Die rund 1900 Mitarbeiter des Anlagenbauers VAI in Linz stehen kopf. Etliche von ihnen gingen am Donnerstag gegen den befürchteten Personalabbau auf die Straße.

© APA/RUBRA

Mitsubishi übernimmt Mehrheit
05/08/2014

Siemens VAI - Aufstand der Anlagenbauer

Die Linzer VAI-Belegschaft macht gegen die Zweckehe mit Mitsubishi mobil.

von Daniel Scheiblberger, Franz Jandrasits

Der neuerliche rigorose Umbau des Siemens-Konzerns hinterlässt in Österreich, wo gut 12.000 Mitarbeiter für den deutschen Elektrokonzern arbeiten, tiefe Spuren: Der Anlagenbauer VAI mit 1900 Mitarbeitern in Linz wird in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Mitsubishi Heavy Industries eingebracht. Die Japaner halten künftig mit 51 Prozent die Mehrheit, das Headquarter des auf die Stahlindustrie konzentrierten Anlagenbauers wird von Linz nach London verlegt.

Die Auswirkungen sind offen. Trotz Zusagen, dass Linz ein "wesentlicher Standort" bleiben soll, sind Belegschaft und Landespolitiker skeptisch. Denn wie viele Mitarbeiter in Linz bleiben, ist derzeit völlig unklar. Klar sein dürfte dagegen, dass es im bisherigen Headquarter einen Personalabbau geben wird. VAI-Geschäftsführer Albrecht Neumann: "Das kann ich nicht ausschließen."

Aufträge fehlen

Die Belegschaft – 1600 Stamm-Mitarbeiter und rund 300 Leiharbeiter, insgesamt beschäftigt die Sparte knapp 9000 Mitarbeiter – wäre in den nächsten Wochen freilich auch ohne Eigentümerwechsel reduziert worden. Schuld daran ist die flaue Auftragslage. Wegen der gerade erst überstandenen Krise hält sich die Nachfrage nach Stahl – und damit nach neuen Produktions- und Verarbeitungsanlagen – weltweit in Grenzen. Dazu kommen massive Überkapazitäten und hohe Energiepreise in Europa, die Investitionen in die Erneuerung von Anlagen praktisch zum Erliegen brachten. In den USA ist die Auftragslage ebenfalls flau, auch wenn der frühere VAI-Eigentümer und -Großkunde voestalpine wegen der niedrigen Gaspreise dort massiv investiert. Das eher spärliche Geschäft wird in Asien und dort vor allem in China gemacht.

Für die VAI ist das Joint-Venture mit den Japanern der zweite Eigentümerwechsel in zehn Jahren. 2004 startete Siemens die Übernahme der Konzernmutter VA-Tech, 2005 übernahm Siemens Österreich für die Münchner Konzernzentrale den Maschinenbau- und Energiekonzern. Der Anlagenbau wurde in den Konzern integriert, die VA-Tech-Sparte Wasserkraft musste aus kartellrechtlichen Gründen an den Konkurrenten Andritz verkauft werden. Die anderen VA-Tech-Bereiche wurden, wie die Elektro- und Transformatorentochter Elin, in den Konzern integriert.

Alstom

Integrieren möchte Siemens-ChefJoe Kaeserkünftig auch den französischen Konkurrenten im Energiebereich, Alstom. DieÜbernahme stand zwar nicht wirklich auf dem Menüplan des neuen Konzernchefs Joe Kaeser, ein Angebot des schärfsten Rivalen, des US-Riesen General Electric, zwang Siemens praktisch zum Handeln.

Außerdem will die französische Regierung – entgegen den Wünschen des größten Alstom-Aktionärs, des Bauriesen Bouygues – die Übernahme durch GE über einen Deal mit Siemens abwehren. Im Gegenzug würde Alstom – Hersteller des Hochgeschwindigkeitszuges TGV – Teile der auch in Österreich starken Siemens-Bahnsparte übernehmen. Das wiederum stößt beim Betriebsrat, der einen massiven Personalabbau fürchtet, auf Widerstand.

Hoffentlich werden wir nicht angelogen

Bereits um halb neun in der Früh zogen am Donnerstag rund 200 VAI-Mitarbeiter durch Linz, um ihrem Ärger Luft zu machen. Ziel des Protestmarsches war das Design Center, wo die Belegschaft nach langer Zitterpartie über den Deal mit Mitsubishi aufgeklärt werden sollte. "Ich hoffe, wir werden nicht angelogen", sagt ein Mitarbeiter vor dem Aufeinandertreffen mit der Unternehmensspitze.

Nach der Belehrung durch VAI-Chef Albert Neumann und Siemens-Österreich-Boss Wolfgang Hesoun bleibt die Stimmung der VAI-Mitarbeiter aber getrübt. "Natürlich sind wir noch unsicher und haben Angst. Von Erleichterung kann keine Rede sein, da über den Personalabbau in Linz nichts Genaues zu hören war“, meint eine Arbeiterin. "Zumindest hat sich die Firmenführung zu Wort gemeldet. Das hat die Sachlage etwas entspannt", fügt ihr Kamerad hinzu.

Auf die Finger schauen

Für Betriebsrat Gerhard Bayer steht fest: "Wir werden den Herrschaften genau auf die Finger schauen und versuchen, die neue Firma auch mitzugestalten." Es sei aber ärgerlich, dass man so lange im Dunkeln gelassen wurde. AK-Präsident Johann Kalliauer kritisiert: "Es gibt eine Rechtsordnung, wonach die Belegschaft bereits in der Planungsphase zu informieren ist. Das gilt offensichtlich nicht für Siemens. Außerdem zeigt sich, dass alle Versprechungen der Industriebosse zur Standortsicherung nichts wert sind." Hesoun versteht den Missmut zum Teil. "Natürlich ist es unangenehm, wenn dem Betriebsrat 14 Tage lang Fragen gestellt werden, die er nicht beantworten kann und wir nicht beantworten dürfen." Man hätte mit den Belegschaftsvertretern aber immer ein gutes Einvernehmen gehabt.

Bereits vor dem Gespräch mit den Mitarbeitern informierten Hesoun und Neumann die Landesregierung. Landeshauptmann Josef Pühringer sagte im Anschluss, die Firmenvertreter hätten davon gesprochen, dass es weltweit zehn bis zwölf Kompetenzcenter geben werde, vier bis fünf davon in Linz. Man stehe hinter der Belegschaft. Allerdings wäre es auch ohne Joint Venture zu Personalabbau gekommen. Jetzt werde rasch der Kontakt zum Mehrheitseigentümer Mitsubishi gesucht.

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