Rohstoffe in Österreich: „Wir kennen nur die obersten Meter des Untergrunds“
Österreich könnte bei einzelnen kritischen Erzen durchaus einen Beitrag zur Selbstversorgung Europas leisten, sagt Frank Melcher, Professor für Geologie und Lagerstättenlehre an der Montanuniversität Leoben. Das gelte neben Wolfram, das bereits in großem Stil abgebaut wird, eine Zeit lang für Lithium, aber auch für Graphit, Germanium, Gallium, Arsen, Antimon und andere mehr.
Auf jeden Fall gebe es mit Bleiberg in Österreich, (sowie geologisch verbunden in Raibl (Cave del Predil) in Italien und Mejica (Mežica) in Slowenien), "Weltklasse Lagerstätten für Blei und Zink mit Beiprodukten wie Germanium, Gallium, Cadmium, Indium, Arsen und anderen Metallen, sagte Melcher im Gespräch mit der APA. Abgesehen von den schon bekannten "Restmengen" gebe es vermutlich noch unentdeckte Ressourcen.
Historisch schon gut aufgestellt ist Österreich bei Graphit, das auch in Autobatterien für die Elektromobilität gebraucht werde. „In Österreich sind wir in den achtziger Jahren einer der weltgrößten Graphitproduzenten gewesen“, inzwischen gebe es nur mehr eine Gewinnung in Kaisersberg mit weniger als 1.000 Tonnen pro Jahr. „Also, da gibt es ein großes Potential“, sagt Melcher. Zwar vermutlich nicht für Massenware wie Batteriegraphit, aber es gebe zahlreiche spezialisiertere Anwendungen.
Erfolgsgeschichte Wolfram
In den letzten Jahrzehnten neu gefunden wurden in Österreich Lithium und Wolfram. Aber während bei Lithium „noch kein Gramm gewonnen wurde“, hat Österreich das erst Ende der 1960er-Jahre entdeckte Wolfram-Vorkommen groß ausgebaut. „Wie man bei Wolfram sieht, kann man es innerhalb von 30 Jahren schaffen, zu einem Weltmarktführer bei einem Rohstoff zu werden, für den man keine Historie hatte“, so Melcher. Auch werde intensiv, wenn auch bisher erfolglos, nach weiteren Vorkommen gesucht, „weil man sagt, wo eine große Lagerstätte ist, werden noch weitere Vorkommen sein“.
Österreichs Erzvorkommen meist seit dem Mittelalter bekannt
In Österreich sind über 6.000 Erzvorkommen belegt, sehr viele sind seit dem Mittelalter, einige bereits seit mehreren Tausend Jahren bekannt. „Wir sind nicht rohstoffarm, so wie es immer gesagt wird“, betont Melcher. Die oberflächennahen Vorkommen seien aber „in den letzten paar hundert Jahren mehr oder weniger abgebaut“ worden.
„Wir kennen in Österreich wirklich nur die obersten Meter des geologischen Untergrunds“, bedauert Melcher. Österreichs Geologie sei komplex, aber es sei wahrscheinlich, dass in der Tiefe Lagerstätten einiger Erze vorhanden sind. Nur brauche es den Willen und die Risikobereitschaft, um diese Vorkommen auch nachzuweisen. Die Geophysik könne eine physikalische Anomalie finden, nicht aber ein konkretes Element nachweisen. Dazu brauche es Bohrungen - und deren Kosten gehen rasch in die Millionen.
„Wir kennen bereits viele unserer Anomalien“, selbst wenn die Erkundungen oft aus den 1980er- oder 1990er-Jahren stammen. Diese müsste man systematisch mit Bohrungen untersuchen, wie es etwa in Kanada oder Australien geschehe. Aber das scheitere nicht nur am Geld, sondern auch an den Genehmigungen. Die Verfahren dazu seien „extrem langwierig“. Da aber statistisch nur etwa eines von 1.000 Projekten am Ende auch in die Produktion geht, sei die Hürde sehr hoch. „Ich versteh das. Aber es passiert einfach zu wenig“.
„Reich an armen Lagerstätten“
Österreich sei „reich an armen Lagerstätten“ zitiert Melcher einen seiner Vorgänger in Leoben. Es gebe also viele Fundstätten, die jeweils nur kleine Mengen liefern können. Mit moderner Technologie seien diese aber durchaus gewinnbringend auszubeuten, vor allem wenn daraus hochwertige Produkte hergestellt werden. So gebe es ein heimisches Unternehmen, das die rostanfällige Stahlverstärkung in Beton durch Basaltfasern ersetzen möchte. Allerdings werden dieses Fasern derzeit importiert, obwohl es in Österreich genügend Vorkommen von Basalt gäbe. Derzeit werden auch Roboter entwickelt, die in gefährlichen kleinen Minen die Untertage-Arbeit von Bergleuten übernehmen können.
Österreichs Chance liege unter anderem auch darin, kleine Vorkommen zehn oder zwanzig Jahre auszubeuten und dann wieder sicher zu verschließen. Er kenne das von seinen Exkursionen in den Alpen: Die Stollenmundlöcher der alten Minen seien oft kaum mehr zu finden, „man sieht das kaum mehr, das verfällt, das wächst zu“.
Melcher kritisiert die weitgehend fehlende Unterstützung von Staat wie auch der heimischen Industrie bei der Suche nach und Gewinnung von kritischen und strategischen Rohstoffen. Auch Förderungen im Rahmen des Green Deal der EU würden sich vornehmlich auf Recycling konzentrieren. Das Problem sei, dass für konkrete Bohrungen schnell einmal 10 bis 20 Mio. Euro auszugeben sind, in den Fördertöpfen lägen aber nur wenige Millionen Euro.
Alte Halden und Recycling mit schlechtem „Business Case“
Zur Zeit wird daran gearbeitet, Halden mit dem Aushub aus alten Bergbaugebieten noch einmal aufzuarbeiten, um damals nicht gewonnene Rohstoffe doch noch zu nutzen. „Das ist auch ein bisschen kurz gedacht“, meint Melcher. Zwar gebe es in Österreich „ein paar Millionen Tonnen“ Haldenmaterial, aber dieses sei weit verstreut und teilweise in hochalpinem Gelände. Oft seien nur ein paar Tausend Tonnen nutzbar und diese seien dann in ein paar Monaten in einer „ordentlich dimensionierten Anlage“ aufgearbeitet - „und was dann?“
Skeptisch beurteilt Melcher auch den Beitrag des Recyclings von seltenen Metallen aus Konsumgütern. Der Vorgang sei sehr teuer und energieaufwendig. Es komme kaum die nötige Menge zusammen, um eine Fabrik um ein paar hundert Millionen Euro hinzustellen. In einem Handy etwa stecken 60 verschiedene Metalle. Würde man sie alle herausholen, wären sie zusammen nur einen Euro wert - 80 Cent davon das verarbeitete Gold. „Das erklärt, warum niemand in größeren Mengen seltene Erden und andere kritische Metalle aus einem Handy recyclieren wird. Das ist noch kein business Case“.
Bei Autobatterien, wiederum, die bald in großen Mengen zur Entsorgung kommen sollten, gebe es das Problem, dass sich die Technologien laufend ändern - wer könne schon sagen, ob in 15 Jahren noch Lithium-Batterien vorherrschen werden, oder stattdessen Feststoffbatterien oder auf Salz-Basis laufende Speicher.
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