Die getroffenen Maßnahmen könnten schwere Wirtschaftskrise zur Folge haben.

© APA - Austria Presse Agentur

Wirtschaft
04/28/2020

Ökonom zur Corona-Krise: "Die Maßnahmen folgen der Panik"

Ökonom Rahim Taghizadegan übt scharfe Kritik an Notenbanken sowie Regierungen und warnt vor größter Wirtschaftskrise aller Zeiten.

von Robert Kleedorfer

Der Wiener Ökonom Rahim Taghizadegan spricht im KURIER-Interview über die wirtschaftlichen Folgen der Krise.

KURIER: Corona hat Regierungen überrascht und Schwachstellen im System aufgezeigt. Die medizinischen Herausforderungen sind enorm, aber auch die wirtschaftlichen Konsequenzen dürften einschneidend sein? Wie sehen Sie die Lage?

Rahim Taghizadegan: Die Pandemie ist kein "Schwarzer Schwan", kein plötzlicher Schock von außen, sondern kam mit langer Vorwarnzeit. Schockierend sind die Versäumnisse der meisten Regierungen und ihre verspäteten Panikreaktionen. Dieser Schock verbindet sich mit einem Ölpreisschock und der Korrektur der größten Blase aller Zeiten, die alle Vermögenswerte aufgebläht hatte. Es könnte daher auch die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten werden. Noch schlimmer als die Produktionsausfälle sind die meisten wirtschafts- und geldpolitischen Maßnahmen zur Schadenswiedergutmachung.

Was haben negative Ölpreise zu bedeuten?

Sie waren absehbar. Die Kurse spiegeln nicht mehr die wirtschaftliche Realität, sondern die geldpolitische Maßlosigkeit wider, daher war der Ölpreisverfall ein erneuter Ordnungsruf dieser Realität. Die dramatische Verbrauchsreduktion führt zur Überforderung der Lagermöglichkeiten, sodass bei physischer Lieferung kaum noch jemand annehmen kann. Das führt kurzzeitig zu negativen Preisen.

Die meisten Notenbanken haben ihr Pulver bereits verschossen. Kann die Bereitstellung unbegrenzter Liquidität, wie es EZB und Fed in Aussicht stellen, den Abschwung noch verhindern?

Produktionsausfälle können nicht durch Umverteilung oder Geldschöpfung ungeschehen gemacht werden. Die Maßnahmen können Kurskorrekturen durch weitere Vermögenswertinflation abschwächen, hinauszögern und vorübergehend umkehren. Das wird die ohnehin schon immense Verzerrung der Wirtschaft vergrößern und damit die Grundlage eines nachhaltigen Aufschwungs weiter untergraben. Geldschöpfung kann keine Kaufkraft schaffen, sondern nur umverteilen.

Können sogenannte Corona-Bonds in der Eurozone eine brauchbare Antwort auf die Krise sein?

Nein. Solche Anleihen würde letztlich ohnehin die Zentralbank zur Kursstützung aufkaufen müssen. Nur Anleihen von Ländern, die aufgrund hoher Steuermoral in Zukunft potenziell noch mehr Steuern erheben können, sind jetzt noch marktgängig, eine Eurozonen-Anleihe würde mangels EU-Finanz wenig glaubwürdig sein. Da die Zentralbank ohnedies nahezu unbeschränkt Geld schöpft, wäre dieses Instrument auch nur Fassade, ein wenig Umverteilung zu den bereits überschuldeten Staaten und symbolischer Auftakt zu einer Fiskalunion.

Wie dauerhaft und tiefgehend werden Wirtschaft und Finanzmärkte geschädigt?

Der größte Schaden geschah vor der Pandemie und wird nach der Pandemie wohl fortdauern: die völlige Verzerrung der Produktionsstruktur durch maßlose Geldpolitik. Nun brechen weitere Dämme, damit werden aber auch die Verzerrungsfolgen und Probleme dieser Geldpolitik deutlicher werden. Wie historische Wirtschaftskrisen zeigen, wird der Schaden meist erst danach durch politische Interventionsspiralen wirklich dauerhaft und tiefgehend.

Ab welchem Zeitpunkt sind die gesetzten Maßnahmen nicht mehr gerechtfertigt, sprich, werden die Kollateralschäden in Wirtschaft und Gesellschaft zu groß?

Sie sind schon jetzt zu groß, wenn die gewonnene Zeit nicht besser genutzt wird. Die aktuellen Maßnahmen folgen der Panik nach dem Versäumnis zeitgerechten Handelns, das Hinweis auf schwindende Lernfähigkeit und Kompetenz in westlichen Gesellschaften ist. Jetzt braucht es rapides Durchtesten repräsentativer Teile der Bevölkerung, um endlich vom panischen Blindflug zu evidenzbasiertem Handeln zu kommen. Und Freiraum für die Aktivierung aller unternehmerischen, medizinischen und zivilgesellschaftlichen Reserven, um diese Pandemie zu überwinden. Wahrscheinlich wird aber der Schaden durch die politische Schadenswiedergutmachung noch vergrößert werden.

Wie wird die EU nach der Corona-Krise aussehen?

Nominal wird sie nahezu unverändert als kafkaesker Papiertiger weiterbestehen, real könnte sie auf ihren einzig funktionellen Kern reduziert werden, den Waren- und Personenverkehr langsam wieder aus der Schockstarre zu befreien und den sonst wahrscheinlichen Protektionismus nach der Pandemie zu verhindern.

Was empfehlen Sie Anlegern in dieser Zeit?

Wer jetzt panisch Empfehlungen sucht, ist für dieses Mal wohl zu spät dran. In einer Krise ist Liquidität das Wichtigste, daher der Dominoeffekt der Liquidierung von Vermögenswerten. Zuerst drängt alles in Kontoguthaben, Bargeld, kurzfristige Staatsanleihen. Im Zuge der Geldschöpfung, die noch steiler verläuft als die Infektionskurve der Pandemie, drängt es dann in nicht beliebig vermehrbare, aber hinreichend liquide Assets. Anleger brauchen jetzt harte Nerven, es droht deflationärer Schock durchsetzt von inflationären Sprüngen, vermutlich endend in langer Stagflation (wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitiger Inflation, Anm.) für jene europäischen Staaten, die lernunfähig bleiben.

Befürchten Sie sogenannte Zweitrundeneffekte aufgrund steigender Insolvenzen und hoher Arbeitslosigkeit oder erwarten Sie eine rasche Erholung in der zweiten Jahreshälfte 2020?
Eine rasche reale Erholung erwarte ich nicht; nominale Strohfeuer, das heißt kurze Börseneuphorien nach vermeintlich guten Nachrichten, wird es aber gewiss geben.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.