Mehr Arbeit in weniger Zeit: So überlastet sind die Österreicher wirklich
Der Werktag dauert gleich lang wie immer, aber die Zeit reicht nicht mehr. Das Aufgabenfeld ist gewachsen, die Arbeit hat sich verdichtet, der Stress ist gestiegen. Österreichische Beschäftigte arbeiten heute intensiver, lautet ein Fazit von vielen im neuen Strukturwandelbarometer der Arbeiterkammer (AK) und des Gewerkschaftsbunds (ÖGB), das heute präsentiert wurde. Jährlich werden Betriebsräte dieses Landes als „Seismografen für Entwicklungen und Trends“ zu Veränderungen in der Arbeitswelt befragt. 1.495 haben diesmal teilgenommen. Das Bild, das sie zeichnen, sei „alarmierend“.
Über die Hälfte (54 Prozent) gibt an, dass die Produktivität in den heimischen Betrieben gestiegen sein soll. In einer Stunde wird also mehr Arbeit geschafft als früher. Als Treiber für diese Entwicklung verorten die Betriebsräte optimierte Prozesse und Digitalisierung. Beide Faktoren könnten Arbeitnehmern bessere Arbeitsbedingungen liefern – laut Befragung ist das nicht der Fall.
Schlechteres Arbeitsklima, höherer Druck
Die Belastung ist laut Barometer massiv gestiegen – bei den negativen Tendenzen schlägt der Arbeitsdruck mit einem Wert von minus 57 Prozent besonders massiv aus, gefolgt von der Arbeitsverdichtung (minus 42 Prozent). Auch das Arbeitsklima verbucht minus zehn Prozent. Außerdem würden Beschäftigte immer mehr Druck verspüren, im Krankenstand oder in der Freizeit zu arbeiten.
Parallel schätzen Betriebsräte die wirtschaftliche Lage ihrer Unternehmen als zunehmend kritisch ein. Wurde sie 2024 noch zu 67 Prozent als positiv bewertet, sind es 2026 nur mehr 52 Prozent. Dabei sollte eine Steigerung der Produktivität doch eigentlich zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und damit zu einem besseren Ergebnis führen? Stellt sich die Frage: Wie produktiv ist Österreich wirklich? Antworten finden sich im Produktivitätsbericht des Produktivitätsrates, der Ende 2025 dem Wirtschaftsminister vorgelegt wurde.
So produktiv ist Österreich: Ein Faktencheck
Österreichs Wirtschaft ist in vielen Teilen robust, heißt es darin. Wichtige Indikatoren würden sich jedoch rückläufig entwickeln. Einer dieser rückläufigen Indikatoren: Ausgerechnet die Arbeitsproduktivität. Diese sinke jährlich – insbesondere in der Herstellung von Waren, im Bau- und Dienstleistungssektor sowie in der Beherbergung und Gastronomie. Als positiver Ausreißer erweist sich die Information und Kommunikation, die überdurchschnittlich in der Produktivität gewachsen sei. Insgesamt aber – und das ist ein wichtiger Faktor – gehen geleistete Arbeitsstunden pro erwerbstätiger Person zurück, die Teilzeitquote bei Männern und Frauen steigt. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit liegt laut Statistik Austria mittlerweile bei 29,4 Stunden – vor zwanzig Jahren waren es noch rund 35 Stunden.
Der demografische Wandel verschärft die Situation. Es mangelt an Arbeitskräften. Dennoch steigt die Quote der Erwerbstätigen und erreichte mit rund 4,5 Millionen einen Höchststand. AMS-Chef Johannes Kopf formulierte es einmal so: „Mehr Beschäftigte leisten in weniger Stunden weniger.“ Ist der gestiegene Druck auf den Einzelnen also nur Einbildung?
Gar nicht so fleißig?
Eine Einordnung gibt Andreas Reinstaller, Senior Principal Economist des Produktivitätsrates. Er betont im KURIER-Gespräch erneut, dass „alle Indikatoren auf einen starken Rücklauf der Produktivität hindeuten“. Insbesondere das Phänomen der „Arbeitskräftehortung“ (Unternehmen haben einige Zeit lang versucht, Mitarbeiter trotz geringerer Auslastung zu halten) hätte einen negativen Einfluss gehabt.
Seit Mitte 2024 habe sich die Situation aber gedreht. Betriebe hätten begonnen, zunehmend zu rationalisieren, Arbeitsflüsse zu optimieren, individuelle Aufgabengebiete zu erhöhen. „Das kann man nicht von der Hand weisen, auch wenn es sich in der Form nicht in offiziellen Statistiken niederschlägt“, sagt Reinstaller. Selbst bei einem kurzen konjunkturellen Aufschwung wären Unternehmen vorsichtig, Arbeitskräfte wieder aufzustocken. Der Leistungsdruck innerhalb der Unternehmen könne also durchaus gestiegen sein, schlussfolgert der Ökonom. Fragt sich, wie lange sich dieser von den Arbeitenden aushalten lässt.
Bildung als Schlüssel
Für ÖGB-Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi ist klar: „Die arbeitende Bevölkerung ist keine Maschine.“ Wer das Arbeitstempo ständig erhöhe, gefährde die Gesundheit. Das verdeutlicht der vergangene Woche präsentierte Wifo-Fehlzeitenreport 2026. Die Anzahl kurzer Krankenstände ist so hoch wie nie. ÖGB und AK plädieren deshalb dafür, Gesundheit als Produktivitätsfaktor anzuerkennen. Die Forderung: Es braucht altersgerechte Arbeitsplätze, damit Beschäftigte auch gesund in Pension gehen können.
AK-Direktorin Silvia Hruška-Frank pocht außerdem auf mehr Weiterbildung: „Wenn die Menschen die nötige Qualifikation bekommen, gewinnen sie Sicherheit, statt von der Einführung einer neuen Technologie überfordert zu werden.“
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