© KURIER - Pittner

Insolvenz
03/03/2016

Mega-Pleiten im heimischen Obsthandel

Obst-Logistiker Steirerfrucht und Apfel-Land haben insgesamt 36,56 Millionen Schulden,113 Arbeitsplätze sind betroffen.

von Kid Möchel

Die Steiermark wird von zwei Megapleiten erschüttert. Die Steirerfrucht Betriebsgesellschaft m.b.H. & Co KG und die Apfel-Land Fruchtlogistik GmbH, die alle namhaften Lebensmittelhandelsketten in Österreich - darunter ist der Rewe-Konzern (Billa, Merkur) und seine Bio-Marke Ja! Natürlich - mit Obst beliefern, haben jeweils ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung beantragt. Die Unternehmen mit Sitz in Wollsdorf, St. Ruprecht an der Raab, beschäftigen laut den Gläubigerschutzverbänden KSV1870 und AKV insgesamt rund 113 Mitarbeiter. Die Schulden beider Unternehmen betragen insgesamt rund 36,56 Millionen Euro.

Problem Überkapazitäten

"Wie der KSV1870 erfahren hat, wurden vor dem Hintergrund der zu erwartenden Entwicklung der Obstwirtschaft im Jahr 2007 Lagerkapazitäten erweitert", heißt es dazu. In den Jahren 2011 und 2012 wurden laut Firmenangaben tiefgreifende Erneuerungen und Automatisierungen von Anlagen vorgenommen.

Verkaufsgespräche gescheitert

"Die Steigerungen konnten jedoch nachhaltig nicht gehalten werden, da sich das wirtschaftliche Umfeld im Bereich der Obstwirtschaft immer schwieriger gestaltete", heißt es im Insolvenzantrag der Steirerfrucht. "Als Folge der bestehenden Überkapazitäten der Anlagen fielen erhebliche Leerkosten an. Diese aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation anhaltenden Auslastungsprobleme, die letztlich durch die Überkapazitäten in Europa und das Russland-Embargo massiv verschärft wurden, führten zur Entscheidung der Eigentümer, die Unternehmensgruppe Steirerfrucht im Wege eines Share-Deals, sprich eines Verkaufs der Gesellschaften, zu veräußern." Nachsatz: "Obwohl bis zuletzt intensiv Verhandlungen mit ernsthaften Interessenten geführt wurden und die Anzeichen auf einen erfolgreichen Abschluss hingedeutet haben, ist es nun völlig überraschend nicht zu einem erfolgreichen Verkaufsabschluss gekommen."

Auffanggesellschaft geplant

In weiterer Folge hat das dazu geführt, dass "der Steirerfrucht die erforderlichen Finanzierungslinien nicht mehr zur Verfügung stehen". So ist die Sanierung der Unternehmens-Gruppe im Wege einer übertragenden Sanierung geplant, um so der Obstwirtschaft dem derzeitigen Umfeld angepasste betriebliche Strukturen zu erhalten. Das heißt: Es ist geplant, die Vermögenswerte an eine Auffanggesellschaft oder neue Gesellschaft zu veräußern. "Letztlich wird man ein Gesamtpaket für die Sanierung schnüren müssen", sagt Markus Graf vom AKV zum KURIER. Da wird die Raiffeisen-Landesbank (RLB) Steiermark ein gewichtiges Wort mitreden.

RLB Steiermark größter Gläubiger

"Die RLB ist finanzierende Bank und der größte Betroffene", sagt ein Sprecher der Landesbank zum Kurier. "Die RLB ist seit vielen Jahren ein Partner der steirischen Obstwirtschaft und hat diese immer untersützt. Sie wird das auch weiterhin tun können, wenn Rat und Tat gefragt ist." Nachsatz: "Die äußeren Bedingungen haben aber jetzt keinen anderen Weg ermöglicht." Jetzt bestehe die Möglichkeit, so die Bank, dass die Obstwirtschaft in der Oststeiermark näher zusammenrückt, dann wäre vieles möglich. Dabei wird an Branchenexperten aus der Region gedacht, die eine Lösung auf die Beine stellen könnten.

Apfel-Land mitgerissen

Die Steirerfrucht ist ein wesentlicher Vertragspartner und Auftraggeber der Firma Apfel-Land. Weil die Steirerfrucht die erbrachten Leistungen nicht mehr bezahlt hat, heißt es weiter, ist auch bei der Apfel-Land die Zahlungsunfähigkeit eingetreten. Insbesondere konnte Apfel-Land die Forderungen der Lieferanten, der Mitarbeiter, der Gebietskrankenkasse und des Finanzamts nicht mehr bedienen.

Weitere Verbindungen

Ob die Steirerfrucht Betriebs GmbH, die Gesellschafterin der Co. KG, auch von den Pleiten betroffen ist, ist derzeit noch unklar. Sie gehört zu 100 Prozent der RLB-Beteiligungs- und Treuhandgesellschaft m.b.H. und somit mittelbar der Raiffeisen-Landesbank Steiermark AG. Außerdem gibt es noch die Genossenschaft Steirerfrucht Verwaltung. Die Geschäftsführer der Steirerfrucht Betriebsgesellschaft m.b.H., sind Gerhard Mann und Christoph Schwindhackl, Gerhard Mann ist auch gemeinsam mit Uwe Lang Geschäftsführer der Apfel-Land Fruchtlogistik GmbH.

Schulden und Vermögen

Die Steirerfrucht beziffert ihre Verbindlichkeiten mit einem Liquidationswert in Höhe von 24,212 Millionen Euro und das Vermögen mit rund 15,395 Millionen Euro. Sie verfügt über 8,3 Hektar an Liegenschaften, wovon 4,2 Hektar verbaute Flächen sind. Die Betriebs-Liegenschaften sind mit Pfandrechten völlig überbelastet. Die Steirerfrucht hat auch ein Kühlager der Obst Hofer Handels GmbH gemietet. Steirerfrucht beschäftigt 57 Mitarbeiter. Nach dem derzeitigen Stand ergibt die Vermögenslage bloß 12,46 Prozent Quote für die Gläubiger. Detail am Rande: Die Steirerfrucht ist mit 16 Prozent an der Apfel-Land und mit 23,12 Prozent an der EVA Handels GmbH beteiligt.

Zugleich ist die Obst Hofer Handels GmbH mit acht Prozent an der Apfel-Land beteiligt. Die Apfel-Land weist 12,354 Millionen Euro Schulden aus, die Aktiva haben einen Liquidationswert in Höhe von 2,194 Millionen Euro. Die Firma beschäftigt 97 Dienstnehmer. Die Apfel-Land ist Eigentümerin eines Hochregellagers, das auf fremden Grund errichtet wurde. Insgesamt ergibt sich hier lediglich eine rechnerische Quote in Höhe von 4,09 Prozent für die Gläubiger.

Beide Unternehmen wollen aber ihren Gläubigern jeweils 20 Prozent Quote anbieten, da muss offenbar noch ordentlich gerechnet werden,

Die Vorgeschichte

Die Steirerfrucht hat bereits im Geschäftsjahr 2014 einen Jahresverlust in Höhe von 19,53 Millionen Euro, einen Bilanzverlust in Höhe von 21,56 Millionen Euro und 28,72 Millionen Euro Verbindlichkeiten ausgewiesen.

"Aufgrund der drastischen Verluste wurde gemeinsam mit der Wirtschaftsprüfungsunternehmen BDO Graz GmbH für alle drei Gesellschaften eine Fortbestehungsprognose erstellt", heißt es im Bilanz-Lagebericht. "Diese Prognose, datiert mit 2. März 2015, enthält für alle drei Gesellschaften ein Alternativkonzept, das dazu führt, dass künftig alle externen Umsätze sowie die Betriebsführung über die Steirerfrucht abgewickelt werden." Nachsatz: "Das Vertriebspersonal als auch Verwaltungspersonal soll in der Steirerfrucht angestellt werden."

Aufgaben-Teilung

"Die Gesellschaft Apfel-Land Fruchtlogistik GmbH wird die Sortierung und Verpackung der Ware bewerkstelligen, während die Obst Hofer Lagerflächen zur Verfügung stellen wird", heißt es darin weiter. "Für alle drei Gesellschaften sind im Wesentlichen folgenden Restrukturierungsmaßnahmen geplant, die bereits eingeleitet und teilweise auch bereits umgesetzt wurden." So soll es zu einer Personalreduktion aufgrund der Umstellung auf einen Einschichtbetrieb und einem Outsourcing der Lkw-Flotte zur Reduktion des sonstigen betrieblichen Aufwands gekommen sein. Auch wurde nicht betriebsnotwendiges Vermögen verkauft.

"Wesentliche Prämissen der Fortbestehungsprognose sind, dass in den Folgejahren keine wesentlichen Ausgleichszahlungen an Produzenten zu tätigen sind und auch keine Schadensfälle auftreten", heißt es im Lagebericht weiter. "Um Leerkosten zu vermeiden, sollen weitere Lagerflächen vermietet werden und dadurch ein zusätzlicher Umsatz erwirtschaftet werden."

10 Millionen Euro Hybridkapital

Aufgrund der mangelnden Rentabilität bzw. der gesunkenen Verkehrswerte wurden die Anlagen im Geschäftsjahr 2013/14 deutlich abgewertet, was künftig zu einer Entlastung des Ergebnisses führt. "Wesentlich ist, dass die Kreditverbindlichkeiten neu strukturiert werden und das Obligo im Ausmaß von zehn Millionen Euro in Hybridkapital gewandelt wird", so das Unternehmen. Zur Erklärung: Hybridkapital kann durch die Ausgabe von Genussscheinen oder nachrangigen Anleihen gebildet werden. Es ist eigentlich Fremdkapital, das aber eigenkapitalähnliche Eigenschaften hat.

"Die Raiffeisen-Landesbank Steiermark AG hat mit Schreiben vom 13. Mai 2015 der Gesellschaft mitgeteilt, dass sie die Fortbestehungsprognose, vollinhaltlich unterstützt und die entsprechend Umsetzung der im Konzept verankerten neuen Finanzierungsstruktur bereits mit Gremialbeschluss genehmigt hat."

Im Planungszeitraum bis 2017/18 sollten sich eigentlich ab dem Jahre 2014/15 "Jahresüberschüsse und ab 2015/16 auch ein Aufbau von liquiden Mitteln" ergeben. Um die Planmengen tatsächlich zu erreichen, sind insbesondere die Marketing- sowie Vertriebsbemühungen zu intensivieren, heißt es weiter.

Im Jahr 2014/15 wurden Investitionen in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro erwartet. "Aufgrund der Fortbestehungsprognose sollte bis zum 31. Juli 2018 eine Eigenmittelquote von acht Prozent und eine fiktive Schuldentilgungsdauer von 14,7 Jahren" aufweisen. Diese Pläne gingen schief.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.