© APA/dpa/Daniel Bockwoldt

Wirtschaft
07/21/2021

Rund 100.000 Seefahrer sitzen seit Monaten auf Frachtschiffen fest

Unter den Betroffenen nehmen Depressionen und Suizide zu

Containerschiff. Rund 100.000 Seeleute sitzen weltweit auf Containerschiffen fest. Die meisten von ihnen hatten laut der Internationalen Schifffahrtskammer (ICS) seit Monaten keine Tag Pause an Land.

Viele dürfen wegen der neuen Corona-Wellen in ihren Heimatländern nicht von Bord, zumal nur die wenigsten von ihnen geimpft sind. Sie haben Freunde und Familie seit Monaten nicht gesehen, Depressionen und Suizide nehmen zu.

Einer der Betroffenen ist der indische Kapitän Tejinder Singh, der seit über sieben Monaten keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Wann er wieder nach Hause kann, weiß er nicht. Sein letzter Einsatz dauerte elf Monate, länger ist laut UN-Seefahrtsübereinkommen nicht erlaubt. „Wir sind vergessen und werden als selbstverständlich angesehen“, klagt Singh. „Die Leute da draußen machen sich keine Gedanken darüber, wie die Regale in ihren Supermärkten gefüllt werden.“

Singh und die meisten aus seiner 20-köpfigen Crew haben auf einer anstrengenden Odyssee mittlerweile fast den ganzen Globus umrundet: Von Indien über die USA ging es weiter nach China, wo sie wochenlang vor überlasteten Häfen festsaßen und darauf warteten, Fracht abzuladen. Mittlerweile ist sein Schiff nach Australien unterwegs. Die Nachrichtenagentur Reuters erreichte das Schiff irgendwo im Pazifischen Ozean.

Humanitäre Krise

Die Vereinten Nationen sprechen von einer humanitären Krise auf See und setzen sich dafür ein, dass Regierungen Seeleute als systemrelevante Arbeitskräfte einstufen und sie so schneller geimpft werden können. Laut Schätzungen der ICS sind nur 2,5 Prozent der Seefahrer geimpft.

Die meisten der etwa 1,7 Millionen kommerziellen Seeleute weltweit kommen aus Asien, mehr als ein Drittel stammt aus Indien und den Philippinen. In vielen asiatischen Ländern wütet die Delta-Variante des Virus und Regierungen untersagen, dass die Besatzungen an Land gehen. Manchmal wird ihnen sogar medizinische Versorgung verweigert.

Normalerweise gehen monatlich weltweit 50.000 Seeleute an und von Bord. Da diese Rotation in der Corona-Pandemie nicht funktioniert, sitzen gleichzeitig schätzungsweise 100.000 Seefahrer an Land fest. Sie können nicht an Bord der Schiffe gehen, auf denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen.

Wie Gewerkschaften berichten, erwägt fast die Hälfte der Seefahrer in Anbetracht der schwierigen Situation, ihren Job überhaupt aufzugeben. Die globalen Lieferprobleme würden sich dadurch voraussichtlich noch verstärken. Rund 90 Prozent des weltweiten Warenverkehrs entfällt auf Containerschiffe.

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