Der Asiaten Hunger nach Tierischem

Marktamt Wien, Fleischkontrollem Wurst, Fleisch
Foto: KURIER/Deutsch Gerhard Bad news fürs Klima: In den Schwellenländern steigt der Appetit auf Kostbarkeiten vom Fleischhauer

Organisationen warnen im neuen Fleischatlas vor Umweltproblem.


Der Wilhelminenberg zu Wien. Wo heute das Wilhelminenspital steht,  grasten vor 100 Jahre Kühe, daneben gab es Äcker. Traditionelle Landwirtschaft eben, erinnert sich der 101-jährige Robert Hacker in der Ö1-Sendung „Journal Panorama“ (13. 1. 2014). Die Weidehaltung ist verschwunden, so wie fast alle Augenzeugen dieser traditionellen Wirtschaftsweise im frühen 20. Jahrhundert. „In der Sandleitengasse gab es damals ein Kinderheim, das waren Baracken, da haben wir Kinder etwas zu essen bekommen.“

Der Hunger, den der Straßenbahnersohn aus Wien-Ottakring als quälend empfand, ist heute in Österreich kein Thema mehr. Es gibt Fleisch im Überfluss, rund 60 Kilogramm werden pro Einwohner und Jahr  verzehrt, 12 Kilo davon macht das Rindfleisch aus. Das ist zwar mehr als im EU-Durchschnitt, europaweit stagniert der Fleischkonsum aber auf hohem Niveau.

Die Fleischproduktion wird von Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien beflügelt. Sie essen zwar zum Teil noch deutlich weniger als wir – die Chinesen aktuell nur 3,4 Kilo Rindfleisch – bei vielen Tiergruppen sind sie aber auf der Überholspur. Die Südafrikaner etwa essen 12,6 Kilo Beef pro Kopf und Jahr. Um diese steigende Nachfrage zu befriedigen, werden Bauern bis 2050 an die 470 Millionen Tonnen Fleisch erzeugen müssen, statt wie heute 300 Millionen. Das steht im Fleisch-Atlas, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin. In keinem anderen Land der Welt wird demnach insgesamt so viel Fleisch produziert und gegessen wie in China. Dort ist vor allem Schweinefleisch  beliebt, 29 Kilo pro Kopf und Jahr sind eine eindrucksvolle Leistung. Chemnitz: „Die Böll-Stiftung hat Büros in China und Indien, auch dort gibt es Bevölkerungsgruppen, die sagen, nach all den Nahrungsmittels-Skandalen der jüngsten Vergangenheit wollen wir diese industriell produzierten Lebensmittel nicht“, sagt Christine Chemnitz,  Agrarexpertin der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin. Am asiatischen Fleischboom ändert dieser Minitrend   nichts. Eine Entwicklung mit unangenehmen Folgen für das Klima.

18 Prozent der Treibhausgase gehen auf die Produktion von  Fleisch- und Milchprodukten sowie Eiern zurück. Die Treibhausbilanz von pflanzlichen Produkten ist um den Faktor 10 geringer. Die Bauern sind nicht nur Opfer, sondern auch Täter beim Klimawandel. Die  Tiere sind schließlich nicht mehr auf der Weide, sondern im Stall. Der  Boden unter den Weiderasen speichert , er ist eine Senke für das wichtigste Treibhausgas, sagt Chemnitz. Wird Grasland – und im schlimmsten Fall Regenwald – umgebrochen und in Ackerland verwandelt, wie in Argentinien und Brasilien, wird zusätzliches frei.

Grasende Kühe stoßen zwar klimabelastendes Methan aus, die Weidefläche kann allerdings Klimagase in etwa gleicher Höhe des Ausstoßes binden. Das klappt aber nur, wenn die Wiesen nicht von zu vielen Tieren oder mit Mineralstoffen überdüngt werden und sich das Wurzelwerk der Gräser und Kräuter über Jahre ungestört vom Pflug entwickeln und dabei große Mengen  einlagern kann. Und die grasenden Rinder dürfen kein zusätzliches Kraftfutter aus Getreide und Soja bekommen.

Genau das passiert aber. Statt Gras bekommen die Tiere heute Soja. Dieses wird mit viel Dünger und großem Herbizideinsatz hergestellt. 260 Millionen Tonnen Futtermittel werden bereits produziert, in Zukunft sollen es 515 Millionen Tonnen sein. Auf 70 Prozent der Felder der Erde wird  Tierfutter angebaut. Für Samstag bereiten Böll-Stiftung und BUND eine Demonstration in Berlin vor. Zu Beginn der größten Agrarmesse der Welt, der Grünen Woche, wird auf diese unerwünschten Nebeneffekte aufmerksam gemacht.

Neun Prozent der Österreicher leben bereits vegetarisch

Unsere Kultur ist von Fleisch geprägt: Die Österreicher essen heute fünf Millionen Schweine jährlich, pro Kopf sind das etwa 40 Kilogramm. Und das Fleisch  wird immer billiger. Vor 40 Jahren kostete ein Kilogramm noch vier Mal so viel wie heute. Für Ernährungswissenschafterin Hanni Rützler  sind das die Folgen der „Demokratisierung des Fleischkonsums“,  die seit den 1950er-Jahren stattfindet. „Fleisch war ein Festtagsessen, mit den 70er-Jahren wurde es  zur Alltagsnahrung“.

Die Zahlen des neuen, weltweiten Fleisch-Atlas bestätigen dies. „In Europa ist der Zenit erreicht. Hier fokussiert der Konsument wieder mehr auf Qualität. Wir setzen uns also intensiver mit der Thematik auseinander“, sagt Rützler. Das zeige sich in neu auftauchenden Verbrauchergruppen, etwa Flexitarier. Das sind Menschen, für die es nicht immer Fleisch sein muss. „Es geht nicht um Verzicht, sie sind vielmehr neugierig auf andere Speisen und Kulturen.“

Andere Ernährungsformen sind angesichts dessen gefragter denn je. Im Vorjahr verkostete Rützler als Erste einen Labor-Hamburger aus Stammzellen, auch Insekten wird Potenzial bescheinigt. Die Expertin sieht für beides im deutschsprachigen Raum wenig Chancen in den nächsten Jahren. Die kulturellen Hürden seien zu hoch.

Bei rein pflanzlicher Nahrung  gibt es weniger Berührungsängste. „Vegan ist das neue Bio“, sagt Felix Hnat von der Veganen Gesellschaft Österreich. Seit einigen Jahren erlebt der Verein „dynamische Zuwächse“ bei den Mitgliedern.  Laut einer IFES-Studie lebten 2013  neun Prozent der Österreicher vegetarisch. Ein Prozent  geht noch weiter und setzt auf Veganismus und verzichtet komplett auf tierische Produkte. Bekehren wolle man niemanden, betont Hnat. „Wir wollen zeigen, dass es Alternativen zum übermäßigen Fleischkonsum gibt.“

 

(APA) Erstellt am
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