Oliver Schmerold ist seit Juli 2010 ÖAMTC-Chef.

© KURIER/Gerhard Deutsch

ÖAMTC
01/04/2017

ÖAMTC-Chef: "Ohne Diesel wird es nicht gehen"

Oliver Schmerold, Chef des Mobilitätsklubs, tritt vehement gegen eine höhere Besteuerung auf.

von Robert Kleedorfer

Im Dezember hat der ÖAMTC seine neue, 27.000 große Zentrale in Wien-Landstraße eröffnet. Der 76-Mio.-Euro-Bau mit Hubschrauber-Landeplatz beherbergt 800 Mitarbeiter. Direktor Oliver Schmerold spricht in seinem trendigen Büro über die Zukunft der Mobilität.

KURIER: Umweltminister Andrä Rupprechter fordert seit Sommer laufend die Erhöhung der Dieselsteuer um 8,5 Cent auf das Niveau von Benzin. Nun will der ÖAMTC hingegen die Steuer auf Benzin auf das Niveau von Diesel senken. Ist das nicht purer Populismus?

Oliver Schmerold: Seit einiger Zeit hören wir von dem Dieselprivileg. Das ist aber definitiv kein Privileg, weil es ist trotzdem eine Steuer. Eine Angleichung würde die Steuerzahler 400 Millionen Euro mehr kosten und der Umwelt nichts bringen. Um das populistisch greifbar zu machen, haben wir diesen Gegenvorschlag gemacht.

Wie kommen Sie auf 400 Millionen Euro?

Die Anhebung würde den Tanktourismus zum Erliegen bringen, selbst schon bei 6 Cent laut unserer Berechnung. Die Mehreinnahmen, die nur die Österreicher zahlen würden, reichen aber nicht aus, sodass unterm Strich diese Summe fehlen würde. Um gleiche Steuereinnahmen wie bisher zu erhalten, müsste man die Mineralölsteuer sogar um 15 Cent erhöhen.

Und die Umwelt?

Bei der CO2-Bilanz würden wir zwar auf dem Papier besser dastehen, aber für die Umweltbelastung in Österreich würde es keinen Unterschied machen, weil die Frächter trotzdem ihre Routen durch Österreich haben. Nur der Treibstoff würde im Ausland getankt werden. Wir verlieren somit auf der Steuerseite, gewinnen aber nichts für die Umwelt. Der Vorschlag geht somit ins Leere.

Können Sie nachvollziehen, dass ein schwarzer Minister höhere Steuern fordert?

Wir verstehen es überhaupt nicht, weil es keinen Anreiz für Klimaschutz darstellt. Wir hoffen auf die wirtschaftliche Vernunft der gesamten Regierung und hören durchaus Signale aus anderen Ministerien, dass man mit dieser Forderung auch nicht glücklich ist.

Hat der Diesel überhaupt noch Zukunft?

Mittelfristig wird der Anteil sicher rückläufig sein, aber in den nächsten 15 bis 20 Jahren wird es ohne Diesel nicht gehen. Wir haben ja beim Diesel sehr starke technologische Entwicklungen, der Sprung nach unten bei den Abgasen ist signifikant. Der große Vorteil ist nach wie vor, dass er einen geringeren CO2-Ausstoß hat.

Wie sehr hat der VW-Skandal dem Diesel bzw. der ganzen Branche geschadet?

Extrem, weil viel Glaubwürdigkeit verloren gegangen ist. Die Hersteller bzw. Importeure sind aber zum Teil selbst schuld, weil sie mit den niedrigen Werten massiv geworben haben. Da wurden Erwartungshaltungen geweckt, die nicht erfüllbar sind. VW steht zwar am Pranger, aber offenbar gibt es auch andere, die unter Ausnutzung gesetzlicher Freiräume getrickst haben. Die angegebenen Verbrauchswerte sind nicht realistisch und die Schere ist zum Realbetrieb in den letzten Jahren immer größer geworden.

Wird es bald Fahrverbote auch in Österreich geben?

Realistischerweise muss man davon ausgehen, dass diese Maßnahme irgendwann aufs Tapet kommt. Bei älteren Fahrzeugen wird man darüber nachdenken müssen. Man kann aber nicht Menschen, die vor drei Jahren ihr Dieselauto gekauft haben, damit drohen, nicht mehr in Städte fahren zu dürfen.

Alternative Antriebsarten werden zunehmend als DIE Zukunftslösung gepriesen. Ist die Zuversicht da nicht zu groß?

Die Elektromobilität ist definitiv ein großes Versprechen für die Zukunft. Sie hält ja schon seit längerer Zeit Einzug in die Automobile, siehe Hybride. Beim reinen E-Auto gibt es große Fortschritte. Wir sehen Reichweiten von 300 bis 500 Kilometern durchaus realistisch. Mit diesen Autos wird sich das gesamte Nutzungsverhalten ändern. So werden wir künftig jeden Tag wie beim Handy Energie tanken. Das Laden ist auch der wichtigste Hebel, um E-Autos zum Durchbruch zu verhelfen. Die Ladeinfrastruktur muss gefördert werden.

Wieso?

Wenn man weder auf dem Arbeitsplatz noch daheim laden kann, kommt ein Fahrzeug nicht infrage. Im Gegensatz zu Tankstellen braucht man Ladestellen flächendeckend. Auch weil die Verweildauer länger ist. Im Idealfall müsste jeder dritte Abstellplatz im öffentlichen Raum eine Lademöglichkeit haben, denn niemand fährt extra jeden Tag zum Laden einen Umweg und wartet lange, bis der Vorgang fertig ist. Diese hohe Zahl ist aber natürlich nicht realistisch, auch wegen der Kosten von im Schnitt 20.000 bis 50.000 Euro je Station.

Und E-Autos sollte man nicht fördern?

Wir haben Bedenken, weil die Förderung wird faktisch nicht angenommen, weil die Fahrzeuge noch immer zu teuer sind. Und mit Steuergeld einen Käufer zu fördern, der es sich ohnehin leisten könnte und kaufen würde, ist nicht zielgerecht. In Norwegen wurden mit der Förderung E-Autos zu 93 Prozent als Zweit- oder Drittauto angeschafft. Eine Umstiegsprämie für den Altbestand wäre sinnvoller für die Umwelt.

Ein Zukunftsthema ist auch autonomes Fahren.

Teilautomatisiertes Fahren kommt mit Sicherheit in den nächsten Jahren. Vollautonomes Fahren wird 15 bis 20 Jahre dauern und dann nur im Freiland. Denn dort ist die Verkehrssituation klar definiert. In der Stadt hingegen gibt es viel zu viele unplanbare Faktoren.

Autonomes Fahren könnte, so wird öfters behauptet, zu einer Zunahme an Autos führen, da etwa auch ältere Menschen dann noch fahren. Gibt es nicht schon jetzt zu viel Verkehr?

Wir sind nicht der Meinung vieler Politiker, einfach nur das Platzangebot künstlich zu verknappen, dann werden die Menschen schon aufs Autofahren verzichten. Es macht durchaus Sinn, die Benutzung in der Stadt zu reduzieren, aber jeder soll die Möglichkeit haben, ein Fahrzeug zu besitzen und gewisse Wege zurückzulegen. Wenn ich an die großen Stadterweiterungsgebiete denke, wird eine Verknappung nicht funktionieren. Es fehlt an Park-&-Ride-Anlagen. Und irgendwann hat auch der öffentliche Verkehr seine finanziellen Grenzen erreicht.

Ein Reizthema sind immer wieder Radwege ...

Wir sind nicht gegen den Ausbau von Radwegen. Aber man braucht nicht für jeden Häuserblock einen. Zudem sollten sie viel flexibler nutzbar sein. Im Winter, wo nur wenige mit dem Rad fahren, könnten sie fürs Parken genutzt werden.

Unbill gibt es derzeit auch beim Thema "Deutsche Maut"...

Wir bestärken Österreichs Verkehrsminister, dass er ein Vetragsverletzungsverfahren anstrengt. Denn wir müssen davon ausgehen, dass es zu einer Ungleichbehandlung von EU-Bürgern und Deutschen kommt. Das muss vom Europäischen Gerichtshof geprüft werden.

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