Tausende Erntehelfer fehlen

© boroviczeny stephan

Wirtschaft
04/25/2020

Österreich fehlen Arbeitskräfte für die Versorgung

Jeder fünfte Arbeitnehmer hat eine andere Staatsbürgerschaft – das ist kein Problem, solange es keine Krise gibt

von Marlene Penz

Erst durch die Einschränkungen durch die Corona-Krise wird deutlich, wie sehr Österreich auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Aus den Daten des Dachverbands der Sozialversicherungsträger geht hervor, dass rund 21 Prozent aller Arbeitnehmer keine österreichischen Staatsbürger sind. In zwei Sparten sind sogar mehr als die Hälfte Ausländer.

Die eine ist die Hotellerie und Gastronomie – sie steht im Moment de facto still, Arbeitskräftemangel ist kein Thema. Die andere ist die Land- und Forstwirtschaft. Dort haben 53 Prozent der Beschäftigten eine andere Staatsbürgerschaft. In diese Gruppe fallen auch die Erntehelfer. Grundsätzlich ist das kein Problem, „zu einem Problem wird es erst, wenn wie jetzt die Grenzen geschlossen sind“, erklärt Walter Medosch, Generalsekretär der Landarbeiterkammer Österreich.

Früher kam der Großteil der Erntehelfer aus den Nachbarländern oder zumindest aus EU-Staaten, hier sei die Zahl aber rückläufig. „Die Arbeitsbedingungen in diesen Ländern werden immer besser – zum Beispiel in Polen – es ist nicht mehr attraktiv, zu uns zu kommen“, nun müsse man mehr und mehr auf Drittstaaten zurückgreifen – allen voran auf die Ukraine.

Unattraktive Bedingung

Die Erntehelfer einzufliegen – wie zuerst in Tirol oder am Freitag von nö. Landwirten organisiert – , könne nur eine kurzfristige Lösung in der Krise sein. Auf lange Sicht „muss man attraktivere Arbeitsbedingungen schaffen, damit es auch Personen im Inland machen. Immer sechs Wochen befristet zu arbeiten, das will kaum jemand“. Um längerfristige Beschäftigung „für das ganze Jahr“ zu garantieren, wäre eine Genossenschaft eine Lösung. „Dort schafft man einen Pool mit Arbeitskräften, die das ganze Jahr über in unterschiedlichen Betrieben bei verschiedenen Tätigkeiten eingesetzt werden.“ Ähnliches erwägt man auch bei der Landwirtschaftskammer. Doch das ist Zukunftsmusik und ist die Spargelernte geschafft, stehen die Erdbeeren an.

Ein gravierendes Personal-Problem im Bereich der Versorgung zeigt sich nun auch im Lebensmittelgewerbe bei den Schlacht- und Zerlegebetrieben. „Hier sind rund 80 Prozent der Beschäftigten aus dem Ausland“, erklärt Richard Franta, Branchenvertreter in der Wirtschaftskammer. Die meisten kommen aus Ungarn, gefolgt von Tschechien, der Slowakei und Slowenien, sehr viele pendeln. Am Anfang der Covid-19-Krise sei das eine riesen Herausforderung gewesen: „Durch die Beschränkungen in ihren Heimatländern war das auf einmal nicht mehr möglich. Die Produktion musste aber aufrechterhalten werden.“

Viele Schlachtbetriebe organisierten Unterkünfte und kamen für die Logis auf. Nun gebe es „zumindest mit einigen Ländern“ Abkommen. Eine Möglichkeit hier in Zukunft dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter vermehrt aus dem Inland kommen, sieht Franta nicht: „Der Job ist hart, körperlich anstrengend und man braucht eine fachliche Ausbildung, das wollen sich nicht viele antun.“ Das Billiglohn-Argument komme hier auch nicht zum Tragen, denn „die lassen sich ihre Arbeit schon etwas kosten, sie wissen, was sie wert sind.“

Kein volles Hochfahren

Eine der Branchen, die trotz Corona-Maßnahmen (fast) durchgearbeitet hat, ist die Baubranche. Aber auch hier gibt es „auf den Großbaustellen kein volles Hochfahren“, wie Baugewerkschafter Josef Muchitsch betont. Grund dafür seien ebenfalls Arbeiter aus dem Ausland, die jetzt nicht einreisen können. Ende Februar gab es laut Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse 108.762 Beschäftigte auf den heimischen Baustellen, 43.191 davon waren ausländische Bauarbeiter (39,7 %).

Im Vorjahr waren 3.797.317 unselbständig Beschäftigte bei den Sozialversicherungen gemeldet, 799.489 davon mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft, das ist rund jeder fünfte Arbeitnehmer.

Ausländerquote 2019 in den Branchen
nach Daten des Dachverbands der Sozialversicherungsträger

Land- und Forstwirtschaft, Fischerei: 53 Prozent (13.393 Beschäftigte)

Gastronomie und Hotellerie: 52 Prozent (114.038 Beschäftigte)

Baugewerbe: 30 Prozent (80.968 Beschäftigte)

Verkehr und Lagerei: 26 Prozent (53.222 Beschäftigte)

Warenherstellung: 20 Prozent (123.393 Beschäftigte) 

Die meisten kommen aus Ungarn, gefolgt von Polen und Rumänien. „Es kommt hier zu Engpässen, viele Sub-Firmen und ihre Fachkräfte fehlen – diese haben sich auf Nischen spezialisiert, die machen österreichische Firmen nicht mehr – das sind zum Beispiel Putztrupps, Eisenbieger oder Trockenbauer“, erklärt Muchitsch. Das führe aber auch zum Nachdenken in der Bauwirtschaft: „Vielleicht sollten wir uns wieder unabhängiger strukturieren. Im März waren knapp 30.000 Arbeiter beim AMS gemeldet – da sind viele geparkt, die derzeit nicht einreisen können.“

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