vor allem in Deutschland höchst umstritten. Das seien "Eurobonds durch die Hintertür", die verhasste "Transferunion"...
Wer hat denn überhaupt sonst die Kapazität solch eine Maßnahme zu setzen, in unlimitierter Form? Das kann nur die Zentralbank. Da muss die Dosis hoch genug sein, dass sie vom Markt geglaubt wird und offensichtlich klappt es, die Zinsaufschläge sind wieder gesunken.

Wie sehen Sie das Franken-Problem? Der Höhenflug der Schweizer Währung ist für viele Kreditnehmer zu einer großen Gefahr geworden, in Österreich wie auch in Osteuropa ...
Das Franken-Problem ist wie vieles am jetzigen Zustand ein Fristigkeitsproblem. De facto gibt es jetzt eine Null-Zinspolitik in der Schweiz. Je mehr Laufzeit ein Kreditnehmer also vor sich hat, desto eher kommt er in den Genuss dieses Zinsvorteils und kann damit den ungünstigen Wechselkurs wieder ausgleichen. Wenn die Fälligkeit jetzt zuschlägt, ist das natürlich schlecht. Daher laufen alle unsere Unterstützungsmaßnahmen auf Laufzeitverlängerungen hinaus.

Halten Sie in dem Gesamtkontext das "Triple A" Österreichs für in Stein gemeißelt?
Ich gehe mit ziemlicher Sicherheit davon aus, weil sich Österreich in der Krise hervorragend geschlagen hat. Wir haben nur ein Jahr negatives Wirtschaftswachstum gehabt. Von der Substanz her, waren wir überhaupt nie gefährdet. Positiv ist für die Exportwirtschaft unsere Verflechtung zu Deutschland, unsere starke mittelständische Wirtschaft und auch unser großes Engagement in Osteuropa, was uns wieder sehr früh in den Aufschwung gebracht hat.

Was ist für Sie und Ihre Bank eigentlich die momentan größte Bedrohung?
Die größte Bedrohung ist die Unsicherheit der Märkte. Mit einer lang andauernden Volatilität an den Märkten verdichtet sich die Rezessionsgefahr in den Köpfen der Marktteilnehmer. Und dann kommt die Rezession wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung. Das macht mir Sorgen.

Zur Lösung der größer werdenden EU-Finanzprobleme wird immer öfter eine Finanztransaktionssteuer gefordert, zum Beispiel von Bundeskanzler Werner Faymann. Dafür oder dagegen?
Ich leide sehr unter der Bankensteuer. Dies Sondersteuer trifft uns in Österreich mit 90 Millionen sehr hart. In Ungarn sind es heuer 42 Millionen Euro. Das ist einseitig und wettbewerbsverzerrend, viele andere Marktteilnehmer trifft das nicht. Daher wäre mir jede Finanztransaktionssteuer lieber, wenn sie wirklich flächendeckend für alle eingeführt wird. Und man sich darauf einigen kann, dass damit quasi die Banken rund um den Globus einen Teil einer zusätzlichen Wertschöpfung für den Steuerzahler übernehmen.

Was bedeutet die Herabstufung der USA? Ändert das etwas am Status der Supermacht, am Gefüge der Weltwirtschaft?
Nein, materiell bedeutet das sehr wenig. Der Dollar bleibt die Weltwährung Nummer 1. Sehr viele große Länder machen ihre überwiegende Veranlagung nach wie vor im Dollar, weil Öl auf Dollar-Basis fakturiert wird. Die seinerzeitige Herabstufung Japans hat auch nur eine marginale Verschlechterung der Renditen bewirkt. Dann war wieder business as usual.

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(kurier) Erstellt am
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