Thato Kgatlhanye und Rea Ngwane entwickelten eine Tasche mit Solarpanel für Schulkinder.

© /Rethaka

Grüne Idee
02/08/2015

Wirtschaft mit sozialem Mehrwert

Social Entrepreneurs lösen echte Probleme – Konzerne helfen zunehmend dabei.

von Andrea Hlinka

Thato Kgatlhanye und Rea Ngwane arbeiten mit altem Plastik. Sie sammeln es auf, waschen es rein, schneiden es zurecht und vernähen es zu einer Schultasche. Auf deren Oberseite steckt eine runde Verschlusskappe mit einem Solarpanel. Die Sonne wird es aufladen, wenn die Schulkinder morgens zum Unterricht laufen. Abends am Heimweg sind die Kleinen durch das Licht auf der Tasche sichtbar. Zu Hause angekommen, schrauben sie den Verschluss auf ein Glas und haben eine Lampe, um zu lernen. Ein geniales Produkt, entwickelt von zwei jungen Frauen Anfang Zwanzig in Rustenburg, Südafrika.

Thato Kgatlhanye und Rea Ngwane haben ein Problem in ihrer Gemeinde erkannt und es ebenso simpel wie brillant unter Einsatz unternehmerischen Denkens kostendiszipliniert gelöst. Social Entrepreneurs werden solche Unternehmer genannt – kein neues Phänomen, aber noch nie so sichtbar wie heute.

Konzerne lernen

Derzeit ist Rethaka ein Acht-Frauen-Betrieb, 2015 wollen sie auf 20 anwachsen. 10.000 Schultaschen wurden mittlerweile kostenfrei an Kinder gespendet – mit Unterstützung von privaten und öffentlichen Geldern. Sogar Bill Gates, der reichste Mann der Welt, hat im November über die Repurpose Schoolbags von Rethaka getwittert. Das hilft. Nicht nur Aufmerksamkeit brauchen diese Jungunternehmer, sondern auch bessere Rahmenbedingungen, Professionalisierung und finanzielle Mittel. Risikokapital ist schon für kommerzielle Start-ups schwierig zu bekommen, für Social Entrepreneurs, die oft kein angreifbares Produkt verkaufen, so gut wie unmöglich. Und das, obwohl sie oft Probleme lösen und dort einspringen, wo Regierungen versagen oder wo für etablierte Unternehmen zu wenig Geld zu holen ist.

Positiv ist aber, dass Konzerne immer öfter ihre Verantwortung entdecken – nicht zuletzt gut fürs Image.

Johanna Mair von der Hertie School of Governance und Lektorin an der Stanford University unterscheidet drei Formen der Unterstützung für Social Entrepreneurs. Erstens unterstützen Konzerne sie mit Mitteln, spenden Rahmenbedingungen und Know-how – rein philanthropisch. "Das machen oft Unternehmen, die selber einen starken unternehmerischen Background haben", sagt Mair. Zweitens engagieren sich Unternehmen aus der Motivation heraus, von den sozialen Unternehmern zu lernen und neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen, die für sie bisher unzugänglich waren. Drittens fördern sie soziale Innovation intern, aus einem Selbstverständnis heraus, um nachhaltige Geschäftsideen zu verwirklichen und gesellschaftliche Herausforderungen anzunehmen – wissend, dass sinnbringende Arbeit die besten Köpfe anlockt und hält.

Bill Drayton, der Gründer von Ashoka, der größten globalen Organisation zur Unterstützung von Social Entrepreneurship, geht davon aus, dass Unternehmen zunehmend ein Ort für Changemaker sein wollen und müssen (siehe Interview re.).

Mit Rückenwind

Unternehmen wie Philips, General Electric, Unilever, Dyson, Ben & Jerry’s, Accenture – um nur einige zu nennen – haben bereits Wettbewerbe und Gründerprogramme ins Leben gerufen oder entsenden Mitarbeiter in soziale Unternehmen. Red Bull etwa organisierte im April 2014 im Rahmen des neuen Projekts Amaphiko seine erste Social Entrepreneurship Academy. Der Konzern gestaltete in Kooperation mit lokalen Künstlern ein Community Center in Soweto, Südafrika, zu einem inspirierenden Nährboden für Social Entrepreneurs um. Red Bull schaffte schnellste Technik heran und holte vom erfolgreichen Gründer bis hin zum Web-Designer alle denkbaren Mentoren, die den Social Entrepreneurs Flügel verleihen sollten. Klar, dass bei Red Bull auch Tempo eine Rolle spielt: die Academy dauert zehn Tage, 18 Unternehmer nahmen daran teil. Darunter auch die Schultaschenerfinderinnen von Rethaka.

Bill Drayton: "Jeder wird in dieser Welt zum Akteur"

Mit 50.000 US-Dollar startete der ehemalige McKinsey-Consultant Bill Drayton im Jahr 1980 die gemeinnützige Organisation Ashoka. 3000 Social Entrepreneurs hat Ashoka in den vergangenen 35 Jahren weltweit identifiziert und unterstützt. Seit der Gründung hat sich nicht nur die Zahl der Sozialunternehmer vervielfacht, sondern auch das Budget der Organisation: auf 50 Millionen US-Dollar vergangenes Jahr.

KURIER: Sind Sie mit der Entwicklung von Social Entrepreneurship zufrieden?

Bill Drayton: Unser erstes Ziel war es, Social Entrepreneurship in der Alltagssprache zu verankern. Damit die Menschen sehen, dass sie etwas gegen ein Problem, das sie beobachten, unternehmen können, dass sie aktiv werden können. Die Welt ist heute ständig im Wandel und wenn sich die Rahmenbedingungen laufend ändern, muss sich auch die Art der Organisation ändern und neue Fähigkeiten sind gefordert.

Wie werden Organisationen künftig gestaltet sein?

Jeder wird zum Akteur, zum Changemaker. Es werden offene und sich ständig verändernde Teams aus Teams sein, nur so kann man den Anforderungen gerecht werden. Die wichtigste Fähigkeit hierfür ist kognitive Empathie. Kinder und Jugendliche, die das nicht lernen, werden künftig marginalisiert werden.

Welche Folgen hat die sich ständig wandelnde Gesellschaft für die Geschäftswelt?

Unternehmen, die prämodern organisiert sind, also sehr hierarchisch, top-down, kontrollorientiert, sind ein Auslaufmodell. Sie werden sonst nicht bestehen. Daher versuchen auch Unternehmen zunehmend ein Ort für Changemaker zu sein. Ein wirkliches Problem ist, dass der öffentliche Sektor noch prämodern organisiert ist. Dabei müssten Regierungen in einer sich rasch verändernden Welt die Rahmenbedingungen schaffen.

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