Sir Christopher A. Pissarides erhielt in Wien die Oskar-Morgenstern-Medaille

© Kurier/Franz Gruber

Interview
10/04/2019

Nobelpreisträger: "Nicht Roboter besteuern, sondern die Besitzer"

Pissarides: Bis zu 20 Prozent der Jobs fallen weg. Neue entstehen, deren Ruf und Bezahlung müssen aber besser werden.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden 10 bis 20 Prozent der Jobs in der EU ersetzen, schätzt der Starökonom und Nobelpreisträger Sir Christopher Pissarides. Dafür entstehen aber viele neue Jobs, teilweise in Bereichen, die heute noch gar nicht zur Gänze absehbar sind, sagt er im KURIER-Interview.

Diese neuen Jobs beträfen nur zum geringeren Teil jene Ingenieure, Programmierer und Techniker, welche die Digitalisierung umsetzen. Neue Aufgabenbereiche entstehen hingegen durch die Digitalisierung in den Unternehmen selbst: Weil Routinearbeiten zusehends von Maschinen und Computern erledigt werden, können sich die Menschen der persönlichen Betreuung widmen - statt am Schalter Geld zu wechseln bleibt bespielsweise Bankangestellten mehr Zeit für die Finanzberatung.

Das mit Abstand größte Potenzial sieht Pissarides aber im Bereich der persönlichen Dienstleistungen. Diese Tätigkeiten seien durch Maschinen nicht ersetzbar. „Soft skills“ (soziale Kompetenzen) zählten deshalb künftig sogar noch mehr als technologische Fähigkeiten. Was sich allerdings dringend verbessern müsse, seien das Image und die Bezahlung dieser Jobs.

KURIER: Sie haben 2018 vor den Euro-Finanzministern vom „Krieg der Gesellschaft gegen Roboter“ gesprochen. Das ist ziemlich drastisch formuliert, oder?

Christopher Pissarides: Das waren wirklich meine Worte? Ich wollte wohl die Minister aufrütteln. In den Medien wird es oft so dargestellt, dass Roboter Einzug halten und uns die Arbeit wegnehmen. Ich würde da aber widersprechen. Die menschliche Kreativität, neue Jobs zu erschaffen, kennt keine Grenzen.

Wo genau entstehen diese?

Das ist schwer vorherzusagen. Aber schauen Sie sich auf der Straße um, überall sehen Sie Zusteller; in Lieferwägen, auf Mopeds, Fahrrädern. All diese Jobs sind erst durch das Internet entstanden.

Sie sind aber meist schlecht bezahlt. Steuern wir in eine Dienstbotengesellschaft?

Das ist eine echte Gefahr, der gegengesteuert werden muss. Wird die Spaltung des Arbeitsmarktes zu extrem, nehmen politische Radikalisierung und Extremismus zu.

Was sollte getan werden?

Diese Jobs müssen attraktiver werden; ihr sozialer Status und die Bezahlung steigen. Köche hatten früher keinen besonders guten Ruf, heute sind manche Stars. Oder Fitness-Trainer. Noch vor 30 Jahren gab es Studios bestenfalls in dunklen Ecken.

Aber lässt sich das auf die breite Masse übertragen?

Ein Hotelmanager hat gesagt: „90 Prozent meiner Kosten entfallen aufs Personal. Ich kann unmöglich die Löhne anheben, ich wäre pleite.“ Es mag schwierig sein, aber die ökonomische Antwort ist: Wenn du die Servicequalität verbesserst, erhöhe gleichzeitig den Preis pro Zimmer.

Soziale Jobs sind schlecht bezahlt, wenn überhaupt, siehe häusliche Pflege. Der Markt wird das nicht regeln.

Bei persönlichen Services sogar eher als bei den Zusteller-Jobs. Als meine Geschwister und ich professionelle Betreuung für unsere Eltern gesucht haben, fanden wir keine wirklich guten Angebote. Die hätten teurer sein dürfen, es gab sie nicht. Am Ende haben wir zwar wenig gezahlt, die Pflege war auch in Ordnung, aber das Service nicht ideal, das Gebäude alt, etc.

Welche Rolle spielt eigentlich der Staat? Sollte er Mindestlöhne festsetzen?

Ich bin für Mindestlöhne, aber nicht als Instrument der Sozialpolitik, sondern um Mängel im Arbeitsmarkt zu beseitigen, wo der Wettbewerb fehlt. Aber sie dürfen nicht zu hoch angesetzt sein. Als in den USA für Fast-Food-Lokale Mindestlöhne vorgeschrieben wurden, haben sie kein Personal abgebaut, sondern dieses besser bezahlt.

Um Risiken der Automatisierung abzufedern, wird oft ein universelles Grundeinkommen vorgeschlagen. Wo sehen Sie Vor- und Nachteile?

Es wäre einfach zu verwalten, reduziert Armutsängste und wirkt nicht stigmatisierend. Allerdings gibt es Teile der Gesellschaft, die mit dem Minimaleinkommen nicht auskommen – etwa behinderte Personen. Und es kann sehr teuer werden, wenn es zu großzügig ausgelegt ist. Ein Schema, das ein recht niedriges Grundeinkommen auszahlt, aber Aufschläge für Bedürftige vorsieht, wäre günstig. Damit bliebe auch der Anreiz, weiterhin Arbeit zu suchen.

Ceremony to mark the installation of the first robot on the production line for the new electric Fiat 500 BEV at the Mirafiori industrial complex on the 80th birthday of the plant

Eine Robotersteuer lehnen Sie ab. Ergibt das nicht eine Schieflage? Der Staat zahlt für die Folgen der Automatisierung drauf, Unternehmen tragen die Gewinne davon.

Nein, denn die Unternehmen sollen ja beitragen. Aber wir sollten die Eigentümer der Roboter besteuern, die vom Einsatz profitieren, nicht die Anzahl der Roboter. Die Steuer sollte auf die Gewinne oder die Dividenden, die ausgeschüttet werden, erfolgen. Sonst bestraft man Unternehmen, die höhere Produktivität anstreben. Eine Robotersteuer würde nicht funktionieren, weil Unternehmen ihren Standort verlagern würden. Dann wären sie in China.

In Österreich soll ein Algorithmus entscheiden, welche Chancen ein Arbeitssuchender hat, und die Fördergelder steuern. Ist das schlau?

Es klingt gut, solange es funktioniert. Die Frage ist immer: Zielt man auf jene ab, die es am meisten brauchen, selbst wenn es wenig Aussicht auf Erfolg hat? Ich bin für den möglichst effizienten Einsatz der Mittel, aber die Übrigen dürfen nicht komplett aus dem Arbeitsmarkt rausfallen.

Viele Firmen stellen ungern Personen über 50 Jahre ein. Was kann getan werden?

Das ist sehr kurzsichtig. Jobs werden ohnehin nur für kurze Zeit angenommen, für drei oder vier Jahre im Schnitt. Warum stellt eine Firma einen Dreißigjährigen ein, nur weil 35 Berufsjahre vor ihm liegen? Solange ist er ohnehin nicht im Betrieb.

Ältere Arbeitnehmer sind im Regelfall aber auch teurer.

Sie sind dann teurer, wenn sie beim Einkommen dort fortsetzen, wo sie aufgehört haben. Wenn jemand nicht in Armut zurückfällt, weil sein Einkommen um 20 Prozent sinkt, sollte das für ihn akzeptabel sein. Dafür braucht es mehr Flexibilität, auf beiden Seiten.

Unter den Zuhörern und Gratulanten waren viele Studenten und Forscherkollegen wie IHS-Chef Martin Kocher (vorne links)

Wissenschaftsministerin Iris Rauskala gratuliert gemeinsam mit Dekan Nikolaus Hautsch

Vizerektor Jean-Robert Tyran sprach die Begrüßungsworte

Ministerin Rauskala, Preisträger Pissarides, Dekan Hautsch

Zur Person: Sir Christopher Pissarides

Warum gibt es Arbeitslose, wenn doch gleichzeitig Stellen offen sind? Das Rechenmodell zur Beantwortung solcher Fragen hat Christopher Pissarides und seinen Kollegen Peter Diamond und Dale Mortensen 2010 den Wirtschaftsnobelpreis eingebracht. 

Der zypriotisch-britische Staatsbürger wurde 1948 in Nikosia geboren. Unter seinen vielen Universitätsstationen findet sich auch 1992 ein Lehrauftrag am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Er lehrt gegenwärtig an der London School of Economics (LSE), in Zypern und Hongkong. 2013 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen. Am 3. Oktober 2019 erhielt er dieOskar-Morgenstern-Medaille der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Uni Wien verliehen. Die früheren Preisträger waren Ernst Fehr (2017), Robert F. Engle (2015) und Roger B. Myerson (2013).

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