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Wirtschaft
09/28/2012

Sevelda: "Sehe Gefahr einer Kreditklemme"

Der Gesetzgeber bedroht mit den vielen Regeln für Banken deren zentrale Funktion: Die Kreditvergabe für die Wirtschaft.

von Irmgard Kischko

Die Finanzwirtschaft gilt als mitschuldig an der Krise. Mit neuen, strengeren Vorschriften für die Banken versuchen die Aufseher daher, eine Wiederholung so einer Krise zu vermeiden. Über die gefährlichen Auswirkungen dieser Vorgaben, die Fehler der Banken und den neuerlichen Boom der Asset Backed Securities (Wertpapiere, in denen Banken Kredite verpacken) sprach Karl Sevelda mit dem KURIER.

KURIER: Herr Sevelda, wie stehen Sie als Banker zur öffentlichen Meinung, wonach die Banken die Krise herbeigeführt haben?
Karl Sevelda: Ich denke, dass gewisse Bestimmungen wie zum Beispiel die Eigenkapitalvorschriften bisher ein bisschen zu „großzügig“ für die Banken gefasst waren. Eine Verschärfung dieser Regeln ist daher sinnvoll. Das geht allerdings nicht von heute auf morgen. Man muss den Banken dafür genügend Zeit einräumen.

Was spricht gegen die rasche Eigenkapitalstärkung?
Die Banken bekommen am Kapitalmarkt derzeit kaum Eigenkapital, daher bleibt ihnen als Alternative häufig nur die Reduktion der Geschäfte. Wenn sie weniger Kredite vergeben, brauchen sie auch weniger Eigenkapital. Das aber kann doch nicht der Wille der Politik sein.

Befürchten Sie, dass es zu einem Engpass bei der Kreditvergabe kommt?
Ich sehe die akute Gefahr einer Kreditklemme. Derzeit spüren wir das noch nicht, weil einige Branchen wie die Bauwirtschaft oder die Autozulieferer unter schwacher Nachfrage leiden und weniger Kredite brauchen. Wenn aber die Nachfrage wieder anzieht, wird es mit den Krediten knapp. Das ist aber nicht das einzige Problem, das wir haben.

Was drückt die Banken noch?
Wir sind Freiwild der Politiker geworden. Sie glauben, dass sie mit dem Hinhauen auf die Banken Stimmen gewinnen können. Man kann doch nicht eine ganze Branche und deren Mitarbeiter in Misskredit bringen, weil es einige schwarze Schafe gegeben hat. Außerdem sind die Belastungen für die Banken explodiert, Stichwort Bankenabgabe.

Spüren Sie negative Auswirkungen auf das Geschäft?
Eigentlich sollten wir uns um die Kunden kümmern. Wegen der Vielzahl der neuen Regeln müssen wir aber Hundertschaften von Mitarbeitern beschäftigen, um diese Vorschriften umzusetzen. Das wird zwar nicht den gewünschten Effekt bringen, hält uns aber von unserer eigentlichen Aufgabe ab. Früher haben Banken Kundenberater angestellt, heute suchen sie Mathematiker und Statistiker, damit sie die komplizierten Kapitalregeln berechnen können. Wenn man aber glaubt, alles mathematisch erfassen zu können, ist man am Holzweg – das verleiht bloß eine trügerische Sicherheit.

Was könnte die Aufsicht stattdessen tun?
Augenmaß walten lassen. Viele der neuen Regeln machen durchaus Sinn. Die Banken brauchen zur Einführung allerdings längere Übergangsfristen. In Österreich müsste die spezifische Klein- und Mittelbetriebsstruktur mehr berücksichtigt werden. Die Banken haben hier relativ geringe Kreditausfälle. Das sollte berücksichtigt werden. Und die Regeln könnten einfacher gestaltet werden.

Befürchten Sie, dass die sogenannten Schattenbanken wie etwa Hedge Fonds zunehmend Bankgeschäfte übernehmen?
Die Geschäftsmodelle der Banken werden sich verändern. Sie werden zwar weiterhin Kredite vergeben, diese aber vermehrt weiterverkaufen – an Versicherungen oder auch an Hedge Fonds. Kredite bis zu deren Ablauf in der Bilanz behalten, wird nicht mehr die Regel sein.

Der Verkauf von Kreditbündeln erinnert an den Auslöser der Finanzkrise: In den USA haben Banken massenhaft schlecht einbringliche Hauskredite gebündelt weiterverkauft ...
Es war aber nicht automatisch schlecht, was da passiert ist. Man hat nur übersehen, dass sich eine Immobilienblase gebildet hatte. Da wurden zum Beispiel Kredite im Volumen von 400.000 Dollar auf Häuser vergeben, die nur 300.000 Dollar wert waren. Die Hoffnung war, dass die Häuserpreise steigen. Sie sind aber leider gefallen. Aber jede Krise hat auch etwas Gutes: Die Banken sind jetzt generell viel vorsichtiger. Sie belehnen die Immobilien höchstens mit 70 bis 80 Prozent ihres Wertes.

Sehen Sie Anzeichen, dass sich die Krise in Europa zu lösen beginnt?
Ich sehe jedenfalls das politische Bekenntnis, dass die Eurozone aufrechterhalten bleibt. Die Beschlüsse, dass die Europäische Zentralbank Anleihen kaufen darf, bringt Erleichterung.

Zur Person: Raffeisen-Bank-International-Vize Sevelda

Karriere Karl Sevelda (62) begann 1977 nach dem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften in Wien in der damaligen Creditanstalt (CA) als Referent für Kommerzkredite zu arbeiten. Nach zwei Jahren als wirtschaftspolitischer Berater von Handelsminister Norbert Steger und anschließenden Bankaufenthalten in den USA und Großbritannien wechselte Sevelda 1998 in die Raiffeisen Zentralbank. Seit 2010 ist er Vize-Chef der Raiffeisen Bank International.

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