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Wirtschaft
09/18/2019

Schlechte Nähte: Französische AKW bleiben dennoch in Betrieb

Qualitätsmängel bei 16 Generatoren in sechs Reaktoren. Frankreich verteilt mehr Jodtabletten an die Bevölkerung.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Der französische Energiekonzern EDF sieht keinen Grund, einen seiner Atomreaktoren zu schließen, wie er am Mittwoch mitteilte. An 16 Stromgeneratoren, die in sechs AKW installiert sind, waren Probleme und Qualitätsabweichungen an Schweißnähten festgestellt worden.

"In dieser Phase der technischen Untersuchungen, die an diesen Komponenten ausgeführt werden, denkt EDF nicht, dass die beobachteten Abweichungen die Funktionsweise negativ beeinflussen", heißt es in der Aussendung. Deshalb sei es nicht nötig, sofort zu handeln.

Die Probleme wurden an den Reaktoren 3 und 4 in Blayais, Block 3 in Bugey, Block 2 in Fessenheim, Block 4 in Dampierre-en-Burly und an Reaktor 2 in Paluel identifiziert.

Historisches Bild des AKW Fessenheim

Jod für die Bevölkerung

Unabhängig davon lässt Frankreich mehr Jodtabletten als Schutz vor den gesundheitlichen Schäden nach einer Atom-Havarie verteilen.

Rund 2,2 Millionen Menschen, die im Umkreis von 10 bis 20 Kilometern von einem der EDF-AKWs leben, erhalten gratis Jodtableten, um sie vor Strahlungsschäden zu schützen, teilte Regulator ASN am Dienstag mit.

Auch 200.000 Institutionen wie Schulen werden in den nächsten Tagen informiert, dass sie die Tabletten kostenlos bei Apotheken abholen können.  Bisher galt das - nach dem Atomunfall im japanischen Fukushima - nur für die Bevölkerung im Umkreis von 10 Kilometern, jetzt wurde der Radius für den Bezieherkreis erweitert.

Wenig Interesse

Die Jodtabletten verhindern, dass sich radioaktive Partikel aus der Luft in die Schilddrüse einlagern können und Krebs verursachen. Allerdings hätten 2016 nur ungefähr die Hälfte der Bezugsberechtigten die Tabletten überhaupt abgeholt, meldete die Tageszeitung Les Echos.

Frankreich setzt weltweit am stärksten auf Atomstrom-Erzeugung. Rund drei Viertel seiner Elektrizität werden in den 58 staatlichen Atomreaktoren erzeugt, die an 19 Standorten über das ganze Land verteilt sind.

Die meisten Franzosen leben im Umkreis von einigen hundert Kilometern, das Kraftwerk Nogent-sur-Seine ist ungefähr 100 Kilometer östlich von Paris, die Standorte Penly und Paluel sind etwa 180 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt gelegen.