© Alexander Raths/IStockphoto.com

Wirtschaft
01/16/2020

Reizthema Pflegelehre: Was dafür und was dagegen spricht

Regierung will neuen Lehrberuf „Pflegeassistenz“ einführen. Dagegen regt sich Widerstand.

von Anita Staudacher

In den nächsten zehn Jahren werden in Österreich bis zu 75.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Aber woher nehmen? Die am Mittwoch im Ministerrat vorgestellten Höhere Lehranstalten sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Regierung will daher auch Teenager mobilisieren und plant laut Regierungsprogramm die Einführung eines neuen, drei- bis vierjährigen LehrberufesPflegeassistenz“.

Dafür zuständig ist das Wirtschaftsministerium. Die Wirtschaftskammer (WKO), die die Pflegelehre seit Jahren propagiert, hat ein fertiges Konzept ausgearbeitet. Noch heuer sollen Pilotprojekte in einigen Bundesländern starten, nähere Details fehlen noch.

Arbeiterkammer, Gewerkschaft sowie Gesundheits- und Krankenpflegerverband lehnen die Pflegelehre ab. Der KURIER fasst die wichtigsten Pro- und Contra-Argumente zusammen.

+ Personalnot lindern

Um die Personalnot in der Pflege zu lindern, reicht schulische Ausbildung oder spätere Umschulung allein nicht (mehr) aus. Auch im Ausland wird es immer schwieriger, Personal zu rekrutieren. „Wir müssen alle Personalressourcen im Inland nutzen“, sagt Martin Hoff vom Fachverband Gesundheitsbetriebe in der WKO. In Heimen braucht es nicht nur diplomiertes Personal, sondern auch Menschen, die Alltagstätigkeiten wie beim Essen assistieren oder Freizeitgestaltung erledigen.

+ Erfolgsmodell Lehre

Die duale Ausbildung ist weltweit ein Vorzeigemodell gegen Fachkräftemangel, nur nicht bei den Pflegeberufen. „Die 15-Jährigen, die nicht in weiterführende Schulen wollen, gehen für die Pflege verloren“, weiß Johannes Wallner, Direktor des privaten Pflegeheimbetreibers SeneCura mit 84 Standorten in Österreich. Er begrüßt die Lehre und würde Lehrplätze anbieten.

+ Regionale Jobs

Mit einer Lehre, die eine Weiterqualifizierung erlaube, hätten viele Jugendliche in ländlichen Regionen einen sicheren Job vor Ort und müssten nicht auspendeln, argumentiert Wallner.

+ Vorbild Schweiz

Wallner verweist auf die Schweiz, wo die vor zehn Jahren eingeführte Pflegelehre zu den drei beliebtesten Lehrberufen zählt. 3.800 Jugendliche würden pro Jahr diese Ausbildung wählen. „Wir wären in Österreich fürs erste mit einigen Hundert pro Jahr zufrieden“. Die Lehrlingsentschädigung soll sich zwischen 730 im ersten und 1.450 Euro im vierten Lehrjahr bewegen und damit im Mittelfeld bei den Lehrberufen liegen.

- Jugendschutz

Laut Gesetz dürfen Jugendliche erst ab 17 am Pflegebett arbeiten. Eine Jugendschutz-Bestimmung, die die WKO für veraltet hält, viele Experten und Arbeitnehmervertreter aber wegen der psychisch besonders belastenden Arbeit für berechtigt. „15-Jährige gehören an kein Pflegebett. Niemand käme auf die Idee, 15-Jährige in Polizei-Uniformen zu stecken, wenn es bei der Exekutive Personalmangel gäbe.

Die Lehre ist für den Pflegeberuf die falsche Ausbildungsform“, sagt Susanne Hofer, Jugendvorsitzende der Gewerkschaft GPA-djp. „Niemand wird Lehrlinge gleich schwer dementen Personen aussetzen“, kontert Wallner. Wie in allen Berufen beginne die Lehre mit einfachen Tätigkeiten wie etwa Assistenz beim Essen. Die Altersgrenze sei nicht unbedingt ein Problem.

- Ausbildungsqualität

Es stellt sich die Frage: Wer soll die Jugendlichen in der Praxis ausbilden? Schon jetzt bleibt wegen des Personalmangels im Heim-Alltag kaum Zeit für Aus- und Weiterbildung. Die Gewerkschaft fürchtet, dass die Jugendlichen als billige Hilfskräfte eingesetzt werden.

- Berufsabwertung

Die Gesundheits- und Pflegeberufe streben generell eine Höherqualifizierung an. So soll der gehobene Dienst nur noch auf Fachhochschul-Niveau ausgebildet werden. Eine Ausbildungsnivellierung könnte die ohnehin nicht berauschende Bezahlung weiter drücken und den Beruf damit noch unattraktiver machen.

- Viele Aussteiger

Der Umgang mit Leid, Sterben und Trauer ist emotional sehr belastend, Image und Bezahlung sind schlecht. Schon jetzt verlassen (zu) viele Pflegekräfte die Branche vorzeitig. Auch in der Schweiz ist die Drop-Out-Quote hoch. Nach drei Jahren arbeitet nur noch ein Drittel der Ausgebildeten in diesem Bereich. Wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, wird sich kaum ein Jugendlicher für die Pflegelehre finden.