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Wirtschaft
05/09/2020

Sieger und Verlierer: Wer aus der Krise gestärkt hervorgehen wird

Das Virus bedroht alle Kontinente. Welche Wirtschaftsmacht kann langfristig profitieren? Ein Ausblick anhand von acht Indikatoren.

von Thomas Pressberger, Hermann Sileitsch-Parzer

Wer gedacht hatte, die Finanzkrise nach 2008 sei die heftigste Erschütterung unserer Generation gewesen, wurde leider rasch eines Schlechteren belehrt. In Windeseile erfasste das Coronavirus alle Wirtschaftsräume. China, Europa oder USA: Wer bewältigt diese Krise am besten? Der KURIER hat dazu Experten befragt - und ist auf acht Indikatoren gestoßen.

1. Ein globaler Schock

„Es wird nur Verlierer geben, das ist eine globale Rezession, in die alle Kontinente hineingezogen werden“, sagt Josef Baumgartner vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo).

Sein Befund: Es sei für die Wachstumsprognosen fast unerheblich, wie auf die Corona-Krise reagiert wurde und welche Unterstützungsmaßnahmen getroffen wurden. Letztere hätten zwar Auswirkungen auf die Individuen, nicht aber auf die gesamtwirtschaftliche Lage.

Beispiel Schweden: Das Land wählte einen weniger restriktiven Weg als Österreich, setzte mehr auf Eigenverantwortung als Verbote. Dennoch sei die Prognose mit sechs Prozent Minus schlechter als in Österreich (-5,2 Prozent laut Wifo).

In allen Ländern gehe die Wirtschaftsleistung um ungefähr sieben Prozentpunkte zurück: So sinke China nach 6 Prozent Plus im Vorjahr in die Stagnation, die USA fielen von +2,3 auf -5,2 Prozent zurück.

2. Flexibilität

Wenn einzelne Staaten besser abschneiden, dann jene, die flexibler und innovativer reagieren, sagt Martin Kocher, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS). Traditionell eine amerikanische Stärke: Die USA seien deshalb aus der Finanzkrise rascher herausgekommen. Wie sich die Länder tatsächlich erholen, könne man aber erst in zwei bis drei Jahren beurteilen.

Sicher gefragt ist jetzt Innovationskraft: sei es in der Erforschung von Medikamenten und Impfstoffen oder wenn Anlagen rasch auf die Produktion von Schutzmasken und Beatmungsgeräten umgebaut werden sollen.

3. Sozialer Friede

Technologie ist aber nicht alles; selbst im 21. Jahrhundert kann der Mensch damit nicht alle Gefahren beherrschen. Wenn der Kuchen schrumpft und es weniger zu verteilen gibt, stellt das den Zusammenhalt auf eine Zerreißprobe.

Die Frage fairer Entlohnung stellt sich nicht zuletzt, weil jetzt jene zu Heldinnen und Helden wurden, die vormals eher wenig geschätzte Arbeiten ausüben: Zusteller, Kassiererinnen, Pflegekräfte. Weniger Ungleichheit, höheres Vertrauen in die Institutionen und ein soziales Netz und Gesundheitssystem, das für alle da ist: Da hat Europa seine Stärken.

Durch Corona haben 33 Millionen US-Bürger den Job verloren. Das „Hire and fire“-Denken ermögliche rasches Handeln, kurzfristig sei der Schaden aber größer, sagt US-Ökonom Barry Eichengreen. „Ich übertreibe nicht: Viele arbeitslose Amerikaner verlieren mit ihrem Job den Zugang zum Gesundheitssystem. Sie ernähren sich schlechter und werden künftig weniger produktiv sein.“ In Europa könnten Unternehmen rascher durchstarten, weil dank Kurzarbeit weniger Know-how verloren geht.

4. Lokal statt global?

Die Pandemie hat etwa bei Medikamenten die Abhängigkeit von Indien und China schmerzhaft vor Augen geführt. Der Versuch der Abschottung und das Jeder-gegen-Jeden-Denken von US-Präsident Trump findet Nachahmer.

Der Anfang vom Ende der Globalisierung? Dem widerspricht Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, vehement. Die Abhängigkeit in den Lieferketten sei ein Fehler – des Risikomanagements. Da gelte es, breiter aufgestellt zu sein. Die Globalisierung verändere somit nur ihr Gesicht: Transportdistanzen mögen sinken, dafür nehmen ausländische Investitionen in Produktionsstätten vor Ort zu.

In einem Punkt sind die Ökonomen einig: Ein „Wir zuerst“-Denken könnten sich allenfalls große Staaten leisten. Sie seien durch eine starke Inlandsnachfrage nicht so exportabhängig, sagt Kocher. In der EU gebe es jedoch viele Kleine und (inklusive Polen) nur fünf Große, gibt Helmenstein zu bedenken: „Für die kleineren Länder ist es illusorisch, auch nur halbwegs einen vernünftigen Selbstversorgungsgrad zu erreichen.“

5. Total digital

Von der Überwachungs-App über Videokonferenzen bis zum Online-Versender – das Distanz-Halten beschleunigt den digitalen Wandel. Wem spielt das in die Hände? Die USA sehen sich mit „Big-Tech“, mit Google, Facebook und Apple, als Vorreiter.

Allerdings war die Sperre über Wuhan noch nicht aufgehoben, da brach schon der Kampf um die Deutungshoheit los. Dank Totalüberwachung und Ein-Parteien-Regime habe China die Krise effizient bewältigt, lautete Pekings Lesart.

Aber ist das wirklich so? China lasse sich schwer einschätzen, sagt Kocher. Nach Jahren starken Wachstums könnte die Stagnation zu gesellschaftlichen Konflikten führen. Und Helmenstein sieht in der Digitalökonomie die Wettbewerbsvorteile dort, wo Daten, Urheber- und Patentrechte sowie die Privatsphäre geschützt sind. Das ist sicher nicht China, aber die große Chance Europas.

6. Neue Weltordnung

Corona hin oder her: Die globale Ordnung wird sich langfristig so oder so ändern. China hat den USA kaufkraftbereinigt den Rang als absolut größte Wirtschaftsmacht schon abgelaufen. Indien, aber auch Indonesien, die bisher kaum jemand auf dem Radar hat, machen der Alten Welt den Rang streitig, legen (noch vor Corona) erstellte Prognosen der OECD (Grafik) nahe.

7. Fix ist gar nix

Selten war die Unsicherheit größer. Niemand weiß, wann das Virus besiegt sein wird. Die US-Präsidentenwahl im November könnte die globale Spielordnung verändern. IHS-Chef Kocher sieht drei Risiken: eine neue Finanzkrise, eine lange Phase der Stagnation und die Möglichkeit, das gewisse Länder ihre Staatsschulden nicht mehr bedienen können.

Auch die Zukunft der EU ist ungewiss. Drei von vier Freiheiten des Binnenmarktes (Personen, Waren, Dienstleistungen) wurden in der Corona-Krise schon ausgehebelt, nur Kapitalströme fließen unbehindert. Ein Rückfall in die Kleinstaaterei ließe Europa von der Weltkarte verschwinden.

8. Reich und risikoavers

„Ich würde Europa nicht abschreiben“, sagt hingegen Helmenstein. Die große Chance sieht er in „Souveränität“ – etwa der Gabe, Konflikte gewaltfrei auszuräumen. Oder einen Ausgleich zwischen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft zu finden.

Zu diesen Pfeilern der ökosozialen Marktwirtschaft würde er den Schutz von Daten, das „Gold des 21. Jahrhunderts“, zählen. Europa werde kaum innovativer als die USA oder günstiger als China sein. Aber: Je wohlhabender Gesellschaften werden, umso wichtiger sei es, Risiken zu minimieren. Eine Chance für das europäische Vorsorgeprinzip.