© KURIER/Jeff Mangione

Doppelinterview
07/14/2016

"Schnelle Integration ist illusorisch"

Einer Meinung sind Österreichs Außenminister Kurz und der deutsche Industrie-Kapitän Grillo.

von Martina Salomon

Der Chef des deutschen Industriellenverbandes Ulrich Grillo hielt diese Woche in Wien ein Referat vor Spitzenmanagern und traf Außenminister Sebastian Kurz.

KURIER: Was führt Sie in der Industriellenvereinigung zusammen?

Sebastian Kurz: Es gab immer wieder die Idee eines Zusammentreffens, in Berlin haben wir uns aber verpasst, daher ist es jetzt Wien geworden. Wir haben unseren Gedankenaustausch mit einer Diskussion hier mit österreichischen Managern verbunden.

Was kann man von Deutschland lernen, Herr Minister?

Kurz: Beide Länder sind gut aufgestellt. Aber Deutschland hat uns seit 2006 in einigen Rankings überholt. Die Schuldenbremse der Deutschen funktioniert und führt trotz Flüchtlingskrise zu Überschüssen, während sich unsere Schulden in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt haben. Staatsschulden schränken den Handlungsspielraum der Politik ein. Und was passiert, wenn die Zinsen nach der derzeitigen Niedrigzinsphase irgendwann wieder steigen?

Ulrich Grillo: Ich wundere mich, dass Österreich so auf Deutschland guckt. Wir machen ja nicht alles besser. Wir profitieren von der Agenda 2010 des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Diese Reformen haben die Arbeitswelt flexibilisiert. Seit zwei Jahren steigen die Löhne aber mehr als die Produktivität. Daher müssen wir aufpassen, dass wir das, was wir in den vergangenen Jahren geschafft haben, nicht wieder verlieren.

Deutschland hat die Rente mit 63 Jahren durchgesetzt. Ein falsches Signal?

Grillo: Wir Europäer müssen das Rentenalter erhöhen, nicht senken. Unseren Kindern bürden wir damit eine Last auf, die sie gar nicht tragen können.

Allerdings baut jedes Unternehmen, das "optimiert", mal als Erstes die teuren Älteren ab. Wie kann man das verhindern?

Grillo: Erfahrung ist kostbar – erst recht in der Industrie. Wir brauchen unsere gut ausgebildeten Facharbeiter. In Deutschland herrschen Rekordbeschäftigung und Fachkräftemangel. Wenn wir weiterwachsen wollen, brauchen wir mehr Mitarbeiter.

Trotz Digitalisierung?

Grillo: Auf diese Frage habe ich schon gewartet. Die Werkshallen werden nicht verwaisen. Arbeit verändert sich, aber sie fällt nicht weg. Sie wird anspruchsvoller – deshalb lebenslanges Lernen, bessere Qualifizierung.

Die deutsche Arbeitslosenrate sinkt, während unsere steigt.

Grillo: Wir liegen beide bei rund sechs Prozent. Der hohe Industrieanteil in Österreich und Deutschland ist ein Vorteil. Die Herausforderungen der Digitalisierung muss die Wirtschaft selbst aufnehmen. Dabei kann die Politik nur begrenzt, aber zielgerichtet helfen – beispielsweise mit Breitbandausbau und Datensicherheit.

Kann man den Abstand zum Silicon Valley aufholen?

Grillo: Bei Datennutzung sind die Amerikaner weiter. Aber das Silicon Valley braucht europäisches Industrie-Know-how. Das Google-Auto fährt mit deutscher Technologie, und bei Tesla stehen deutsche Roboter. Auch Österreich ist vor Ort – das finde ich klasse!

Kurz:Die Digitalisierung ist eine Chance. Die Politik muss bestmögliche Infrastruktur dafür anbieten. Wir müssen auch den Bildungsbereich darauf einstellen und dürfen nicht zulassen, dass zu viele Menschen in Jobs strömen, von denen wir wissen, dass es sie in zehn Jahren so nicht mehr geben wird. Ganze Branchen werden wegbrechen, andere neu entstehen.

Der OECD-Beschäftigungsausblick hat vergangene Woche ein Ende des deutschen Jobwunders durch den Flüchtlingsstrom prophezeit. Wird die Arbeitslosigkeit wieder steigen?

Grillo: Eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt ist illusorisch. Wenn wir in fünf Jahren 20 Prozent der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert haben, dann sind wir verdammt erfolgreich. Wir brauchen noch immer qualifizierte Zuwanderung – das ist aber ein separates Thema.

Kurz: Viele diskutieren beim Flüchtlingsthema nur die Unterbringung. Unterbringen können wir aber wesentlich mehr als in den Arbeitsmarkt integrieren. Viele Flüchtlinge sind schlecht qualifiziert. Sie stehen außerdem in Konkurrenz zu besser ausgebildeten Zuwanderern aus osteuropäischen Ländern, die nach Österreich strömen.

Konkurrenz im niedrig qualifizierten Bereich drückt auf die Löhne. Gut für die Industrie?

Grillo: Die Industrie zahlt gute Löhne. Unsere Branchen brauchen qualifizierte Mitarbeiter. Deshalb muss die Politik intensiv in Integration und Sprachkurse investieren.

Warum haben Sie kürzlich in Richtung deutscher Politik gesagt: Wir müssen auch in die Wirtschaft investieren und dürfen uns nicht nur auf die Flüchtlinge konzentrieren?

Grillo: Eine starke Wirtschaft kann das Flüchtlingsproblem lösen helfen.

Was braucht die Wirtschaft?

Grillo: Mehr Investitionen und Flexibilisierung der Arbeitszeit.

Zwölf-Stunden-Tag?

Grillo: Ich bin gegen starre Regeln. Gut ist, Home Office zu ermöglichen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Es geht nicht um Zwölf-Stunden-Präsenz. Man muss anders arbeiten.

Dank Smartphones sind viele Arbeitnehmer ohnehin fast 24 Stunden am Tag erreichbar.

Grillo: Jedes Smartphone hat einen Ein- und Aus-Schalter. Ich will keine Erreichbarkeit rund um die Uhr. Aber der effiziente Einsatz der Arbeitskraft ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor.

Sinkt die Leistungsbereitschaft der jungen Mitarbeiter?

Grillo: Im Gegenteil, der Konkurrenzkampf ist gewachsen. Ich habe das Gefühl, dass die heutige Jugend ambitionierter ist, als wir es waren. Unsere duale Ausbildung (in Schule und Lehrbetrieb) ist ein riesiger Wettbewerbsvorteil. Viele Nationen beneiden uns darum.

Ist die Technikfeindlichkeit in Österreich und Deutschland nicht besonders hoch?

Grillo: Leider ja. Wir müssen in die technische Ausbildung investieren. Und für die Akzeptanz neuer Technik kämpfen. Wir dürfen nicht vor jeder Innovation wegrennen und sagen: "Kenne ich nicht, will ich nicht!"

Warum sind Deutsche und Österreicher so gegen TTIP? Weil wir "reich und hysterisch sind", wie der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) einst unvorsichtig formulierte?

Grillo: Bei der TTIP-Ablehnung geht es auch um den Vertrauensverlust in die Politik und in die USA – und den hohen Organisationsgrad der NGOs. Rationale Argumente muss man diskutieren. Aber manche Gegner – auch Politiker – fangen immer wieder mit Themen wie dem Chlorhühnchen an, die schon lange draußen sind. Woher kommt unser Wohlstand? Durch unseren Handel mit der Welt! Der Anteil von EU und USA an den weltweiten Exporten beträgt 30 Prozent. Aber zwischen uns bestehen noch viele unnötige Handelsschranken. Darin steckt noch viel Potenzial – für jeden von uns.

Diese Woche startete die 14. TTIP-Verhandlungsrunde. Kommt TTIP überhaupt noch?

Kurz: Schwer einschätzbar. Es gibt sachliche Kritik, aber insgesamt zu viel Emotion.

Sind Schiedsgerichte nötig? Daran entzündet sich Kritik.

Grillo: Ein Investor will Sicherheit haben, dass es nicht zu Enteignung, Diskriminierung und ungerechter Behandlung kommt. Sonst schafft er keine Arbeitsplätze. Investitionsschutzverträge schützen vor Risiken. Und unabhängige Schiedsgerichte sichern ein Mindestmaß an Rechtsstaatlichkeit.

Das trauen Sie einem staatlichen Gericht nicht zu?

Grillo: Keine Frage, wir haben ein sehr gutes Rechtssystem. Es geht aber um Schutz vor politischen Risiken. Internationale Schiedsgerichte gehören weder dem einen noch dem anderen Land an – das sichert eine gewisse Neutralität. Außerdem soll TTIP ein Vorbild-Abkommen sein, das einen modernen Standard für den Investitionsschutz schafft.

Was finden deutsche Industrielle an Österreich gut?

Grillo: Die österreichische Wirtschaft ist sehr leistungsfähig, die Zusammenarbeit der Sozialpartner funktioniert. Und ich finde es auch gut, wenn sich der Außenminister so tief in wirtschaftliche Zusammenhänge hineinarbeitet. Wirtschaft und Außenpolitik hängen eng zusammen.

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