Wirtschaft 02.04.2012

Ökonom: "Das dauert noch fünf bis zehn Jahre"

© Bild: Kurier/Schraml

Speziell den südlichen Teil Europas erwartet ein mageres Jahrzehnt, glaubt Wirtschaftsexperte Daniel Gros.

Wirtschaftsexperte Daniel Gros vom Brüsseler Thinktank CEPS fürchtet, dass die Regierungen der EU-Staaten die harte Realität übersehen.

KURIER: Die Euro-Krise ist mittlerweile aus den Schlagzeilen verschwunden. Trügt der Schein?
Daniel Gros:
Manchmal ist die Marktpsychologie ganz wichtig. Wenn der Markt sagt, es wird jetzt ein bisschen ruhiger, dann wird es auch ruhiger. Aber die grundsätzlichen Probleme sind einer Lösung keineswegs näher als vor drei Monaten. Was sich geändert hat, ist, dass jene, die damals prophezeit haben, dass nächste Woche die Welt untergeht und der Euro zerbricht, das nicht mehr tun.

Neues Sorgenkind in der Eurozone ist jetzt Spanien. Was muss der neue Premier Mariano Rajoy machen?
Bei Spanien sind die Probleme nicht schlimmer geworden, sie sind aber auch nicht einfacher geworden. Rajoy muss das Budget in dieser schwierigen Zeit unter Kontrolle bringen. Das ist aber ein mittelfristiges Problem, und da der Finanzmarkt die Situation in Spanien kennt, reagiert er gelassen.

Hat in Italien der neue Premier Mario Monti alles im Griff?
Monti hat die Situation so lange im Griff, solange ihn die Bevölkerung unterstützt. Das tut sie auch – noch. Sollte die Unterstützung schwächer werden, dann wird die Nervosität auf den Märkten wieder stärker. Ich hoffe, dass die Italiener dann einsehen, dass sie auf Monti nicht verzichten können. Niemand darf deshalb glauben, dass für Monti "veni, vidi, vici" (Er kam, sah und siegte, Anm.) gilt, und alles ist okay. Das Wichtigste ist, dass man nicht glauben soll, dass Italien gleich bankrott geht, sollte es Probleme bei den Reformen geben. Das ist nicht mehr der Fall.

2011 war in zwei Euro-Staaten Rezession, für 2012 wird acht Staaten eine Rezession prognostiziert. Sieht so eine Trendumkehr aus?
Nein, eine Trendumkehr ist das nicht. Aber dass der südliche Teil von Europa die kommenden fünf bis zehn Jahre kaum wachsen wird, dass war ohnehin schon klar. Ich rechne damit, dass diese Länder weiterhin zwischen leichter Rezession und leichtem Wachstum pendeln werden und ständig um die Null-Linie kreisen.

Am Wochenende fixierten die Finanzminister die Größe des Euro-Rettungsschirms mit 800 Milliarden Euro. Ist diese Frage außer im Hinblick auf die Marktpsychologie eigentlich wichtig?
Nein, für mich nicht. Denn selbst mit eintausend Milliarden Euro kann man im Notfall Länder wie Frankreich, Italien oder Spanien nicht retten, die sind viel zu groß dafür. Außerdem: Sollte es tatsächlich erneut zu einer Panik an den Finanzmärkten kommen, bezweifle ich stark, dass der Rettungsschirm tatsächlich ein paar hundert Milliarden an neuen Anleihen ausgeben kann.

Wie wichtig ist die Debatte zur Finanztransaktionssteuer?
Nicht sehr bedeutsam. Für mich ist das zu 90 Prozent heiße Luft, bestenfalls zu zehn Prozent ist die Debatte substanziell wichtig. Es kommt ja ganz darauf an, was das für eine Steuer sein soll, wie die Details aussehen. Und dazu gibt es aus meiner Sicht überhaupt nichts Konkretes.

Dabei setzen Österreich und Deutschland durchaus auf dieses Instrument, beide haben schon Steuereinnahmen davon im kommenden Budget eingeplant.
Das halte ich für sehr gefährlich, erstens ob die Steuer überhaupt kommt, und zweitens ist derzeit fraglich, was sie bringen wird. Das kann derzeit niemand wirklich vorhersagen. Ich würde Österreich stark davon abraten, diese Steuer bereits im Budget einzuplanen.

Was fehlt für Jobs und Wachstum, übersehen die Finanzminister derzeit etwas?
Ich denke, sie übersehen die harte Realität. Man kann in Südeuropa noch lange kein Wachstum generieren, man kann die strukturellen Anpassungen vielleicht ein wenig abfedern und das negative Wachstum klein halten. Aber Wachstum selbst kann man nicht generieren, das dauert noch fünf bis zehn Jahre – wie damals in Deutschland von 1995 bis 2005. Das ist die raue Realität, auf die man sich einstellen muss. Und auch im nördlichen Europa müssten Reformen eingeleitet werden, damit die Wirtschaft besser läuft. Aber dort – und speziell in Deutschland – sind die Politiker so selbstzufrieden, dass sie nicht im Traum daran denken, irgendwas zu tun.

Daniel Gros: Thinktank-Chefökonom

Daniel Gros (57) Der deutsche Wirtschaftswissenschafter studierte in Rom und Chicago, arbeitete unter anderem für den Int. Währungsfonds.

CEPS Das Center for European Policy Studies wurde 1983 gegründet und gilt als einer der ältesten Thinktanks für EU-Themen in Brüssel. Politisch wird das CEPS dem liberal-konservativen Lager zugeordnet, derzeit forschen dort 30 Experten in diversen Bereichen.

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Erstellt am 02.04.2012