Hinter den Kulissen: Woher das Osterlamm kommt

Die Zahl der Schafbauern steigt, auch Lammfleisch wird beliebter. Heimische Wolle wiederum verliert an Bedeutung.
Schafe im Stall

Das Schaf bleibt ganz ruhig, als Karl Gansberger es mit geübten Griffen auf den Boden legt, um es von Kopf bis Fuß zu scheren. Nach drei Minuten hat er das Tier von seiner Wolle befreit und entlässt es zurück ins Gehege. 90 Schafe schert Gansberger hier am Hof der Familie Kinkartz im niederösterreichischen Purgstall, übers Jahr gerechnet sind es mehrere Tausend Tiere. Die Wolle, die in der Vergangenheit ein wertvoller Rohstoff war, hat mittlerweile deutlich an wirtschaftlicher Bedeutung verloren. 

„Früher haben wir Schafe gehalten, um Wolle zu produzieren, und heute ist die Wolle nur noch das Nebenprodukt“, sagt Roland Taferner, Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverbands für Schafe und Ziegen, dem KURIER. Mittlerweile verdienen die heimischen Schafbauern ihr Geld mit Schafmilch oder mit der Fleischproduktion. Gerade letztere ist ein saisonaler Markt, der stark schwankt. Rund um Ostern und Pfingsten steigt die Nachfrage wegen des sogenannten „Osterlamms“ stark an. Diese Spitzen können nur durch Importe gedeckt werden. Der Selbstversorgungsgrad bei Lammfleisch liegt in Österreich knapp unter 80 Prozent.

Bauern erhalten zwischen 110 und 170 Euro für ein Lamm

Auch Familie Kinkartz produziert Lammfleisch. Ihre Mutterschafe bekommen meist zwei Lämmer pro Jahr. Der Nachwuchs lebt nach der Geburt drei Monate lang mit der Mutter bei der Herde. Danach wird es ungefähr drei weitere Monate lang am Hof gemästet, bevor es geschlachtet wird. Je nach Gewicht erhalten Schafbauern aktuell zwischen 110 und 170 Euro für ein Lamm. Anders als bei anderen Fleischsorten schwankt der Preis beim Lammfleisch kaum, erzählt Taferner. „Wir haben über Jahre hinweg einen relativ konstanten Preis, der immer nur ein bisschen steigt.“

Während die meisten Lammfleischproduzenten nur wenige Tiere halten und ihre Höfe im Nebenerwerb betreiben, sind die Schafmilchbetriebe meist deutlich größer und umfassen bis zu 300 Tiere. Geschoren werden müssen aber fast alle Schafe, je nach Rasse ein- bis zweimal pro Jahr. Für viele Schafbauern war die Wolle in der Vergangenheit  eine kleine Nebeneinnahme, durch die zumindest die Kosten für den Besuch des Schafscherers gedeckt wurden.

Schafscherer

Schafscherer Karl Gansberger braucht nur wenige Minuten, um ein Schaf zu scheren.

Schafschermaschine

Er nutzt eine starke Schermaschine, um das dichte Fell zu schneiden.

Wolle Vlies

Die Wolle wird meist als "ganzes Vlies" geschoren, was die Weiterverarbeitung vereinfacht.

Wolle Schafscherer

Familie Kinkartz sammelt die Wolle, jedoch nicht für den Verkauf, sondern zum Düngen.

Keine Abnehmer mehr für heimische Wolle

Zwischen 30 und 80 Cent erhielt Familie Kinkartz bisher pro Kilogramm. „Seit letztem Jahr haben wir aber gar keinen Abnehmer mehr für unsere Wolle“, erzählt Roswitha Kinkartz. Statt dass aus dem Naturmaterial also Pullover oder Socken hergestellt werden, wird die Wolle zum Düngen auf dem eigenen Hof verwendet. 

Die Reinigung und Aufbereitung für die Textilindustrie ist aufwendig.  Denn österreichische Wolle wird meist im Inland oder im europäischen Ausland bearbeitet. Damit ist sie teurer als Produkte, die im Ausland unter günstigeren Bedingungen hergestellt werden. „Die neuseeländische Wolle wird beispielsweise in China gewaschen und landet dann billig auf dem Weltmarkt. Da können wir in Europa preislich nicht mit“, sagt Taferner. Auch Kunststofffasern sind um einiges günstiger als Wolle, weshalb die meisten Kleiderproduzenten lieber darauf zurückgreifen. 

Dass künstliche Materialien günstiger sind als natürliche, gilt auch in der Baubranche. Trotzdem gebe es einen Trend zum nachhaltigen Hausbau mit Wolle.  „Sie dämmt super. Aber wir können in der Baubranche weniger an Wertschöpfung herausholen als in der Textilproduktion, weil die Preisspanne sehr gering ist.“  

Der Weg vom Rinder- zum Schafbauern

Trotz der Herausforderungen wird es immer attraktiver, Schafe zu halten: Die Zahl der Betriebe ist in den vergangenen Jahren gestiegen, erzählt Taferner. Hintergrund ist häufig der Umstieg von der Milchviehhaltung zur Schafhaltung. „Gerade bei kleinen Betrieben mit acht bis zehn Milchkühen wollen die Nachkommen die Fläche oft weiter bewirtschaften und steigen auf die extensivere Schafhaltung um“, sagt Taferner. Außerdem gebe es viele Neueinsteiger, die Schafe etwa zur Weide- und Landschaftspflege oder auch zur Direktvermarktung halten würden.

Auch der Hof von Familie Kinkartz war bis zur Übernahme im Jahr 2016 ein Milchviehbetrieb mit Anbindehaltung. Das junge Paar hätte viel Geld investieren müssen, um den Stall umzubauen und den Betrieb weiterführen zu können. Familie Kinkartz entschied sich für den Umstieg auf die Schafhaltung und baute in Eigenregie Gehege in den Stall ein.  

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