OMV-Chef Rainer Seele 2019 mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi,  Mohammed Bin Zayed al Nahyan 

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Wirtschaft von innen
03/10/2020

OMV-Mega-Deal im zweiten Anlauf

Warum der OMV-Miteigentümer Abu Dhabi jetzt eine Kehrtwende beim Chemiekonzern Borealis macht.

von Andrea Hodoschek

Die Gespräche hatten höchste Vertraulichkeitsstufe. OMV-Chef Rainer Seele und sein neu in den Vorstand aufgestiegener Kollege Thomas Gangl waren in den vergangenen Monaten immer wieder nach Abu Dhabi geflogen, um mit dem Staatsfonds Mubadala, der 24,9 Prozent am heimischen Öl- und Gaskonzern hält, zu verhandeln.

Man einigte sich. Die OMV soll die Mehrheit am gemeinsamen Chemiekonzern Borealis übernehmen, für 4,68 Milliarden Dollar ihren Anteil von 36 auf 75 Prozent aufstocken. Der mit Abstand größte Deal seit Bestehen der OMV und der zweitgrößte in der Wirtschaftsgeschichte dieser Republik.

Für die teilstaatliche OMV eine Änderung ihrer Strategie, weg vom reinen Öl- und Gaskonzern ins profitablere Chemie- und Kunststoffgeschäft. Auch wenn Borealis, weltweit sechstgrößter Hersteller von Kunststoffen auf Ölbasis sowie Düngemitteln, im Vorjahr etwas weniger Gewinn (872 Millionen Euro) einfuhr, ist das 6.600 Mitarbeiter große Unternehmen die Cashcow der OMV.

Zwar wird das Geschäft mit Düngemitteln mühsamer, aber Kunststoffe boomen nach wie vor und Borealis setzt stark auf Recycling. Der Deal muss auch im Zusammenhang mit den Expansionsplänen für den Kunststoffproduzenten Borouge gesehen werden, einem Joint Venture in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Der OMV-Aufsichtsrat sollte das Projekt bereits in der letzten Sitzung Anfang Februar absegnen. Seele war jedoch etwas zu flott unterwegs, die Aufsichtsräte forderten ausführlichere Informationen ein. Am Mittwoch steht Borealis erneut auf der Tagesordnung, die Kapitalvertreter seien inzwischen überzeugt, wie man hört. Anzunehmen, dass auch die Betriebsräte dafür stimmen.

Kapitalbedarf

Die große Frage ist, warum verkaufen die Abu Dhabis? Wollten sie doch noch vor einigen Jahren ihre Anteile an Borealis und an der OMV unbedingt massiv aufstocken. Was am erbitterten Widerstand des damaligen OMV-Chefs Gerhard Roiss scheiterte. Der Streit um Borealis war mit ein Grund für seinen vorzeitigen Abgang.

Der Grund für die Kehrtwende ist ziemlich banal – Mubadala braucht Kapital. Der Schaden durch die korrupten Machenschaften des exzentrischen Khadem al Qubaisi, Chef der Vorgänger-Gesellschaft IPIC und ehemals Vize-Aufsichtsratschef von Borealis, ging in die Zig-Milliarden. Der Börsegang der saudi-arabischen Aramco, bei dem die Abu Dhabis aus politischer Räson mitmachten, ist nicht gerade eine Erfolgsstory. Obendrein das Engagement im Jemen-Krieg.

Mubadala verkaufte bereits das Chrysler-Building in New York an ein Konsortium des Immo-Tycoons René Benko. Der Staatsfonds will sich breiter aufstellen und geht in weniger öllastige Bereiche. Das Angebot aus Österreich ist lukrativ. Die Partner vom Golf investierten bisher drei Milliarden Dollar in Borealis.

Um den Deal zu stemmen, muss Seele Assets verkaufen. Die OMV fuhr im Vorjahr einen Cashflow von insgesamt 4,3 Milliarden Euro ein, aber Seele kann nicht alles auf die Borealis-Karte setzen. Derzeit ist noch nicht fix, wovon sich die OMV trennen wird. Die Rede ist von einer Desinvestition zwischen einer und zwei Milliarden Euro. Das wird der Job von Upstream-Vorstand Johann Pleininger.

Kritische Infrastruktur

Möglicherweise wird die Mehrheit an der Gas Connect Austria verkauft, die das heimische Gasnetz betreibt. Das wäre freilich kritische Infrastruktur und würde heftige politische Debatten auslösen.

Spekulationen, die Partner vom Golf hätten als Druckmittel für den Deal die Verlängerung des Syndikatsvertrages mit der Republik (hält 31,5 Prozent) eingesetzt, werden von allen Seiten zurückgewiesen. Seele muss jedenfalls zügig liefern, sein Vertrag läuft in zwei Jahren aus.

Borealis ist auch der Grund, warum Seele, wie berichtet, die Beteiligung am russischen Achimov-Gasfeld aufgeschoben hat. Der Einstieg in Sibirien war sein erstes großes Projekt als neuer OMV-Chef.

Frau im Vorstand

Kaum zu glauben, aber in den Konzernvorstand der OMV wird erstmals eine Frau einziehen. Am Mittwoch steht auch die Aufstockung des derzeit vierköpfigen Gremiums auf der Tagesordnung. Die Suche hatte lange genug gedauert. Der Nominierungsausschuss wird eine internationale Managerin präsentieren, die zwar einen russischen Pass hat, aber zuletzt in den USA und in Kanada tätig war. Auf die Position hatte auch Markus Friesacher gespitzt, der sich Anfang Februar wie der KUIRER berichtete aus dem OMV-Management verabschiedet hatte.