Wirtschaft
01.10.2018

Österreichs Stahlbauer feilen an besserem Image

Vorurteile und Gesetzeshürden: Unternehmen fühlen sich trotz internationaler Erfolge im eigenen Land diskriminiert.

„Das Image von Stahl ist angekratzt“ oder „Stahl kann brechen“ – es sind Sätze wie diese, die Thomas Berr nach Erdbebenunglücken oder Brückeneinstürzen fassungslos machen. Dem Präsidenten des Österreichischen Stahlbauverbandes ist beim Hören solcher Nachrichten schon der Kaffeelöffel aus der Hand gefallen. „Stahl bricht nicht, Stahl verbiegt sich“, sagt Berr und kommt damit auf einen der vielen Mythen zu sprechen, gegen die heimische Stahlbauer kämpfen.

Noch immer fühlt sich die Branche gegenüber Holz und dem Massivbau, also Bauten aus Beton oder Ziegel, diskriminiert. Bauordnungen und Brandschutzverordnungen würden Stahl benachteiligen. Stahlgebäude würden im Brandfall einstürzen, so die landläufige Meinung. „Seit dem Zweiten Weltkrieg ist so etwas bei uns nicht mehr passiert“, sagt Berr. Stahl senke sich im Brandfall langsam ab, der Tod von Brandopfern trete meist durch Rauchgasvergiftung ein. Wolle man für einen besseren Brandschutz sorgen, so solle man sich auf Fluchtwege und passiven Brandschutz (Maßnahmen, die den Ausbruch von Bränden verhindern) konzentrieren.

Die positiven Eigenschaften von Stahl sind vielfältig, so Berr. Am Bau könne man große Teile vorfertigen, wodurch die Bauzeit minimiert werde. Stahl sei zu fast 100 Prozent recyclebar und langlebig. Wenn eine Konstruktion verstärkt werden muss – wie bei Brücken aus den 70-er Jahren, die heute wesentlich mehr Verkehr aushalten müssen als früher – sei das durch Anschweißen oder Anbauten gut möglich. Auch Ermüdungen seien leichter zu erkennen. Der Brückeneinsturz in Genua im August wäre nicht passiert, wäre das gerissene Stahlteil nicht mit Beton verhüllt gewesen. „Ermüdungen sind beim Stahl sehr gut ermittelbar“, so Berr.

Weltweite Spitze

Das schlechte Image schmerzt die Branche doppelt, denn österreichische Stahlbauunternehmen zählen weltweit zu den besten, meint Peter Zeman, Eigentümer des Stahlbau-Unternehmens Zeman & Co. „Österreichische Stahlbauer haben schon oft gezeigt, was sie alles können.“ Ob in London, Dubai oder Abu Dhabi, die Qualität und Präzision der Bauwerke sei ein weltweites Alleinstellungsmerkmal. „Wären sie nicht effizient und qualitativ hochwertig, würden sie nicht in so vielen Ländern Aufträge bekommen“, sagt Zeman. Eine der spektakulärsten Bauten aus jüngerer Zeit mit österreichischer Beteiligung ist die Elbphilharmonie in Hamburg.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Branche könnte trotz aller Prestigeobjekte besser sein. „Mit dem Volumen sind wir zufrieden, aber nicht mit dem Preis“, sagt Berr. Stahl sei meist nur einer von vielen Teilen eines Bauwerks, weshalb Stahlbauer oft nur als Subunternehmer auftreten würden. Während in Österreich im Wohnbau Stahl die Ausnahme sei, sei er bei Industrieanlagen und bei Infrastrukturprojekten nicht substituierbar. Berr ist für die Zukunft positiv gestimmt. Vor allem Investitionen in die heimische Infrastruktur, wie der Ausbau der Bahn, sollen der Branche Aufträge bringen.

Höchstleistungen

Die Hoffnung ist nicht unberechtigt. „Zwei Milliarden Euro investiert die Bahn heuer in die Infrastruktur“, sagt ÖBB-Chef Andreas Matthä. Das Geld fließe zum einen in Schienen, aber auch in Bewehrungsstahl, der sich in vielen Betonteilen befindet, in den Tunnelbau und in die Modernisierung der Bahnhöfe. Die Stahlkonstruktion des Dachs am Salzburger Hauptbahnhof gilt in Österreich als eines der Vorzeigeprojekte der Stahlbauer.

Zahlen zur Branche sind Mangelware. Die Exporte sollen 2017 bei 1,4 Milliarden Euro und die Beschäftigungszahl bei 18.500 gelegen sein.

Doch auch Stahl kann an Grenzen stoßen. Wände und Decken sind im Wohnbau aus hall- und wärmetechnischen Gründen nicht ideal. Holz oder Beton eignen sich da besser. Die Holzbauer sehen sich nicht als Antagonisten der Stahlbauer. „Wir haben keinen Krieg, jedes Material hat seine Berechtigung“, sagt Erich Wiesner, Obmann des Fachverbandes der Holzindustrie Österreichs.

Holz und Stahl würden oft zusammenarbeiten. Holz habe eine bessere Ökobilanz und würde ein wärmeres, natürlicheres Raumambiente schaffen. „Beide Materialien können aber Höchstleistungen bringen“, sagt Wiesner. Mit Holz könne man genauso wie mit Stahl 200 Meter frei gespannte Hallen bauen.