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Wirtschaft
03/18/2020

"Psychologie des Crashs": Wie Profis mit der Börsenpanik umgehen

Was geschieht gerade an den Märkten – und wohin soll man jetzt mit dem Geld? Fragen und Antworten von Experten.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Normalerweise warten Anleger gespannt auf Gewinnmeldungen und Konjunkturprognosen. Aber normal ist derzeit gar nichts: Aktuell bestimmen die Infektionszahlen, wie die Märkte reagieren. Erstere steigen rasant, letztere fallen immer tiefer in den Keller. Was tun? Der KURIER hat Investmentprofis befragt.

Sonst verhalten sich die Anlageklassen gegenläufig. Jetzt scheint alles im Gleichklang zu fallen: Aktien, Anleihen, sogar Gold. Warum?

Die Verunsicherung, wie lange die Krise dauert, ist für Friedrich Mostböck, Chefanalyst der Erste Group, der treibende Faktor. Die „Psychologie von Crashs“ weise oft irrationale Züge auf, die mit Daten schwer erklärbar seien.

Manche Beobachter wählten gar das Wort „Kapitulation“, um zu beschreiben, was passiert. „Manchmal gibt es einfach nichts, um sich zu verstecken“, sagt Friedrich Strasser, Investmentchef der Privatbank Gutmann.

Der Grund, warum auch der Goldkurs abgesackt ist: „Derzeit wird alles zu Geld gemacht, was liquide ist.“ Übrigens erweist sich die Kryptowährung Bitcoin noch weniger als Hort der Sicherheit: Sie hat in einem Monat rund die Hälfte an Wert verloren.

Was tun die Anlageprofis in so einer Situation?

Die Bank Gutmann hat in der Vorwoche die Aktienquoten auf das mit den Kunden jeweils vereinbarte Minimum zurückgefahren. Schwellenländeranleihen, Fluglinien, Autohersteller, Reiseanbieter oder schlechter bewertete Unternehmensanleihen seien schon bisher nicht im Körberl gewesen. Dennoch wird jedes Papier im Portfolio darauf abgeklopft, ob es besonderen Corona-Risiken ausgesetzt ist.

Als „Parkposition“ werden Staatsanleihen bester Bonität mit zum Beispiel zwei oder vier Jahren Laufzeit gewählt. Gefragt ist alles, was rasch verfügbar ist. Für viele Anleger wird das wohl Cash oder das Bankkonto sein.

Wann wird an den Börsen die Wende kommen?

Das ist die „Elferfrage“, die niemand beantworten kann. Für das wahrscheinlichere Szenario hält Mostböck, dass die Pandemie in zwei, drei Monaten über den Sommer abebbt und die Börsen das vorwegnehmen.

In China waren die Aktienkurse am tiefsten, als die Infektionszahlen am höchsten lagen, sagen die Bank-Gutmann-Experten. Sie versuchen, ähnliche Signale zu finden. Die Verlaufskurven früherer Krisen legen nahe, dass die großen Aktienindizes etwa zehn Prozent unter dem jetzigen Niveau einen Boden finden könnten.

Was können die Notenbanken ausrichten?

Die US-Notenbank hat mit ihrer dramatischen Zinssenkung auf Null viel Pulver verschossen, ohne irgendeinen Umschwung zu bewirken. Eine Fehleinschätzung, die die Experten unisono sehr kritisch sehen.

Die Europäische Zentralbank habe mit ihren gezielteren Finanzierungshilfen richtige Schritte gesetzt, meint Gutmann-Chefökonom Andreas Auer. Noch höhere Strafzinsen für Banken, mit denen fast alle gerechnet hatten, hätten gar nichts gebracht.

Wo lauern Risiken?

Die Experten vergleichen den Konjunkturverlauf von Krisen (Einbruch und Erholung) oft mit Buchstaben. „Schön langsam wird aus dem V ein U“, sagt Strasser. Sprich: Es dauert länger. Heikel wird die Lage in den USA gesehen. Dort wurde spät und lasch reagiert, das Gesundheitssystem ist schlecht vorbereitet, es gibt kaum Notfallbetten in den Spitälern. Sollte das Virus die größte Volkswirtschaft hart treffen, könnte ein „verlorenes Jahr“ traurige Realität werden.

Lässt sich Positives aus der Krise ableiten?

Die ungewöhnliche Situation, die Rücksichtnahme erfordert, könnte Werte verschieben und die Wirtschaft verändern, glaubt Mostböck. Er erwartet einen Schub für nachhaltige Anlagen (Umwelt, sozial). Und die Krise lasse Konflikte wie den Handelsstreit oder Brexit schrumpfen.

Schulden jetzt noch höher als nach Lehman

Mit der Krise nach 2008 ist die aktuelle Lage schwer vergleichbar: Die Banken sind viel solider aufgestellt als damals. Und es  ist eine Gesundheits-, keine Finanzkrise. Zumindest noch nicht. 

Einige Umstände kommen nämlich erschwerend dazu:  Es sind praktisch alle Staaten der Welt gleichzeitig von der Pandemie betroffen. Und der globale Schuldenberg ist gegenüber 2008/’09 deutlich gestiegen. Laut  Weltbankenverband IIF beläuft sich die Summe auf 253 Billionen US-Dollar (230 Bio. Euro).

Wie konnte es dazu kommen? Das ist eine Spätfolge der vorangegangenen Krise. Die Notenbanken hatten die Rezession mit einer Flut an billigem Geld bekämpft.  Dank der Null- oder sogar Negativzinsen wurden Kredite so günstig wie nie.

Diese „Gleichmacherei“ rächt sich, weil Staaten, Unternehmen und Haushalte Kredite aufnehmen konnten, die es sich sonst nie leisten hätten können. Sprich: Das Risiko wurde nicht adäquat „bepreist“.

Jetzt zeigt sich die Kehrseite: In der Krise werden von schlechten Schuldnern wieder höhere Risikoaufschläge verlangt. Dadurch drohen Unternehmen pleite zu gehen, weil sie Kredite (oder Schuldpapiere wie Anleihen) nicht zurückzahlen können.

Kurzfristig sehr gefährdet sind  hoch verzinste Anleihen von US-Schieferölfirmen, die der Absturz des Ölpreises hart trifft.

Zudem haben viele Unternehmensanleihen eine Bonitätsnote nur knapp über Ramsch-Wert. Würden diese von den Ratingagenturen abgewertet, wären viele Investoren gezwungen, die Papiere zu verkaufen. Das könnte sogenannte "fire sales", und damit eine Abwärtsspirale, auslösen.

Zugegriffen haben viele Schattenbanken, Versicherer und Pensionskassen. Jetzt werde sich herausstellen, wie gut deren Bonitätsmanagement funktioniert hat oder ob sie sich von etwas höheren Renditen zu zu viel Risiko verleiten ließen. Es  könnte da „zu Überraschungen kommen“, vermutet und befürchtet Friedrich Strasser von der Bank Gutmann.

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