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wirtschaft von innen
12/06/2021

Öffi-Tickets: Monsterprojekt One Mobility

Die neue Verkaufsplattform für alle öffentlichen Verkehrsunternehmen kommt nur holprig auf Schiene, Kritik an Dominanz der ÖBB.

von Andrea Hodoschek

Gemessen an den Ausschreibungskriterien des Klima-Ministeriums müsste der neue Geschäftsführer der One Mobility GmbH ein regelrechter Wunderwuzzi sein. Führungserfahrung, Kenntnisse im Vergaberecht, fundierte Kenntnisse im öffentlichen Personenverkehr, Erfahrung mit Stakeholdern, besondere Eignung zur Personalführung, ausgezeichnete kommunikative Fähigkeiten etc. werden gefordert. Dienstantritt sollte Jänner 2022 sein.

Tatsächlich wartet auf den neuen Chef eine Mammutaufgabe. Er muss nach dem Start des 1-2-3-Tickets das nächste Vorzeigeprojekt der Regierung und vor allem der grünen Klima-Ministerin Leonore Gewessler realisieren. Die öffentlichen Verkehrsunternehmen und Verbünde sollen künftig ihre Tickets über eine gemeinsame Vertriebs-Plattform verkaufen, die neu gegründete One Mobility.

Noch ist nichts entschieden, aber der neue Chef steht so gut wie fest – Jakob Lambert, 38, Projektleiter im Ministerium. Der ehemalige Linzer SPÖ-Gemeinderat hat das Klimaticket gut hingekriegt. Eine digitale Vertriebsplattform für alle Anbieter wird allerdings noch schwieriger.

„Hinterhältig“

Da sind die föderalistischen, unglaublich komplexen Strukturen des öffentlichen Verkehrs mit kompliziertesten Tarifmodellen. Eine Geheimwissenschaft. Dann wäre noch die Vormachtstellung der ÖBB. OneMobility ist de facto der Ticketshop der ÖBB, ein Klon sozusagen, der in die neue Gesellschaft One Mobility eingebracht wird. Eine „ganz perfide, hinterhältige Aktion“ von Herbert Kasser, mächtiger Generalsekretär im Klima-Ministerium und bester Freund der ÖBB, sei das gewesen, empören sich Verkehrs-Manager. Anstatt alle interessierten Unternehmen von Beginn an ins Boot zu holen, sei die Staatsbahn bevorzugt worden. So startete der Verkauf des Klimatickets über den ÖBB-Ticketshop. Namentlich lässt sich niemand zitieren, man will es sich mit Gewessler lieber nicht verscherzen.

So ganz von der Hand zu weisen ist die Kritik nicht. 131 Millionen ließ sich die Staatsbahn die Neuaufstellung ihres viel zu groß dimensionierten Ticketshops kosten, der Rechnungshof zerpflückte das Projekt und empfahl den Ausbau zu einem zentralen Vertriebssystem für den gesamten öffentlichen Verkehr.

One Mobility sei zwar das ÖBB-System, aber technisch und gesellschaftsrechtlich von der Bahn abgehängt und neutral gestellt worden, beteuert man im Ministerium.

Kundendaten

Das mit der Neutralität bezweifeln einige Verkehrsanbieter freilich heftig. Sie befürchten, die Bahn könnte trotzdem auf ihre wertvollen Kundendaten zugreifen.

Die ÖBB wiederum soll auch nicht sehr glücklich darüber sein, ihre Entwicklung für andere Anbieter öffnen zu müssen.

Zur Klarstellung: One Mobility ist eine Clearing- und Abrechnungs-Plattform im Hintergrund, gegenüber den Öffi-Kunden tritt sie nicht direkt in Erscheinung. Um die Neutralität zu gewährleisten, sollen neben der ÖBB alle öffentlichen Verkehrsunternehmen und Verbünde als Partner an Bord kommen, Anteile zeichnen und „diskriminierungsfrei dort ihre Tickets verkaufen können“, argumentiert man im Ministerium.

Gewessler freut sich, „dass dieses Projekt nun Schritt für Schritt Form annimmt. Mit der Gründung der One Mobility haben wir den Grundstein gelegt, im nächsten Jahre kommen die ersten Partner an Bord“. Gemeinsam könne man „Synergien heben und effizienter investieren“.

Diese Partner lassen künftig ihren Fahrkartenverkauf über One Mobility laufen. Neben dem ÖBB Personenverkehr haben etwa der Vorarlberger Verkehrsverbund und die Innsbrucker Verkehrsbetriebe zugesagt. Oberösterreich soll bald folgen. In Ostösterreich hält sich die Begeisterung in Grenzen, die Wiener Linien oder der VOR planen nicht, anzudocken.

Bei den Jahreskarten sind die Wiener Linien führend. Vor Corona wurden (inklusive Studenten und Schüler) an den 10 Servicestellen 1,2 Millionen Jahres-Tickets verkauft. „Gut funktionierende Vertriebssysteme sind bei den Verkehrsbetrieben vorhanden. Es war immer unser Wunsch, diese auch für das Klimaticket zu nutzen“, sagt Geschäftsführerin Alexandra Reinagl. Beim Klimaticket müsse der digitale Vertrieb der nächste Schritt sein. Online kann das Ticket derzeit nämlich nur bei One Mobility erstanden werden.

„Die Dominanz der ÖBB freut uns nicht, aber haben Sie eine bessere Idee?“, seufzt der Manager eines regionalen Verbundes. In die Abhängigkeit der großen Anbieter im Osten wolle man sich schließlich auch nicht begeben. Und wenn alle sofort andocken wollten, würde das System ohnehin zusammenbrechen.

andrea.hodoschek@kurier.at

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