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09/20/2020

Ökonom: Stirbt das Wirtshaus, stirbt das Dorfleben

Schließt das Beisel für immer, geht Sozialkapital verloren, sagt der Wirtschaftsprofessor Justus Haucap. Das ist ein weltweites Phänomen.

von Simone Hoepke

Wer in einem kleinen Ort wohnt, kennt das Phänomen vermutlich aus eigener Erfahrung: Es gibt immer weniger Dorfgasthäuser.  „Der Rückgang der Betriebsart Gasthaus ist ein langfristiger und kontinuierlicher Trend seit dem Jahr 1988“, bestätigt auch Österreichs Gastronomie-Obmann Mario Pulker. „Gleichzeitig zeigt sich ein Zuwachs bei den Restaurants, wobei sich diese Entwicklung in den vergangenen acht Jahren verstärkt hat.“

Aus Sicht des Wirtschaftsprofessors Justus Haucap von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sind das keine guten Nachrichten für das Sozialkapital. Denn die „Theke“ sei seit jeher ein Ort der Kommunikation. „Man setzt sich einfach hin und kommt im Laufe des Abends mit Leuten ins Gespräch, mit denen man sich nicht verabredet hätte. Das ist anders als im Restaurant. Dort setzt man sich an einen Tisch und redet in der Regel mit keinen Fremden.“ Der Informationsaustausch ist also ein anderer.

Offenbar machen sich die Iren und Briten schon lange und intensiv Sorgen um ihre Beiselkultur. Zumindest kommen von dort Studien, die belegen, dass der soziale Zusammenhalt im Dorf erodiere, sobald die letzte Dorfkneipe dichtmache, verweist Haucap unter anderem auf die Forschungen von Rick Muir. Dieser habe berechnet, dass es zwischen 20.000 und 120.000 Pfund kosten würde, eine Infrastruktur aufzubauen, die von gleichem gesellschaftlichen Nutzen wäre wie ein Pub. Dabei geht es um Informationsflüsse. Denn im Pub erfährt man von frei gewordenen Jobs, Wohnungen oder es ergeben sich Möglichkeiten der Nachbarschaftshilfe.

"Bowling alone"

„Es gibt auch US-Studien aus den 1990er-Jahren, die zeigen, dass das Sozialkapital erodiert, wenn die Leute nicht mehr zum Bowling gehen“, sagt der Volkswirtschaftler. „Bowling alone“ nannte man das Phänomen, das auch das Fehlen von Vereinen benannte. Es gäbe überhaupt „reichliche Literatur zur Kneipensoziologie“.

Gemeinsam nach der Arbeit noch zum Wirt’n zu gehen, sei übrigens kein westeuropäisches Phänomen. „Denker in London tun es genauso wie Holzhacker in Kanada oder Büroangestellte in Japan.“ Davon würden nicht nur Wirte profitieren, sondern auch Firmen und überhaupt die ganze Gesellschaft, erklärt Haucap.

Produktiver arbeiten

Denn die gemeinsamen Abende an der Schank würden auch eine Vertrauensbasis schaffen. „Bei moderatem Alkoholkonsum steigt die Arbeitsproduktivität – auch gegenüber Abstinenzlern“, zitiert Haucap eine Studie und erklärt: „Das liegt auch daran, dass man sich nicht gegenseitig kontrollieren muss, wenn man sich vertraut.“

So gesehen ist es nur konsequent, dass im karriereorientierten Japan das Feiern mit Kollegen ein absolutes Muss für die Karriere ist. Wer danach nicht mehr heimfahren kann, bestellt sich einen Fahrer, der auch gleich das Auto ordnungsgemäß in der eigenen Garage abstellt.

Feierabendbier fällt aus

Haucap ist übrigens überzeugt, dass durch das coronabedingte Homeoffice „in jedem Fall Sozialkapital flöten geht“. Denn nicht nur das Feierabendbier fällt aus, auch der Tratsch beim Kaffeeautomaten, also an der zentralen Schaltstelle des Büro-Flurfunks, ist für viele vorerst Geschichte.

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