Zeitumstellung

Ab 2021 soll es nur noch Sommer- oder Normalzeit geben. Das große Tauziehen um die neue Standardzeit hat bereits begonnen.

© APA/ZB/Sebastian Kahnert / Sebastian Kahnert

Wirtschaft
03/26/2019

Sommer- oder Normalzeit? Österreich hat keinen Plan

Sozialpartner, NGOs und Experten sind sich bei der Frage nach der neuen Standardzeit uneins. Regierung tendiert zu Sommerzeit.

von Raffaela Lindorfer, Thomas Pressberger

Am Sonntag werden die Uhren wieder auf Sommerzeit gestellt. Es wird  – geht es nach dem EU-Parlament – eines der letzten Male sein.

Am Dienstag stimmte eine breite Mehrheit der Abgeordneten (410 pro, 192 contra) für ein Ende der Zeitumstellung ab 2021. Vorgeschlagen wurde ein Gremium zur Koordination, damit es nicht zu einem Zeit-Fleckerlteppich in der EU kommt. Die Mitgliedsstaaten können nämlich selbst entscheiden, ob sie eine dauerhafte Normalzeit (fälschlicherweise oft „Winterzeit“ genannt) oder Sommerzeit haben wollen.

Die österreichische Bundesregierung tendiert dem Vernehmen nach eher zur Sommerzeit, will darüber aber noch beraten. Bisher hat sich nur Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) dezidiert für eine Sommerzeit ausgesprochen. Vertreter der Wirtschaft sehen das anders, und auch Gesundheitsforscher plädieren eindeutig für die Normalzeit.

Gesundheit: "Lichtdusche" statt Sommernacht

Morgens früher hell, abends früher dunkel: aus Expertensicht wäre das ideal, sagt Chronobiologe Maximilian Moser. „Die Gesellschaft leidet unter chronischem Schlafmangel. Sommerabende, in denen es lange hell ist, nützen nur der Freizeitwirtschaft, bringen den Menschen aber von seiner Natur weg“, erklärt Moser, der an der Grazer MedUni die "innere Uhr" erforscht.

Er plädiert deshalb – wie die meisten Experten auf seinem Gebiet – für die so genannte Normalzeit, die noch bis zur Umstellung auf Sommerzeit am Sonntag gilt. Derzeit geht die Sonne in Österreich gegen 6 Uhr auf und gegen 19 Uhr unter.

Bei einer dauerhaften Sommerzeit würde sich der Tag nach hinten verschieben. Während Ältere, die tendenziell eher Morgenmenschen sind, laut dem Chronobiologen ganz gut ohne Sonne aus dem Bett kommen, wäre das für Kinder und Jugendliche „katastrophal“, sagt Moser. Nicht nur die Gesundheit, sondern auch Konzentration und Leistungsfähigkeit würden deutlich beeinträchtigt.

Ähnlich sieht es auch Schlafforscher Gerhard Klösch von der Uni Wien. Eine „Lichtdusche“ in der Früh hilft besonders den Jüngeren, um in die Gänge zu kommen“, sagt er.

Licht sei der beste Zeitgeber, es macht wach und reguliert das Gesamtbefinden. Der Schlafforscher rät, sich so oft wie möglich nach dem natürlichen Lichtrhythmus zu richten – also mit der Sonne aufzustehen und mit dem Mond  schlafenzugehen.

Es gilt: Je mehr Tageslicht, desto besser. Bei der Frage, ob Sommer- oder Winterzeit, sollten in den EU-Ländern deshalb geografische Faktoren berücksichtigt werden. Klösch ist da pragmatisch: Das eine wie das andere sei dann letztlich eine Frage der Gewöhnung. „Wir sehen bei der Zeitumstellung zwei Mal im Jahr, dass es zwar einige Tage dauert, aber der Organismus passt sich an. Wenn dieser Umstellungszwang nach der Abschaffung aufhört, und man sich dauerhaft auf ein Zeitmodell einstellen kann, ist es schon ein Erfolg.“

Wirtschaft: "Normalzeit ist ökonomischer"

Für die Wirtschaft ist der Fall klar: „Aus ökonomischer Sicht ist die Normalzeit zu präferieren“, sagt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV). In der Übergangszeit sei der Heizbedarf durch die Sommerzeit höher, weil die Leute früher aufstehen würden. Das werde durch die Lichtersparnis am Abend nicht wettgemacht.

Es sei immer schon fraglich gewesen, ob die Zeitumstellung tatsächlich den Einsparungseffekt bringe, den man sich erhofft habe. Spätestens seitdem sich LED-Lichter mehr und mehr durchgesetzt hätten, sei der Energiespareffekt immer geringer geworden.

Die Entscheidung, welche Standardzeit kommt, ist vor allem für die Bauwirtschaft von großer Bedeutung, meint Helmenstein. „Im Winter sind die Baustellen gut ausgeleuchtet, aber in der Übergangszeit, wenn um sechs Uhr begonnen wird, reichen die Lichtverhältnisse oft nicht aus.“ Das würde nicht nur die Effizienz senken, sondern auch die Zahl der Arbeitsunfälle steigern, so Helmenstein.

Unfälle seien übrigens auch ein Argument gegen die Zeitumstellung: „Dadurch entsteht ein Mini-Jetlag, der zu mehr Unfällen auf der Straße führt“, erklärt der Ökonom. Ein Ende der Zeitumstellung sei also auf jeden zu begrüßen.  „Wichtig ist, dass wir bei der neuen Standardzeit eine Synchronität im Binnenmarkt haben“, sagt Helmenstein. Wäre diese nicht gegeben, könne das zu großen Schäden führen.

Das würde in der Wirtschaft den Koordinationsaufwand erhöhen und damit zu einer größeren Fehleranfälligkeit  führen. Als Beispiel führt er die Nachtflugverbote auf vielen europäischen Flughäfen an: Durch das Landeverbot in der Nacht kann es passieren,  dass ein Flugzeug eine Stunde in der Luft kreisen  oder andere Flughäfen anfliegen muss. Helmenstein: „Ein Standardzeit-Fleckerlteppich muss vermieden werden. Österreich soll sich mit Deutschland, der Schweiz, Italien und Osteuropa für die gleiche Zeit entscheiden.“

Sozialpartner: "Man wird nie alle glücklich machen"

Ob Sommer- oder Normalzeit kommt, gehört laut Arbeiterkammer-Wien-Direktor Christoph Klein „jetzt sauber diskutiert. Es soll mit dem gesellschaftlichen Zeitrhythmus zusammenpassen.“ Komme dauerhaft die Normalzeit, würde die Sonne in Wien am 21. Juni um 3:54 Uhr aufgehen. Komme dauerhaft die Sommerzeit, würde die Sonne in Wien am 21. Dezember um 8:43 Uhr aufgehen. Im ersten Fall wären jene, die später aufstehen benachteiligt, im zweiten Fall jene die früher aufstehen. „Man wird nie alle glücklich machen“, sagt Klein.

Man müsse nun schauen, ob die Gesellschaft eher Richtung früher oder später aufstehen tendiere und sich danach orientieren, und im Falle über Maßnahmen, wie einen späteren Schulbeginn, nachdenken. Auf jeden Fall müssten auch schlafmedizinische und klimawirksame Aspekte berücksichtigt werden. Klar sei, dass die Situation ohne Zeitumstellung eine andere sei. „Früher waren die Lasten mehr verteilt, dafür gab es das Jetlag-Phänomen“, sagt Klein. Künftig werde dauerhaft eine der beiden Gruppen – Früh- oder Spätaufsteher – stärker belastet.

Chancen für Tourismus

Die Wirtschaftskammer Wien nimmt das Aus für die Zeitumstellung gelassen hin. Man nehme die Abstimmung zur Kenntnis, heißt es aus der Kammer. Für den Tourismus könnten eine dauerhafte Sommerzeit positive Auswirkungen haben, da die Leute am Abend mehr Licht hätten und dadurch mehr ausgehen beziehungsweise Geld für Unterhaltung ausgeben würden.

„Aus Sicht der Wirtschaft liegt nun ein Abstimmungsergebnis des EU-Parlaments vor, das im Sinn des gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraumes koordiniert werden muss“, sagt Ulrike Sangeorzan-Sporer, Sprecherin der stellvertretenden Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich, Mariana Kühnel.

Wichtig für die Umwelt

Für Greenpeace ist es nicht das wichtigste Thema der Welt, dennoch wäre die Umweltschutzorganisation für die Beibehaltung der Umstellung gewesen. „Die Sommerzeit wurde als Reaktion auf die Ölkrise in den 70er-Jahren eingeführt, um Energie zu sparen“, sagt Adam Pawloff, Klimaexperte von Greenpeace. Die kulminierte Wirkung von Millionen von Haushalten, die später das Licht einschalten, habe sich positiv ausgewirkt.

„Für den Energieverbrauch hat es eine positive Wirkung, weil es im Sommer und morgens und abends lange genug hell ist“, sagt Pawloff. Nur in der Übergangszeit, im März und Oktober, würde man in der Früh die Dunkelheit merken, doch falle das nicht sehr stark ins Gewicht. Im Großen und Ganzen sei die Sommerzeit also ein positiver Beitrag für den Umweltschutz.

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