Pinocchio lässt grüßen? Graffiti vor der Baustelle des EZB-Turms, wo künftig die Bankenaufsicht sitzt

© Reuters/KAI PFAFFENBACH

Analyse
12/04/2013

Saftige Strafen für die Zinsfälscher

Rekord-Kartellbuße für Großbanken - EU kassiert 1,7 Milliarden Euro für Manipulationen.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Auch Sie könnten ein Betrugsopfer sein. Zumindest dann, wenn Sie einen Bausparvertrag abgeschlossen oder einen Kredit aufgenommen haben. Oder Ihrem Enkelkind einen Gold-Philharmoniker geschenkt haben. Und womöglich sogar, wenn Sie nur für Ihre Urlaubsreise Geld gewechselt haben.

Zinssätze, Gold- und Silberpreise, Währungskurse: Das sind Finanzwerte, mit denen nicht nur Spekulanten und Händler zu tun haben. Sie betreffen jeden Menschen, der Geld in die Hand nimmt. Das macht diese Manipulation so ungeheuerlich, dass sie an den Grundfesten des Geldwesens rührt: Ein elitärer Zirkel internationaler Großbanken steht im Verdacht, an diesen Stellschrauben gedreht zu haben. Und zwar, um sie zu eigenen Gunsten zu beeinflussen, um Handelsgewinne einzustreichen oder Verluste zu vermeiden.

Aufgeflogen sind die Praktiken zuerst bei den Zinssätzen (siehe Stichwort). Mit E-Mails ist gut dokumentiert, wie sich Händler, die diese Richtwerte täglich festlegen, abgesprochen haben. Ob und wie sehr andere Anleger dadurch geschädigt wurden, lässt sich im Detail nicht nachverfolgen. Wer davon profitiert hat, hingegen schon.

Dafür bekamen die beteiligten Großbanken nun eine erste Rechnung präsentiert: Die EU-Kommission verhängte die Rekord-Geldstrafe von 1,7 Milliarden Euro über die Deutsche Bank, die Royal Bank of Scotland, die französische Société Générale, den britischen Broker RP Martin, die Citigroup und JPMorgan (USA). Die britische Barclays und die Schweizer UBS kamen ungeschoren davon, weil sie die Kartellwächter als Kronzeugen informiert haben.

Auch Gold und Devisen

Wie sehr tun diese Strafen weh? Die Deutsche Bank hat mit 725 Millionen Euro die höchste Buße ausgefasst – das ist deutlich höher als ihr Jahresüberschuss 2012 von 291 Millionen Euro. Die Jahre mit Gewinnen von 4 Milliarden Euro oder mehr sind wohl fürs Erste vorbei. Die Großbank erklärte am Mittwoch, sie habe vorgesorgt und müsse kein weiteres Geld in der Bilanz zurückstellen. Allerdings hat sogar Jörg Asmussen, Direktor der Europäischen Zentralbank, angezweifelt, ob die vier Milliarden Euro Vorsorgen der Deutschen Bank ausreichen. Die Investmentbank wird auch im Zusammenhang mit dem Vorwurf manipulierter Gold- und Silberpreise genannt. Und wie die Süddeutsche Zeitung meldet, gibt es den Verdacht, dass Banken mit Währungsgeschäften die Wechselkurse beeinflusst haben könnten. Die Deutsche Bank ist der größte Akteur im Handel mit Fremdwährungen.

Strafen für Großbanken?

Großbanken sollen Währungskurse manipuliert haben

Ein Skandal, der größere Ausmaße als der Libor-Skandal annehmen könnte, bahnt sich an. Mehrere internationale Großbanken stehen nach einem Zeitungsbericht im Verdacht, massiv Währungskurse manipuliert zu haben. Finanzbehörden in Europa, den USA und Asien gingen dem nach, berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Die Banken hätten möglicherweise Geschäfte mit fremden Währungen in der Absicht getätigt, den Kurs zu einer bestimmten Uhrzeit zu beeinflussen und so mittels Kurswetten Gewinne einzunehmen. Anhaltspunkte für einen solchen Verdacht hatten sich bereits im Oktober ergeben, als die Schweizer Finanzaufsicht mitgeteilt hatte, gegen mehrere Schweizer Institute zu ermitteln. Allerdings war die Dimension unklar geblieben.

Absprachen via Chat?

Der Chef der deutschen Bankenaufsicht Bafin, Raimund Röseler, sagte der Süddeutschen: "Wir haben bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass Händler einer deutschen Bank in Manipulationen involviert waren." Die Untersuchungen seien aber noch nicht beendet. Die Deutsche Bank hat nach Informationen der Zeitung umfangreiche interne Ermittlungen aufgenommen. Bereits davor habe man interne Chats für Devisenhändler verboten, weil diese Absprachen erleichtert haben könnten. Im Zuge der Ermittlungen in London haben Großbanken wie Barclays und Citigroup bereits Händler beurlaubt.

Neue Regeln

Ein Sprecher des deutschen Finanzministeriums sagte: "Sollten sich die ersten Vermutungen bestätigen", könne es nötig werden, die Regeln für den Devisenmarkt zu ändern.

Der Referenzzinssatz Libor

Der Libor (London Interbank Offered Rate) wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) als Referenzzinssatz in London festgelegt. An ihm orientieren sich weltweit die kurzfristigen Zinsen für eine ganze Reihe von Finanzmarktgeschäften.

Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten wichtigsten Banken weltweit die Zinsen, die sie aktuell für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssten. Daraus wird ein Mittelwert errechnet. Der Libor ist über Jahre von Mitarbeitern mehrerer Großbanken manipuliert worden, um höhere Gewinne einzustreichen.

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