Semperit-CEO Martin Füllenbach

© Kurier/Gerhard Deutsch

09/17/2020

Semperit-Chef: "Das ist ein großartiges Jahr für uns"

Corona-Pandemie brachte Rekordabsatz bei Schutzhandschuhen. Warum sich CEO Martin Füllenbach trotzdem von der Sparte trennen will.

von Anita Staudacher

Während andere ATX-Konzerne unter der Corona-Krise darben, beschert sie dem heimischen Gummi- und Kautschukkonzern Semperit eine Auftragsflut wie nie. Das zum Verkauf stehende Geschäft mit Schutzhandschuhen soll trotzdem verkauft werden. Aber nicht vor Mitte 2021, verrät Vorstandschef Martin Füllenbach im KURIER-Interview.

KURIER: Semperit schraubte zuletzt die Gewinnprognose für 2020 nach oben. Wie ist die aktuelle Auftragslage?

Martin Füllenbach: In Summe ist das ein großartiges Jahr für uns und ich bin auch zuversichtlich, dass die Entwicklung anhalten wird. Natürlich ist das Ergebnis stark getrieben von der Sonderkonjunktur im Medizinsektor, also der erhöhten Nachfrage nach Operations- und Untersuchungshandschuhen.

Können Sie die hohe Nachfrage nach Schutzhandschuhen überhaupt decken?

Wir waren zum Glück vorbereitet, haben schon vor Corona die Hausaufgaben gemacht und Fertigungsprozesse optimiert, so dass wir den Mehrbedarf jetzt stemmen können. Alle Fertigungslinien in unserer Fabrik in Malaysia (ca. 3.000 Mitarbeiter, Anm.) sind voll ausgelastet. Dort produzieren wir 26 Millionen Untersuchungshandschuhe täglich. Im Werk in Wimpassing sind es rund eine halbe Million OP-Handschuhe. Wir sind aber auch von der zeitgerechten Lieferung der Rohstoffe abhängig und Nitril für Untersuchungshandschuhe ist ein knappes Gut geworden...

Der coronabedingte Nachfrageboom wird aber nicht ewig anhalten...

Das sehe ich genauso. Bei jeder Pandemie kommt es zuerst zu Mehrbedarf und Preisanstieg, der danach abrupt wieder absinkt. Wir gehen davon aus, dass nach Corona wieder eine merkliche Abkühlung kommen wird. Der Medizinprodukte-Markt ist derzeit völlig überhitzt.

Die kriselnde Medizinsparte ist jetzt die Cashcow von Semperit. Alle fragen sich: Warum will man sich davon trennen?

Das Handschuh-Geschäft läuft über das Volumen und wir haben Mitbewerber aus Malaysia und Thailand, die signifikant größer sind als wir. (Anm.: Der Weltmarkt ist 250 Milliarden U-Handschuhe schwer, Semperit ist mit 7 Mrd. Stück der neuntgrößte Anbieter)  Die verdienen jetzt ebenfalls Geld, das sie investieren werden. Auch China investiert massiv in den Aufbau einer eigenen Schutzhandschuh-Produktion. Da werden bald Milliarden Stückzahlen kommen und den Preiskampf anheizen. Da können wir nicht mithalten.

Corona hat den Verkaufsprozess nach hinten verschoben. Wie sieht der Zeitplan aus?

In der aktuellen Phase ist es schwierig, das Geschäft zu verkaufen. Kein Käufer weiß, wie lange die Pandemie dauert und der Sondereffekt anhält. Wir werden das Medizingeschäft daher voraussichtlich mindestens für die nächsten neun Monate, bis Sommer 2021, weiterführen und erfreuen uns an dem signifikanten Ergebnisbeitrag, den die Sparte liefert. In Zukunft legen wir den Fokus aber voll auf das Industriegummi-Geschäft.

Der Verkauf betrifft auch den Standort Wimpassing, die einzige OP-Handschuh-Produktion in Europa. Wie geht es hier weiter?

Ja. Die Trennung würde auch Wimpassing betreffen, wo weniger als 100 der 800 Mitarbeiter in der Medizinsparte beschäftigt sind. Wir stellen hier OP-Handschuhe für den Weltmarkt her und sind bis weit ins nächste Jahr ausgebucht. Wimpassing ist das Herz und die Seele unserer Firma. Selbst nach einer Trennung vom Medizingeschäft ist der Standort für die nächsten Jahre unverrückbar.

Wirtschaftsministerin Schramböck will über das Investitionskontroll-Gesetz die OP-Handschuh-Fertigung im Inland sichern und einen Verkauf an ein Nicht-EU-Land verhindern. Inwieweit ist die Politik in den Verkaufsprozess involviert?

Das möchte ich nicht weiter kommentieren. Nur so viel: Ich verstehe die berechtigten Interessen der Politik für eine Versorgungssicherheit in Österreich, aber ich trete als Unternehmer in erster Linie für die berechtigten Interessen des Unternehmens und seiner Stakeholder ein. Die Frage nach dem Aufbau einer nationalen Fertigung beurteile ich in erster Linie ökonomisch. Und neben einer Fertigung gebe es auch noch die Möglichkeit, ein größeres Pandemie-Lager anzulegen.

Sind Schutzhandschuhe versorgungskritisch?

Kontrollgesetze haben ihre Berechtigung, wenn es um kritische Infrastruktur geht. Bestimmte Dinge müssen in Staatshand bleiben oder wieder zurückkommen. Ob da ein Handschuh dazugehört, mögen andere beurteilen. . .

Wie stark ist das Industriegummi-Geschäft von der Corona-Krise beeinträchtigt?

Der Auftragseingang lag im Halbjahr 20 Prozent unter dem Vorjahr. Das wird sich dann im nächsten Jahr auswirken. Die Auswirkungen sind aber geringer als bei den Mitbewerbern, die stark im Automobil-Bereich engagiert sind. Unter Druck ist vor allem das Förderband-Geschäft mit Minen (Sempertrans).

Sempertrans ist vom europäischen Kohleabbau abhängig. Wie sehr treffen Sie die Kohle-Ausstiegspläne?

Noch nicht. Aber die strategische Neupositionierung der Sempertrans wird eine der Herausforderung der nächsten Jahre. Wir wollen mehr in andere Rohstoff-Märkte und Regionen hinein, etwa Australien, Nordafrika und Südamerika. Der Bergbau-Markt bietet auch jenseits der Braunkohle viele Absatzmöglichkeiten, die wir erschließen müssen.

Der Werkstoff Gummi hat durch die Nachhaltigkeits-Debatten  ein schlechtes Image. Ist für Sie ein  gänzlicher Verzicht  auf Gummi vorstellbar?

Nein, wir werden kein zweites Nokia werden. An Gummi geht kein Weg vorbei, der Werkstoff wird immer gebraucht werden. Es ist unsere DNA. Aber wir stellen uns schon die Frage: Was passt noch zum Gummi dazu? Durch   Werkstoff-Kombinationen lassen sich neue Märkte erschließen. 

 

Die Semperit-Gruppe

Der Kautschuk- und Gummikonzern produziert an 14 globalen Standorten v. a. Untersuchungs- und OP-Handschuhe, Hydraulik- und Industrieschläuche, Fördergurte, Rolltreppen-Handläufe sowie Fensterprofile. Von weltweit 7.000 Mitarbeitern sind 900 in Österreich beschäftigt. Das 1. Halbjahr brachte bei leicht rückläufigem Umsatz ein deutliches Ergebnisplus (EBIT) auf 43,4 Mio. Euro.
 
Martin Füllenbach
Der 52-jährige Deutsche steht seit 2017  an der Spitze und leitet seither einen Restrukturierungskurs.

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